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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 26. Mai 2017 | 22:50

     

    Arvid Krishna Mehrotra (Hrsg.): Indische Dichter der Gegenwart

    06.10.2006

     
    Das Wort wirkt – Die Welt nicht

    Mit der Anthologie
    Indische Dichter der Gegenwart bekommen die Leser und Leserinnen eine überschaubare und spannende Einführung in die indische Poesie.

     




           
            Im 14. Stock
    rauscht der Michigan See und rauscht
    am Fenster. Dein Daumennagel
    knackt eine Hummerlaus an der Fensterscheibe

    vom Haar deiner Tochter
    und mit offenem Haar tauchst du

    zu den indischen Inseln, den Antipoden
    Und immer wieder bist du so perfekt und normal

    (...)

    In diesen Versen von A. K. Ramanujan verbirgt sich das Drama Indiens. Das Drama, dass es kein einheitliches Indien gibt. Weder religiös noch gesellschaftlich, noch auf dem Gebiet der Technologie oder der Intelligenz oder der Sprache. Die Liste ließe sich fortsetzen. Indien ist immer nur ein Tupfer von all dem, was es sein könnte, aber nicht ist. Es gibt viele Indiens, aber keines, das wir erklären könnten. Diesen Zustand der Erklärungsnot finden wir auch in dem soeben erschienenen Lyrikband Indische Dichter der Gegenwart wieder. Der Herausgeber Arvind Krishna Mehrotra beschränkt sich bei seiner Auswahl auf die englischsprachigen Gedichte seiner Autoren. Da in Indien achtzehn verschiedene Sprachen gesprochen werden, die Dialekte nicht einbezogen, hat er sich auf der Suche nach aktuellen indischen Texten klar positioniert.

    Und immer wieder bist du so perfekt und normal (...), schreibt A. K. Ramanujan in einem Vers, um in der nächsten Zeile mit einem iii, das als Aufschrei daherkommt, sein aufgebautes Pseudogebäude mit einer Vokalintonation zusammenstürzen zu lassen. Und dann erklärt er in der nächsten Zeile:

    Jetzt weißt du, hast es schon immer gewußt:
    das Land ist nicht zu erreichen

    Die gelungenen Verskonstruktionen dieses Gedichtauszugs aus Chicagio Zen klingen auch noch in der deutschen Übersetzung aus dem Englischen nach, was allerdings eine Ausnahme in seinen Gedichten bleibt.

    Beim Autobahnstriptease begnügt er sich mit einer banalen Verskonstruktion, indem er einen Prosatext in den Zeilen bricht. Dennoch wird dieser künstliche Zeilenbruch nicht zu einem Gedicht. Es bleibt Prosa, nur die Zeilen sind nicht so lang.

    Es scheint, als ob die indischen Lyriker, auch hier sind die Männer dominierend, noch auf der Suche nach einer eigenen lyrischen Identität, einem lyrischen „Ich“ indischer Dichtkunst wären: ein spannender Prozess, der in dieser Anthologie authentisch dokumentiert wird. Die indische Gegenwartslyrik ist noch in der Metamorphose. Wir dürfen gespannt sein, wohin dieser Prozess führen wird. Im Augenblick aber finden wir indische Dichtkunst überwiegend als eine Nachahmung europäischer und amerikanischer Lyrik vor. Zugegeben, durchsetzt mit indischen Farben und Klängen, aber immer auch eine Adaption westlichen Sprachgefühls. Vielleicht liegt es daran, dass der Herausgeber Arvid Krishna Mehrotra seinen Fokus nur auf englischsprachige Gedichte gerichtet hat.

    Mit der Anthologie Indische Dichter der Gegenwart bekommen die Leser und Leserinnen eine überschaubare und spannende Einführung in die indische Poesie.

    Rüdiger Heins


    Arvid Krishna Mehrotra (Hrsg.): Indische Dichter der Gegenwart. Eine Anthologie englischsprachiger Lyrik Indiens. 208 Seiten. Wunderhorn 2006. 207 Seiten. 24.80 Euro.

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