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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. April 2017 | 03:32

     

    Martin Dragosits: 5 Gedichte

    20.07.2006

    Die Patenschaft hat Erich Fried hier inne. Er leiht diesen Gedichten ihren kaum entscheidbaren Ton zwischen Anklage und Analyse. Kleine Versuchsanordnungen mit Wortchemikalien, lyrische Erpresserbriefe mit wie aus der Zeitung geschnippelter Realität und - mit Nebelcrème! Politisch unbedingt. Nur politisch niemals.
    (Die Redaktion)

     

    Damals, 2004, Mai.

    Ob die Getöteten Teil einer
    Hochzeitsgesellschaft
    oder Aufständische waren
    ob es Freudenschüsse
    oder bewaffneter Widerstand
    gewesen ist
    ob unter den vierzig oder
    fünfundvierzig Leichen zehn oder
    fünfzehn Kinder gelegen sind
    jener Faden der zwischen hell
    oder dunkel unterscheidet
    der gilt hier nicht

    Die Torheit der Regierungen
    gilt es zu beschreiben
    Kriege die nicht zu
    gewinnen sind
    in denen jeder Schritt
    einer gewonnen Schlacht
    das Unheil sicherer verstrickt
    und wie in einer griechischen
    Tragödie
    sich zuspitzt
    auf eine fürchterliche
    Fortsetzung



    Vorbereitung

    Einen Streifen aufleuchten lassen
    am gesäuberten Horizont
    Klare Farben am Rand der Mittagssonne
    vorbereitete Perspektiven
    unter fadenbreiter Beobachtung
    Pandemische Freudenspuren
    als Ergänzung für die Gäste
    Spiegelgeflechte

    Wirksame Absolution
    nach
    wolkentiefer Erwartung



    Interregnum II

    Der Papst ist tot
    Es lebe der Papst

    Schwarzer Rauch
    Ohne den süßlichen Gestank
    Der Gekreuzigten
    Jesus
    Die Geringsten Deiner Brüder
    Haben gewartet
    Auf Engel und Trompetenscharen

    Schwarzer Rauch
    Wolkensteine mit Nebelcrème
    Moving Targets

    Kleine Puppen haben gewartet
    Weißer Rauch



    Richtungsstreit

    In einer anderen Liga spielen.
    Zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
    Mit Trompetenfüßen auf dem Boden.

    Wohin schlägt das Herz?

    Aufbäumen
    mit gesponnenen Fäden.



    Freitag Abend

    Meine Funktion ist zweckmäßig
    Gebrauchs- und Unterhaltungswert
    Ein Lachen am Rande
    Musik in den Ohren
    Konkurrierende Updates
    Das Angebot ist vielfältig
    Von ausgesuchter Qualität
    Gerade Blicke
    Offen angetragen
    Schweigen als Reserve
    Hoffnung auf Distanz
    Momente besonderer Empfindsamkeit
    Das Schlagzeug im Hintergrund
    Scharf unterscheidbar
    Die Fernbedienung am Couchtisch
    Ein Glas Bier
    Das Fernsehprogramm der nächsten Woche
    Einkaufszettel
    Ambitionen
    Zuerst unbelohnt
    Dann unbestätigt
    Rhythmus
    Auf selbständiger Reise
    Veranschlagt
    Ordentlich eingereiht
    Die Prioritäten der Außenwelt
    Marsringe
    Digitalisierter Aufmerksamkeit
    Schreiben
    Festhalten
    Vergegenwärtigen
    Als wenn Papier
    wirklich geduldig wäre
    An einem Freitag Abend
    Der sich senkt
    In der Mitte einbricht
    Geschichte wird




    Martin Dragosits

    Geboren 1965 in Wien, arbeitet in einem Informatikunternehmen, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Veröffentlichungen in Zeitschriften, o­nline-Magazinen und Anthologien in Österreich, Deutschland und der Schweiz.
    Martin Dragosits, Rosensteingasse 71/11, 1170 Wien
    martin.dragosits@chello.at

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