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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. Juli 2017 | 18:58

     

    Selma Meerbaum-Eisinger: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt

    04.05.2006

    Lieder der Sehnsucht

    Sonne. Und noch ein bisschen aufgetauter Schneeund Wasser, das von allen Dächern tropft,und dann ein bloßer Absatz, welcher klopft,und Straßen, die in naßer Glattheit glänzen,und Gräser, welche hinter hohen Fenzenda stehen, wie ein halb verscheuchtes Reh …

     

    „Frühling“ nennt eine jungen Dichterin ihre Verse, die sie am 17.03.1940 geschrieben hat. Zunächst erscheint das nicht ungewöhnlich, denn es gibt unzählige Gedichte, die sich Frühling nennen und die Freude über das Ende des Winters und den Beginn einer milderen Jahreszeit zum Thema haben. Doch dieses Mal ist es anders. Wir begegnen in dem soeben erschienen Gedichtband „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ einer jungen Dichterin, deren Leben einem Roman gleicht, der bisher noch nicht geschrieben worden ist.

    Wären da nicht ihre Gedichte, würden wir noch nicht einmal ihren Namen kennen: Selma Meerbaum-Eisinger. Als 15-jährige beginnt sie an Weihnachten 1939 im rumänischen Czernowitz ihr erstes Gedicht zu schreiben. „Lied“ nennt sie ihre ersten lyrischen Handabdrücke, die sie ihrem geliebten Freund Lejser Fichman widmet. Sie schreibt ihre Gedichte in deutscher Sprache. Selma, die mit ihren Eltern im Getto des bulgarischen Czernowitz eingepfercht wurde, ist im außen ein junges Mädchen wie alle andere (abgesehen davon, dass Sie Jüdin ist und im Getto lebt) auch, aber in ihrem Innern gibt sie sich den fantastischen Welten der Lyrik hin und dichtet. Sie dichtet am Morgen, sie dichtet am Abend, sie dichtet im Getto.
    Dann wird das Rauschen zum raunenden Schallen,
    Zum Murmeln von müder Süße.
    (Auszug aus dem „Regenlied“ vom 01.08.1941)

    Die Verse, die sich zu melodischen Klangkulissen der Sprache verdichten, schreibt sie von Hand in einen eigens dafür vorgesehenen Gedichteband, dem sie den Titel „Blütenlese“ gibt. Noch kurz bevor sie mit ihrer Familie in ein Arbeitslager in die Ukraine mit ihrer Familie verschleppt wurde, gelingt es ihr (vielleicht ahnte sie bereits ihren frühen Tod) den Gedichteband einer Freundin anzuvertrauen. Else Schächter, so heißt ihre Freundin, soll das Buch dem Geliebten zukommen lassen.
    O lege, Geliebter
    Den Kopf in die Hände
    Und höre, ich sing` dir ein Lied.
    Ich sing` dir von weh und von Tod und vom Ende
    ,ich sing` dir vom Glücke, das schied.
    (Auszug aus dem „Schlaflied für die Sehnsucht“ 23.12.1941)

    Es gelingt Else Lejser das handgeschriebene Buch von seiner Geliebten zukommen zu lassen, der sich gerade in einem rumänischen Zwangsarbeitslager aufhält. Doch. Wenig später gibt er es Else wieder zurück, weil er eine nicht ungefährliche Schiffsreise nach Palästina plant, um dort dem Terror der Nazis zu entgehen: „Aber ich will auch nicht, dass die Gedichte Selmas verloren gehen, wenn ich es nicht schaffe.“ Lejser Fichtmann wird niemals ankommen. Das Passagierschiff mit jüdischen Flüchtlingen wird von einem sowjetischen U-Boot, am 05. August 1944, dem zwanzigsten Geburtstag Selmas, versenkt.
    Hast geweint und hast geklagt,
    nun will ich dich wiegen.
    Leg den Kopf auf meine Knie –
    so ist es gut liegen.
    (Auszug aus dem „Schlaflied“ vom 11.07.1944)

    Schließlich gelangen die Gedichte nach Israel, verschwinden dort, weil die deutsche Sprache verpönt ist, in einem Banktressor und tauchen auch mit Hilfe von Ulla Hahn wieder auf. Zunächst erscheint der Band 1968 in der DDR. Alle 57 in der „Blütenlese“ werden zum ersten Mal einem größeren Lesepublikum vorgestellt.Selma beschreitet mit ihren Gedichten einen unsichtbaren Kreis von hinterlassenen Spuren menschlichen Lebens in einer Zeit der etablierten Unmenschlichkeit. Denken wir in diesem Zusammenhang an das Tagebuch der Anne Frank, auch sie hatte vermutlich nie im Traum daran Gedacht, dass ihre Aufzeichnungen einmal in Form eines Buches um die Welt gehen.Czernowitz, die Stadt, in der Selma geboren wurde, ist auch die Stadt des Paul Celan (der übrigens ein Verwandter von ihr war) und Czernowitz ist auch die Stadt in der Rose Ausländer geboren wurde.

    Es sind nicht die einfachen Liebes- und Sehnsuchtsgedichte einer jugendlichen Dichterin, die ihr Herzensleid in Verse kleidet, die ein Poesiealbum mit Worten zieren. Wir begegnen hier einer jungen Dichterin, die ihr lyrisches Handwerk versteht. Über das handwerkliche Verständnis hinaus bedient sie sich in ihren lyrischen Versen einem „mädchenhaftem Charme“, der die Zeilen zum Klingen bringt. Keine Frage, mit Selma Meerbaum – Eisinger begegnen wir einer Dichterin, die weiß, wohin die Verse sie führen. Sie verliert nicht die Kontrolle über Metrik und Kadenz ihrer Dichtung. Alles ist geplant, alles ist durchstrukturiert, alles ist Klang.Da dichtet eine junge Frau etwas ganz Großes! Ohne die Absicht, das zu tun. Vielleicht ist dass der Schlüssel zum Erfolg: Dichten ohne Anspruch. Selma Meerbaum – Eisinger hat ihren Erfolg nicht mehr erlebt. Sie schreibt am 23.12.1941 ihr vermutlich letztes Gedicht „Tragik“
    Das ist das Schwerste: Sich verschenken
    Und wissen, daß man überflüssig ist,
    sich ganz zu geben und zu denken,
    daß man wie Rauch ins Nichts verfließt.

    Selma stirbt am Abend des 16. Dezember 1942 im Lager Cariera de piatra westlich des Bug.

    Rüdiger Heins


    Selma Meerbaum–Eisinger: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt
    Hoffmann und Campe
    ISBN3-455-05171-5

    Als Hörbuch erschien ebenfalls bei Hoffmann und Campe die CD „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ Gedichte von Selma Meerbaum – Eisinger, gesprochen von Iris Berben.

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