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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. Juli 2017 | 22:31

     

    Pia Juul: Augen überall

    18.02.2004

     
    Mit schmerzlicher Offenheit

    Als ihr Gedichtband "Das Niesen des toten Mannes" erschien, war das der Nachrichtensendung im dänischen Fernsehen eine Meldung wert. Nun können wir überprüfen, was Pia Juuls Gedichte erzählen.



     

    Es gibt sie noch, die kleine Ecke am Ende all der Regale, wo ein Schildchen "Lyrik" ausweist. Meist irgendwo links unten, so dass man richtig in die Knie gehen muss und einmal sieht, was für einen Teppichboden der Buchladen hat. Umgekehrt hat Lyrik noch immer einen passablen Ruf, vermutet man unter einem Lyriker - oder noch eher: unter einer Lyrikerin - einen durchaus ernsthaften und leicht asketischen Menschen, der an seinem nur mit einem Blatt Papier bedeckten Schreibtisch mit dem Gewicht der Wörter ringt. Was dabei herauskommt ist nicht unbedingt seitenstark und schon gar nicht unterhaltsam; sondern irgendwie abseitig, seltsam, undurchsichtig.

    Das ist in Skandinavien etwas anders. Hier gilt Lyrik als eine Kunst unter anderen, sie ist lange nicht so belastet von der Vorstellung hymnischer Höhenflüge, sondern darf sich auch in den Niederungen des Gemeinen bewegen. Und: Auch gestandene Romanschreiber und Erzähler können - ja, müssen! - eine handvoll Lyrikbände vorweisen und diese werden entsprechend verlegt und verkauft. In Dänemark etwa kann für die letzten Jahre ein regelrechter Lyrikboom verzeichnet werden.
    Eine ihrer wichtigsten Vertreter ist Pia Juul. 1962 geboren, debütierte sie 1985 mit ihrem ersten Gedichtband. Sie gehört zu der Lyrikgeneration, die - beeinflusst von Inger Christensen und Paul Borum - sich wieder mehr der Sprache denn der Botschaft widmet und dennoch nicht der reinen Form und dem Klangexperiment jenseits einer möglichen, auch politisch ausdeutbaren Botschaft verpflichtet ist. Nun hat man zwei ihrer Bücher zusammengefasst und ins Deutsche übertragen. Aus "Das Niesen des toten Mannes" (1993) und "sagte ich, sage ich" (1999) wurde "Augen überall".

    Pia Juuls Gedichte kennen keine Überschriften. Sie heißen also nicht nach dem, was sie am Ende aussagen sollen. Statt dessen geht es mitten hinein in die Welt der Beobachtungen, der Schilderungen im Rhythmus der Sätze: "Seine dürre Hand" oder "Wir suchen einen Platz zum schlafen"; Anfangssätze, die einen sogleich auf die Spur setzen: Hier wird das Zusammenleben oder auch das Nichtzusammenleben von Menschen thematisiert. Mann und Frau, Frau und Mann, Kind und Eltern, das sind Begegnungsstätten, wo es sich reibt, wo es knirscht und wo am Ende einer zurück bleibt, der wenigstens in Worte zu fassen versucht, was passiert ist, seitdem der andere weg oder nicht mehr ganz anwesend ist. Und dabei ist die Dichterin durchaus parteiisch: "Sie hängt an ihrer Mannes Lippe/ Eine Frau aus Haut und Knochen/ Im Dämmerlicht/ nimmt sie ihn auf den Rücken/ durchs Moor".
    Das hat nichts zu tun mit angestrengter Bekenntnislyrik, wie wir sie aus den späten Siebzigern kennen. Pia Juul rechnet nicht den gemeinen Alltag von Männern und Frauen auf, um daraus pseudopoetische Ableitungen fürs Allgemeingültige zu schmieden. Juuls Gedichte sind vielmehr von einer gewissen enttäuschten Erotik geprägt; das Ergebnis all der Bemühungen zwischen ihm und ihr desillusioniert, ist aber frei von moralischen Grundsatzurteilen. Juul schreibt, sie argumentiert nicht. Sie schildert und fragt noch im Schildern stets nach der Empfindung der Betrachterin: "JA! Ruft ein Mann hinter der Wand/ nein, nein, nein, haucht sie vermutlich/ Beide meinen dasselbe/ Ich stehe auf/ und lege mich wieder hin/ als hätte mich einer verlassen/ Ich weiß nicht/ was ich sage".

    All das beschreibt sie mit schmerzlicher Offenheit, mit einer Genauigkeit, die zuweilen erschreckt. Oft schwebt aber auch ein Zug milder Trauer durch die Sätze; artikuliert sich ein Wissen, das mit Zwang und auch mit Absicht und auch mit Wollen nicht viel zu erreichen ist: "Der Nachtfalter will herein/ Aber er will nicht herein/ aber er will gern/ aber er will nicht herein".
    "Wir haben für alles Wörter, aber nicht für alles Verständnis", so hat es ihr Übersetzer Peter Urban-Halle einmal während einer Lesung mit ihr ausgedrückt. Und Pia Juul nickte eifrig und setzte mit einem nicht minder klaren und zugleich uneinholbaren Satz hinterher: "Jeder erinnert sich. Aber niemand erinnert sich an das, so wie es wahr." Dann steckte sie sich eine Zigarette an.

    Die Frauen sind Spione
    ohne Mummenschanz
    leibhaftig nackt in der Tat
    vielleicht dünn bekleidet
    Sie wispern und flüstern und
    schmieren den halbtoten
    Männern Honig ums Maul
    Und untermischt mit
    dumpfem Keuchen
    kommt es herauf und
    kommt es heraus
    Doch nie ziehn sie
    Nutzen aus dem
    Geheimnis


    Frank Keil Behrens


    Pia Juul: Augen überall
    Aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle
    DVA 2001, 110 Seiten, 28 DM
    ISBN-Nummer: 3-421-05451-7

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