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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 30. Mai 2017 | 11:15

     

    Ernst Jandl: Briefe aus dem Krieg. 1943-1946.

    06.02.2006

    Viel Lärm um Nichts

    Ernst Jandl ist vielen als Verfasser von Gedichten bekannt; nun soll er der Öffentlichkeit noch als Briefautor präsentiert werden. Ein Projekt, das aber fehl schlägt, denn die „Briefe aus dem Krieg“ heben sich in keinster Weise qualitativ aus der Masse der Feldpost des Zweiten Weltkriegs hervor.

     

    Ob man dem Werk Ernst Jandls mit dieser Veröffentlichung einen Gefallen tut? Zugegeben: der Dichter hat es verstanden, den Krieg und all die Schrecken, die damit verbunden sind, für sein lyrisches Oeuvre fruchtbar zu machen. Jandl transportierte, ganz im Gegensatz zu so vielen anderen, traditionelleren Gedichteschreibern, den Krieg als ein auditives Phänomen in seine Arbeiten hinein. „Der Krieg singt nicht“, sagte der österreichische Schriftsteller mit Blick auf eines seiner bekanntesten Gedichte „schtzngrmm“, einem Text, dem die Vokale entzogen sind und der durch die gezielte Versifikation einer Konsonantenfolge die Geräuschkulisse in einem Schützengraben versucht nachzubilden.
    Krieg hat bei Jandl immer eine Rolle gespielt, und so entbehrt es nicht einer gewissen Logik, den autobiografischen Fährten nachzujagen, Jandls Weg als Kriegsteilnehmer zu verfolgen und zu schauen, in welchen Dokumenten bereits der junge Dichter sich ausspricht. Genau hierin liegt aber das Problem, denn die in dem von Klaus Siblewski herausgegebenen Band „Briefe aus dem Krieg“ versammelten Texte geben uns nurmehr schwache Hinweise darauf, dass wir es hier bereits mit einem Schriftsteller zu tun haben.

    An die Wand der Empirie genagelt
    Jandl schrieb diese Briefe im Alter von 18 bis 21 Jahren. Sie unterscheiden sich vermutlich von der Feldpost der meisten anderen Soldaten nur in einem etwas elaborierterem, den Kräf-ten einer differenzierten Sprachauffassung Sorge tragenden Stil und sind auf einer rein inhaltlichen Ebene – man muss es einmal so deutlich sagen – wirklich langweilig. Worum geht es? Meistens um Dinge von eher technischer Art: um die Unterkunft, um das Essen, um Gesundheit, um Zigaretten etc. Diese Briefe sind so stark an die Wand der Empirie genagelt, dass man als Leser Schwierigkeiten hat, sich in die Situation des jungen Jandl hineinzuversetzen. Forciert wird die Tatsache noch dadurch, dass nur Jandls Briefe Eingang in diesen Band gefunden haben, weil schlicht und einfach die Gegenkorrespondenzen nicht mehr existieren.
    Der Textkorpus wirkt in einem gesondert editierten Band mit dem Titel „Briefe aus dem Krieg“ immens aufgeblasen; die Dokumente bekommen eine Wichtigkeit, die ihnen wohl kaum zusteht, da sie Jandl als einen Soldat unter vielen präsentieren, was ja auch gar nicht erstaunlich ist, weil sein Werk nicht in der Autobiografie, sondern in der Lyrik begründet ist. Wenn es nun irgendetwas die poetischen Arbeiten oder die Biografie nachhaltig Erhellendes in den Briefen geben würde, dann ließe sich dieses Buch mit gutem Recht empfehlen. Es scheint aber in erster Linie nur für Spezialisten, für Jandl-Experten zu sein. Wer von Jandl noch gar nichts gelesen hat, wird erschüttert sein, über die Gewöhnlichkeit dieser Dokumente. Vielleicht wäre es besser gewesen, diese Briefe in einer Literaturzeitschrift zu publizieren, in einem bescheideneren Rahmen. Aber mit dieser Buchveröffentlichung zeigt sich einmal mehr, welcher Aufwand betrieben wird, wenn ein Schriftsteller erst einmal en vogue ist - was Jandl sicherlich auch verdient hat, und doch lässt sich guten Gewissens aus dem Nachlass wohl nur dann publizieren, wenn es die Qualität erlaubt und nicht, weil die Nachfrage vielleicht gerade da ist.

    Jugendliche Naivität
    Natürlich merkt man Jandl die Animositäten gegenüber dem Soldatenleben an, doch genauso zeigt sich seine Jugendlichkeit und eine Aufgeregtheit und Abenteuerlust in puncto Krieg. So heißt es nach einer Schießübung: „Das Schießen macht mir große Freude (wir werden jetzt jede Woche gehen) – weniger meinen Ohren.“ Hier spürt man noch eine gewisse Sorglosig-keit, ja fast Naivität im Umgang mit den Materialien des Krieges, die wohl vor allem auch auf sein junges Alter zurückzuführen ist. Außerdem wird mit diesen Sätzen ein Ansicht von Klaus Siblewski widerlegt, der meint: „Jandl besaß einen ungewöhnlich wachen Blick – und das unterschied ihn von der Masse seiner Altersgenossen mit höherer Schulbildung. In der Mehrzahl zogen diese im Jahr 1943 noch immer kriegsbegeistert zum Militär und wollten für Fam-lie und Vaterland siegen. Jandl dagegen waren Heroismus, Nationalismus und patriotisches Tremolo welcher Couleur auch immer zutiefst fremd und sollten das auch während seiner Zeit beim Militär bleiben. Er blieb ein Zivilist, auch als er die Uniform übergezogen hatte, und dies kommt in jeder Zeile seiner Briefe zum Ausdruck: In ihrer erstaunlichen Unabhängigkeit.“ Was hier aber vor allem zum Ausdruck kommt, ist das Bedürfnis des Herausgebers, diese Briefe aus dem Sumpf der Mittelmäßigkeit zu ziehen. Man mag an ihnen vieles finden oder auch nicht, aber „Unabhängigkeit“ steckt wohl nur in homöopathischen Dosen drin. Auch scheinen sie mir nicht sonderlich authentisch zu sein, die Herzlichkeitsformeln, mit denen Jandl sich bei seiner Familie für Präsente und Briefe bedankt wirken fast großväterlich und bieder. 1942 heiratet Jandls Vater zum zweiten Mal, und man ist fast peinlich berührt, wenn der achtzehhnjährige Jandl sie dann bereits „Mama“ nennt.

    Thomas Combrink


    Ernst Jandl: Briefe aus dem Krieg. 1943-1946. Herausgegeben von Klaus Siblewski. Luchter-hand Literaturverlag: München 2005. 173 Seiten. ISBN 978-3-630-87223-0. 16,90 Euro.

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