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Lawrence Ferlinghetti: A Coney Island of the Mind

02.02.2006


Durchgeschütteltes Herz

Der doppelte Ferlinghetti: gesammelt und auf Deutsch. Das dichterische Hauptwerk des Vaters der Beat-Generation liegt vor. Und es macht Spaß.

 

Im Jahre 1958 veranstaltete Lawrence Ferlinghetti „eine Art Zirkus der Seele“ und nicht weniger „eine Art Coney Island im Hirn“. Unter dieser Überschrift erschienen 29 Gedichte von ihm, die in den USA zu „einer Art“ Long- und Bestseller wurden. Ca. 500000 Einheiten wurden abgesetzt. Das ist für Gedichte eine ganz erstaunliche Zahl, zumal der Autor noch zu den Lebenden zählt.

40 Jahre später erschien „A Far Rockaway of the Heart“, „eine Art“ Fortsetzung der Arbeit aus den 50er Jahren, geschrieben in einer und für eine radikal gewandelte Zeit, aber mit den annährend gleichen Mitteln. Beide Sammlungen liegen nun auf Deutsch in einem Band vor, aufgestockt um weitere, vom Autor ausgewählte Gedichte, darunter die „Oral Messages“, die vieles von dem vorwegnehmen, was kurz darauf in größerem Maßstab unter dem Firmensignet der Pop-Literatur losbrechen wird.

Doch Ferlinghetti ist nicht Pop, er ist Beat. Er ist sogar der Vater der Beat-Generation. Wobei ihm hauptsächlich sein City-Lights Label und die Herausgeberschaft von z.B. Allen Ginsburgs „Howl“ zu diesem Titel verholfen haben dürften.
Beat verheißt Abweichung von der Norm, Bruch mit dem bürgerlichen Bildungshorizont, der bei kanonisierten Meistern endet und Entwicklungen erst wahrnimmt, wenn sie bereits abgeschlossen also tot sind; Beat soll bedeuten: ins Offene vorstoßen, ins künstlerisch noch nicht begangene Gebiet und dabei gar nicht so sehr auf die Kunst achten, auf die Kunst als geheiligte Sphäre großer Geister. Hier wird Literatur – in langer Traditionslinie freilich – zum Mittel der Befreiung aus den Klauen der aktuellen Konvention und muss als solche stark zeitgebunden sein; Ausdruck der Zeit, in der sei entsteht, gegen die sie steht.
Wie die Gedichte Ferlinghettis bei Erscheinen gewirkt haben müssen, lässt sich nur erahnen oder via Sekundärliteratur in Erfahrung bringen, was aber keine wirkliche Erfahrung ist.
Wie die Gedichte heute wirken, ist eine andere Sache. Es haftet natürlich Zeit an ihnen. Das bleibt nicht aus, muss aber kein Makel sein. Eine gediegene Patina kann durchaus sinnenerhebende Nebeneffekte zeitigen. Das heißt nicht, dass die „Coney Island“ Gedichte bloß historisch interessant wären, sie strahlen noch immer eine Lebendigkeit aus, die sich von schnörkelloser Kraft und so etwas wie Hallodrihaftigkeit nährt. Die Gedichte sind einfach da, in ihrer ganzen Spannkraft und Weite. Sie benutzen keine Hintertürchen, um sich an den Leser heranzumachen, ihn zu umsäuseln und ihn letztlich für sich zu gewinnen. Sie existieren gleichsam als nackte Gebilde, die sich nicht schämen für das, was sie sind: Schilderung und Anklage, harmoniebeflissen und voller Streitlust.

Von ihrer Unmittelbarkeit zeugt schon die graphische Anordnung der Gedichte auf den Seiten. Wie hingeschleudert sieht das aus, absichtslos und doch taktisch raffiniert. Der gebildete Leser könnte meinen, dass die Gedichte optisch und rhythmisch namhafte Vorbilder nachahmen. Majakowski könnte einem hierbei einfallen oder auch William Carlos Williams. Doch was bei Majakowski das Ergebnis geradezu wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit dem Gedicht ist, nämlich der rhythmisch-strukturelle „Treppenbau“ von Versen, Rezitations- und Agitationsanleitung; was bei Williams als luftige und doch zwingende Tanzstruktur der Verse etwa in „Paterson“ daherkommt, das scheint bei Ferlinghetti eher jener Gestus einer wild um sich schlagenden Ausdrucks- und Mitteilungslust zu sein, der noch allzu oft die Frage nach der Gattungszugehörigkeit provoziert. Sind das überhaupt Gedichte? Ist das nicht Prosa in mutwilliger Zerstückelung? Und man hört hinter solchen Fragen den Autor schon leise feixen: „Nehmt es hin und lasst mich in Frieden.“
Und der Autor schreibt weiter, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Er schreibt auch vierzig Jahre später in seinem „Far Rockaway...“ über die Vereinigten Staaten von Amerika, den Alltag und den Wahnsinn eben dieses Alltags. Er schreibt über große Themen, spricht seine Meinung aber so aus, dass sie klingt, wie über die Theke hinweg gesprochen, wie unbefangen vorgetragen im Backstage-Raum nach einem verschwitzten Jazz-Konzert. So etwas wie Altersweisheit macht sich nur dort bemerkbar, wo der Sprecher der Gedichte, sich den weltgeschichtlichen Themen über seine persönliche Geschichte nähert. Das geschieht weitaus häufiger als noch vierzig Jahre zuvor. Allerdings lässt sich mit solch einer Art von Altersweisheit bestens leben, egal in welcher Zeit.

Lars Reyer


Lawrence Ferlinghetti: A Coney Island of the Mind; A Far Rockaway of the Heart
Gedichte, Sammlung Luchterhand 2005,
270 Seiten, ¤ 12,-
ISBN 3630620582

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