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Dienstag, 28. März 2017 | 08:11

 

Bert Papenfuß: Rumbalotte

22.01.2006

Likedeeler und Pfeffersäcke

Kesse Lippe riskiert, aber viel dahinter: Bert Papenfuß’ derbe Piratenlieder über die Kaperfahrt gegen die drögen Kähne neoliberaler Provenienz und über die Freuden des Freibeuterdaseins.

 

So rabiat hat schon lange niemand mehr den Latte-Macchiato-seligen Bewahrern kultureller Jämmerlichkeiten den Stuhl unterm eingesessenen Hintern weggezogen: „Die verwässtlichten Untertanen laufen in den albernsten Klamotten seit Primatengedenken herum, und plappern das dümmste Zeug seit Ausbrezelung der Artikulation kurz nachdem es Gold und Platin prasselte.“ Gut gebrüllt, Löwe. Aber warum so viel Aufhebens in Stylingfragen? Doch schnell kommt Bert Papenfuß in den beiden Prosastücken seines neuen Gedichtbands Rumbalotte auf den Punkt: „Billige Ratten und feile Schweine an langer Leine spielen zwar mal wieder NÖP, aber gemach – das geht in die Konservenhose. Auf Einschiß prompt Schuß zurück. Die freie Marktwirtschaft, in der Freien Welt nach wie vor konsequent Kapitalismus genannt, ist eine Gürtelrose. Nur im westlichen Zipfel Eurasiens grassiert die Beschönigungsneurose.“ Wo hat man in letzter Zeit so viel Saures für unter 20,- ¤ zu lesen bekommen? Und in den Gedichten geht es dann noch deftiger zur Sache: „schwätzer umschwirrn mich, mach mal das licht aus/is ja nich mit anzusehen, die kann man nur niedermähn“ oder: „fickt die fotte, gott zum spotte, rumbalotte“.

Anarchie statt Harmonie

Starker Tobak, sicher nicht jedermanns Sache. Aber so wie schwarzer Humor und Hämoglobinströme zu einer guten Moritat einfach dazugehören, dürfen sie auch in diesen anarchistisch-zeitdiagnostischen Gedichten nicht fehlen. Solche kapitalismuskritischen Moritaten, wie Bert Papenfuß sie hier anstimmt, sind zwangsläufig subjektiv und tendenziell: Literatur bietet glücklicherweise ein offenes Meinungsforum, bevor die Ordnung des Diskurses harmonisierend eingreift. Sie öffnet einen Raum für Eigenwilliges, das zuweilen auch sehr eindeutig daherkommen kann. Wer Mehrdeutigkeit zum alleinigen poetischen Wertmaßstab erhebt, verliert aus den Augen, dass (etwa bei den klassischen Avantgarden) standpunktbezogene Gesellschaftskritik und literarische Qualität einander nicht ausschließen, sondern häufig miteinander einhergehen. In dieser Traditionslinie steht auch Bert Papenfuß. Er lässt in Rumbalotte seine heftigen anarchistischen Stürme auf die Kalme der gegenwärtigen Lyrik los und begibt sich literarisch auf Kaperfahrt: Piratenromantik allerorten, mit Klaus Störtebeker als Vorbild desjenigen, der den Pfeffersäcken kräftig einheizt. Und es tut ja wirklich gut, nach all den Sandalenfilmen der letzten Jahre mal wieder einen Seeräuberstreifen zu sehen.

Gossenhauer der Apokalypse

Aber auch sonst herrscht wohltuende Abweichung von dem, was zur Zeit poetisch en vogue ist: vom Straßburger Blutsegen und nordischer Mythologie über Nietzsche bis hin zu Chlebnikow und Stammtischsprüchen (oder -witzen; siehe Buchtitel) greift Papenfuß auf zahlreiche Quellen zurück, deren literarische Energien bislang ungenutzt versickerten. Norddeutsch und Seemannssprache, Archaismen und Jugendslang prägen den Klang seiner Texte: „einen tort werde ich dir/wichsgriffel weg von ymir/ägir & ran heeren einander/ich komm gleich selbander“. Papenfuß’ Gossenhauer sind keine sprachlichen Preziosen, auf jeden Fall aber eine Bereicherung für die oft allzu glatte deutsche Lyrik. Das Sprachmaterial stammt eben nicht aus dem Szenecafé, eher schon aus der Bahnhofskneipe. Was Papenfuß aber aus dieser verlumpten Sprache macht, ist allererste Sahne. Wer die Nase voll hat von poppig aufpolierten Coverversionen älterer Texte, wird beim „muspilli spezial“ erleichtert aufatmen: stabgereimt und mit einem eingängigen Refrain versehen, wird diese althochdeutsche Apokalypsenvision stil- und treffsicher ins 21. Jahrhundert verlegt. Andere der meist locker gereimten Gedichte schreien geradezu nach einer Vertonung, nicht zuletzt aufgrund der häufig verwendeten Liedform. So findet man in Rumbalotte den „bewaffneten blues“, den „sturmgesang der baltischen horden“, die „gleichteilerhymne“ oder den staatsbankrock“. Zwischendurch gibt es zwar auch mal ein bisschen Füllmaterial, aber an den meisten Liedern kann man sich nicht satt hören (bzw. lesen), so anspielungsreich und vielstimmig kommen sie daher. Eben keine simplen Shantys, sondern gut gemachte nonkonforme Moritaten.

Carsten Schwedes


Bert Papenfuß: Rumbalotte. Gedichte 1998-2002.
Zeichnungen von Ronald Lippok.
Urs Engeler Editor 2005.
Gebunden,156 S. 19 Euro.
ISBN 3-905591-96-0

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