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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 30. Mai 2017 | 11:12

     

    Ludwig Harig: Familienähnlichkeiten

    15.01.2006

    Spiel ohne Grenzen

    Werkausgaben sind was Feines. Vergriffenes wird wieder zugänglich gemacht, unbekanntes mit bekanntem Material verknüpft. Ludwig Harig, 1927 geborener Schriftsteller und einflussreicher Autor der experimentellen Literatur, wird mit der Edition seiner Arbeiten vom Hanser Verlag geehrt.

     

    Die Nähe zu Ludwig Wittgenstein fällt sofort ins Auge: „Familienähnlichkeiten“ und „Sprachspiele“, zwei Begriffe, die für die späte Philosophie des österreichischen Denkers von großer Bedeutung waren. Für Ludwig Harig sind sie hingegen auf eine andere, auf eine poetische Weise wichtig. Dabei deutet sich in dem Ausdruck Spiel auch eine Gefahr an, nämlich die, dass Literatur zum Selbstzweck wird, zum unerschöpflichen Spiel der Zeichen und zu einer Vernachlässigung des wirklichen Lebens außerhalb sprachlicher Gesetzmäßigkeiten. Und in der Tat, der Startschuss (was jedenfalls die Chronologie betrifft, denn Band VIII: Aufsätze – Essay –Reden ist bereits erschienen) in Ludwig Harigs Werkausgabe ist ein Band, der die Arbeiten „Reise nach Bordeaux“ und „Sprechstunden für die deutsch-französische Verständigung und die Mitglieder des Gemeinsamen Marktes, ein Familienroman“ enthält, und der gleichzeitig den Topos des Spiels auf vielfältigste Art und Weise beleuchtet. Dabei greift Harig häufig auf die Technik der Permutation zurück, bei der ein vorgegebener Bestand an sprachlichen Bausteinen immer wieder aufs Neue arrangiert wird, und so beispielsweise die Syntax beibehalten und die Wörter gegeneinander ausgetauscht werden.

    Technik der Permutation
    Die „Reise“ ist 1965 und die „Sprechstunden“ 1971 publiziert worden; man merkt den Texten trotz ihres Alters eine jugendliche Frische an, die vor allem auch daraus resultiert, dass Harig ganz vorbehaltlos und spontan in die sprachliche Materie greift, Bedeutungen und Sinnzusammenhänge schöpft und dem Leser freudig unter die Nase hält. Dabei soll gar nicht unterschlagen werden, dass man auch an einigen Stellen merkt, wie sehr der Zahn der Zeit an dieser Literatur genagt hat, und man leise für sich feststellt, dass solch eine Literatur an ihren historischen Ort gebunden ist.
    Harig war Lehrer. Er hat aber zwischen der pädagogischen und der schriftstellerischen Tätigkeit nicht kategorisch unterschieden; vieles aus der Sprache von Lehrbüchern fließt mit ein in seine Prosa wie überhaupt die Technik der Montage mit fremden Sprachmaterialien ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit ist. Didaktische Unternehmungen drücken sich in den „Sprechstunden“ vor allem durch die Unterteilung in Lektionen aus; zu Beginn jeder dieser Lektionen befindet sich am Rand eine Leiste mit Zeichnungen wie sie häufig in Lehrbüchern von Fremdsprachen zu finden sind. Manchmal bezieht sich der Text dann direkt auf diese Zeichnungen, und in einigen Fällen ist der Bezug weniger offensichtlich. Gerade mit Blick auf Wittgensteins Begriff des Sprachspiels bekommt diese Integration von visuellen Materialien einen besonderen Sinn, da die Zeichnungen, ganz im Sinne Wittgensteins, uns deutlich vor Augen halten, dass ein Wort oder Satz nur in einer Situation oder einem Kontext, und nie abstrakt, von Bedeutung ist.
    Dass Harig mit seinen Sprachspielen aber durchaus auch politisch aktiv ist, veranschaulicht der Beginn der „77. Lektion“:

    Ist der Endzweck

    die Konstituierung der Menschheit
    folglich der Ruin aller Staaten
    oder der Ruin der Staaten
    folglich die Vermenschlichung aller
    Konstitution
    oder die Vermenschlichung der Konstitution
    folglich die Verstaatlichung alles Ruins
    oder die Verstaatlichung des Ruins
    folglich die Konstituierung aller
    Menschheit

    Und so geht es dann permutativ mit diesem sprachlichen Ausgangsmaterial weiter: Erstaunlich, was sich durch so ein minimalistisches Arbeiten an verschiedenen Bedeutungsebenen entwickeln lässt. Hieran sieht man auch, wie Harig die verschiedenen Grenzen der Gattungen durchbricht, Prosa mit lyrischen Elementen vermischt und auch visuelle Elemente (am Anfang der Lektionen) in die Texte mit hinein nimmt.
    Der erste Band der Werkausgabe stellt Ludwig Harig als einen Schriftsteller vor, der ganz auf die Kraft von Methoden und Techniken in der Literatur setzt. Seine späteren Romane wie „Ordnung ist das ganze Leben“ schöpfen ihr Potential dann stärker aus den lebensgeschichtlichen Erfahrungen. Es scheint, als sei diese letzte Vorgehensweise noch etwas besser für ein umfangreicheres Schreiben geeignet, da ein Arbeiten, dass allein auf die Möglichkeiten von Methoden setzt, einen kürzeren Atem hat, da es für den Leser schwierig ist, zwischen diesen einzelnen Techniken Zusammenhänge zu finden. Kurzum: ein roter Faden, der in einem autobiografischen Roman fast wie selbstverständlich vorhanden ist, scheint nur schwer ermittelbar.

    Thomas Combrink


    Ludwig Harig: Familienähnlichkeiten. Deutsch-französische Sprachspiele. Herausgegeben von Gerhard Sauder. Gesammelte Werke. Band I. Hanser Verlag: München, Wien 2005. ISBN 3-446-20615-9. 492 Seiten. 29,90 Euro.

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