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Björn Kuhligk: Großes Kino

29.08.2005

 
Keine Ansprachen

In seinem dritten Gedichtband berichtet Björn Kuhligk von der Welt, wie sie ist. Voller Normalität und seltsamer Zwischenfälle. Voller Menschen mit Lebensentwürfen, denen die Kinoleinwand zum Präzedenzfall und gleichsam zum Vexierbild wird. Das ist Gesellschaftsdiagnostik oder vielleicht –kritik.

 

„Er redet/ nur im Notfall von sich selbst“. So lautet der abschließende Vers des Gedichtes „Von den Abständen“. Ein schöner Vers, der sich ausnimmt, als sei er so dahingesagt, keine große Sache, und doch steckt in ihm der Kern der Gedichte Björn Kuhligks. Denn selten redet der Autor darin von sich. Lieber sieht er von sich ab, über sich hinweg, geht über sich hinaus, auf die anderen zu. Er geht auf die Welt zu, in der er sich befindet. Das ist bereits genug Ego. Denn er beobachtet und beschreibt, und wer beobachtet und beschreibt, der ist dabei, der ist mittendrin im Geschehen, im Dilemma, in der Welt, und nimmt doch Abstand von alldem, weil sich sonst sein Blick eintrübte.

Der Blick des Autors ist sein Trumpf. Er ist präzise, detailreich, verliert sich aber nicht im Detail, sondern behält immer den Zusammenhang im Focus, aus dem die Details heraustreten, sichtbar werden. Hier regiert nicht das ums eigene Herz und Gedärm kreisende innere Auge, wie bei einem Großteil der Lyrik von jetzt. Das Ich ist zwar anwesend, aber es ist eines unter vielen, eines, das auf die Welt reagiert, statt sie ins Reagenzglas der Innerlichkeit tröpfeln zu lassen, um dann zu schauen, welche aparte Farbe, welchen Geruch, welche Konsistenz sie annimmt.

Natürlich beabsichtigen die Gedichte keine Objektivierung der Welt. Aus zu viel gesundem Ressentiment, Hass und Abscheu ist ihr Fundament gegossen. Gerade dies bündelt ihren Blick so stark, lässt ihn andererseits aber umso umfassender erscheinen. Und so ist der Sprecher dieser Gedichte ein zwielichtiges Wesen. Nie weiß man so genau: meint er’s ernst?, klagt er an oder macht er sich nur lustig und zieht sich zurück in die Position desjenigen, den alles doch nur von fern angeht?

Gleichermaßen verhält es sich mit der im Titel anklingenden Ironie. Was ist schon „Großes Kino“? Das ist wie Großes Tennis. Ein bisschen Boris Becker, Bobbele, Identifikationsfigur und Lichtgestalt in einem, ansonsten aber recht viel Carl-Uwe Steeb: der Durchschnitt, an dem sich niemand messen lassen möchte, dessen tiefliegende Messlatte die meisten aber doch nie überspringen können. Diese Ambivalenz führt hier oft – vielleicht öfter, als gewollt – dazu, dass die Ironie zu welken beginnt und vertrocknet, bevor sie sich überhaupt erst richtig entfalten kann. Dann ersprießt eine Ernsthaftigkeit, die ans Mahnende rührt, und der man nur mühsam entkommt.

Es gibt wenige Highlights in „Großes Kino“. Das macht nichts, denn die Stärke des Bandes liegt in seiner Kohärenz. Alles liest sich wie aus einem Guss. Der Autor hat seine Mittel im Griff; die brüchigen Bilder, die er zu Collagen, aber öfter noch zu gewollt lückenhaften Mosaikformen zusammenfügt; die Anklänge an die noch nicht allzu lange zurückliegende Historie („ab 5:45 ist Berufsverkehr“); den spröden Ton, der surreale Situationen ins Alltägliche zurückfließen lässt. Nur wenn der Autor sich an eher liedhaften Formen versucht, wenn er den Reim z. B. mit ins Boot nimmt, herrscht zuweilen ein etwas holpriger Seegang. Auch hätte man lieber auf die Portraitgedichte über Max Frisch, Horst Janssen, James Nachtwey und Romy Schneider verzichtet. Sie wirken eher wie in Not erdachte Interviews oder wie die Homestories aus einer Illustrierten. Andererseits gehört vielleicht gerade das zu der Welt, die Björn Kuhligk in seinen Gedichten festhalten und gangbar machen will. Nichts ist nachweisbar, solange es nicht schon auf einer Leinwand respektive auf Papier zu besichtigen gewesen ist.

Lars Reyer


Björn Kuhligk: Großes Kino
Gedichte;
Berlin Verlag, 2005
Gebunden. 77 Seiten. 16 ¤
ISBN 3-8270-0584-1

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