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Jan Volker Röhnert: Die Hingabe, endloser Kokon

18.07.2005

 
Bildfolgen für eine poetische Welt

Jan Volker Röhnerts empfindsame Szenarien

 

Der Jenaer Autor Jan Volker Röhnert hat in den vergangenen Jahren einige äußerst innovative und interessante Aufsätze zur gegenwärtigen Poetologie vorgelegt. Dabei kam nicht nur ein großer Wegbereiter zeitgenössischer Dichtung, Rolf Dieter Brinkmann, wieder in die dichtungstheoretische Diskussion, auch das Verhältnis moderner Lyrik zu Film und Pop-Musik wurde mit Präzision und Feingefühl analysiert. So bewundernswert konstruktiv es für die Gattung als solche ist, wenn ein junger Autor wie Röhnert die theoretische Reflexion derart vorantreibt, so heimtückisch könnte es erweisen für das eigene poetische Schaffen dieses Autors. Es könnte so sein. Aber Jan Röhnert konnte bereits mit seinem letzten Band, dem "Burgruinenblues", mit einiger Berechtigung den Preis für das Lyrikdebüt des Jahres für sich verbuchen (auch wenn er zuvor schon in Theo Breuers bibliophiler "Edition Bauwagen" debütiert hatte). Und dass er souverän der augenscheinlichen Gefahr entgeht, in seinen Gedichten lediglich die poetologische Reflexion nachzugestalten, führt sein jüngst erschienener Band „Die Hingabe, endloser Kokon“ beeindruckend vor Augen.

Im Untertitel bezeichnet der Autor sein Werk schlicht als „Gedicht“. Das ist kein kalkuliertes Understatement, sondern eine präzise Charakterisierung für das Strukturprinzip dieser aus 12 sechsstrophigen Stücken bestehenden Dichtung, die offenbar ansetzt mit dem Befund der allgegenwärtigen Unübersichtlichkeit der Dinge, um dem Verlust von Einheit eine sehr eindringliche Konzentration auf das poetische Sehen selbst entgegenzusetzen. „Würden wir uns kennen, wäre das ganze Mysterium aus“, heißt es an einer zentralen Stelle des Bandes. Damit ist eine Fragerichtung vorgegeben. Und so macht sich diese Dichtung in weit ausholenden Bewegungen auf die Suche nach einer Form, in der diffuse Wirklichkeit greifbar sein könnte. Röhnerts Passion für das Bildhafte ist dabei so ertragreich, weil sie sich der sensitiven Erfahrung öffnet, ohne die Ergebnisse des poetischen Augenscheins vorschnell zu antizipieren. „Die Bilder gehören dir nicht“, weiß diese Dichtung auf ihrer Reise über die Pisten der Wirklichkeit, erdnah, konkret und äußerst sinnlich; getragen von einer einzigen Gewissheit: „Das einzige, was ständig anders / wird, ist das Andersein“.

Röhnerts Dichtung gründet im urbanen, im globalen Raum, sie sammelt Momente auf und entfaltet sie zu Szenarien, die ihre Berührungspunkte nicht konstruieren, sondern erfühlen oder gar aufdecken und vorführen, wie etwa in der paradigmatischen Reminiszenz an „ein japanisches Sofortbild / vom Times Square in die Mongolei geschickt“. Reisen sind ebenso präsent wie die Kindheit in Thüringen; letztere aber nicht als eine alles überfrachtende Last, sondern eher als ein Initial unter vielen. Der Autor schöpft aus einem schier unendlichen Arsenal von höchst konkreten Realien, die sich unter seinem äußerst empfindsamen Sensorium verbinden zu einem wahren Kompendium der Gegenwart. Der „Karawane von Dingen“ bieten Ladenreklamen wie Schotterwüsten, Olivenhaine wie Dachböden, Parks wie Postkarten eine Art Urboden, um „den Elementen Gehör“ zu verschaffen. Solche Dichtung entsteht nicht nach Schnittmusterbögen, sie gibt sie sich vielmehr den Dingen hin, um hinter den vermeintlichen Schnittmustern der Wirklichkeit im Sehen selbst nach einer Form zu suchen, die tragen mag.

Selbstverständlich ist Röhnerts Blick geprägt vom Kinematographischen. Gleichwohl ist diese Lyrik keine Anbiederung an das filmische Medium oder gar an die eigene Theorie. Vielmehr nutzt ihr Autor die allgegenwärtige Erfahrung der schnellen Schnitte, um sie fruchtbar zu machen für eine neue, überraschende Sicht des Heutigen. Gleicht das gelingende Gedicht der Gegenwart oftmals dem Video-Clip, indem es einen Moment ausgestaltet zum Vexierbild, so weitet Röhnert diese Technik aus zu einer ebenso verstörend wie homogen erscheinenden Entwicklung von Bildfolgen, die augenblicklich nahezu episch-erzählende Züge annehmen, um dann doch wieder umzubrechen in neue, schön irritierende Bilder, die den Blick weiten für die Bruchhaftigkeit von Gegenwart. In Röhnerts „Hingabe“ kommen, filmisch gesprochen, Momente des Clips, des Road-Movies, der Love-Story, des Historienfilms und der politischen, der naturhaften Dokumentation überein, um sich einem poetischen Gestus zu verbinden, in dem Elegisches, Dithyrambisches, Balladeskes anklingt. Dabei ist es der dialogische Gestus der Dichtung - das schwebende „Ich“ ebenso wie das luftige „Du“ - wodurch der Leser hineingezogen wird in diesen Sog poetischer Weltdeutung. - Die Intensität dieser Lyrik, die ihre Kraft schöpft aus entschiedener Subjektivität, lässt nicht nur Anteil nehmen an ihrer Form der Epiphanie; in ihrem Kokon wächst eine ganze poetische Welt. Mehr kann von Dichtung kaum gesagt werden.

Jan Volker Röhnerts Band eröffnet die neu gegründete „edition azur“ im Glaux-Verlag. Die Publikation setzt unzweifelhaft einen Maßstab, der sehr neugierig macht auf die weitere Programmgestaltung dieser Lyrikreihe.

Christoph Leisten


Jan Volker Röhnert: Die Hingabe, endloser Kokon.
Gedicht. Jena 2005, edition azur (hrsg. von Helge Pfannenschmidt) im Glaux Verlag Christine Jäger KG
ISBN 3-931743-83-7


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