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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 00:43

     

    "Poesie International" in Dornbirn

    03.05.2005

    Liebesakt und Vergewaltigung

    Das gibt es also auch. In Zeiten der Sparhaushalte und des Begehrens nach einer Kultur zum Nulltarif erhöht die Stadt Dornbirn ihre Subvention für das Festival „Poesie International“, das heuer bereits zum siebten Mal im Spielboden stattfand, einem jener Kulturzentren in der „Provinz“, die jene Lügen strafen, die behaupten, 1968 habe keinerlei nachhaltige Folgen gehabt
    .

     

    Denn welcher kommerzielle Betreiber lässt sich schon auf vier Tage Lyrik pur ein. Damit ist kein Geschäft zu machen. Das bleibt die Leidenschaft einer kleinen qualifizierten Minderheit. Hoffentlich gilt das auch für die Zukunft. Der Gründer und langjährige Leiter des Spielbodens Gabriel Ulrich, von seinen Freunden liebevoll „Gaul“ genannt, geht Ende des Jahres in den so genannten „Ruhestand“. Wer und was danach kommt, werden wir sehen und hören.

    Auch in diesem Jahr bestätigte sich, was in vergangenen Jahren und bei Durchsicht von neuen Gedichtanthologien erkennbar war: Nur die Begabtesten entgehen der Alternative Raunen oder Formlosigkeit. Auf der einen Seite eine Inflation von Metaphern, die weder etwas be-deuten, noch ein poetisches Universum erschaffen, auf der anderen Seite der naive Glaube, dass Zeilenbruch aus kunstloser Prosa Lyrik mache.

    Da atmet man auf, wenn eine Poetin wie Paula Meehan aus Irland, die Entdeckung des diesjährigen Festivals, daran erinnert, was sich aus einem regelmäßigen Metrum, aus Klangfarben und aus der Komplexität von Bildern auch heute noch herausholen lässt. Und der begeisterte Applaus nach ihrem Vortrag – Lesung wäre der falsche Ausdruck – bewies, dass es durchaus so etwas wie ein objektivierbares Qualitätsurteil in Sachen Ästhetik gibt. Paula Meehan überzeugte – in englischer Sprache – auf Anhieb.

    Zu den Höhepunkten gehörten denn neben Meehans Landsmann Theo Dorgan die Poeten aus Wales: John Barnie, Patrick McGuinness und Emyr Lewis, letzterer in der keltischen Sprache seiner engeren Heimat. Nicht allein die formale Meisterschaft ließ aufhorchen. Die Gäste haben auch etwas zu sagen – zu Tschetschenien, zu Nordirland und zur Realität, die sie daheim umgibt. Die drei Dichter aus Wales konnten anschließen an ihre Kollegin Mererid Hopwood, die im Vorjahr einen temperamentvollen Vortrag gehalten hatte, dessen Charme man sich nicht entziehen konnte, der aber auf die ebenso zutreffende wie bekannte Tatsache hinauslief, dass Gedichte nicht nur und vielleicht nicht einmal in erster Linie Mitteilungen sind, sondern klangliche, metrische und rhythmische Gebilde. Weil das so ist, schafft es ein durchaus ästhetisches Vergnügen, wenn Dichter in Sprachen vortragen, die man nicht versteht. Poesie lässt sich aufnehmen wie Musik. Dass das nicht alles sein kann, ist klar. Aber ist es weniger als eine Rezeption, die nur den unmittelbaren, den nacherzählbaren Sinn von Gedichten wahrnimmt und nicht deren Musik?

    Auch Uwe Kolbe, in Deutschland längst als einer der bedeutenden Lyriker anerkannt, liebt die weit ausschweifenden Bögen, den Gestus des langen Atems, die Einholung der Welt in die subjektive Erfahrung. Dem gegenüber setzt Christoph W. Aigner auf äußerste Verknappung, auf die Suggestivität eines isolierten Arrangements im Ton eines Haiku oder eines Epigramms. Aigner, in Österreich aufgewachsen, lebt in Italien. Es scheint nicht abwegig, bei seiner filigranen Lyrik an den großen Ungaretti zu denken.

    Fairerweise muss man festhalten, dass sich zeitgenössische Lyrik unterschiedlich gut für den mündlichen Vortrag eignet. Der Schweizer Christian Uetz ist da im Vorteil. Er zählt zu den Virtuosen der Rezitation, und der verdiente Beifall ist ihm sicher selbst dort, wo man den Worten kaum folgen kann.

    Welch eine Distanz von Uetz zu Michael Schönen. Er gehört zu der sich kaninchenartig vermehrenden Spezies der Vortragenden, die sich an der Fernsehunterhaltung orientieren. Seine aufgeräumte Humorigkeit, seine peinliche Anmache hat mit Schülerklamauk weit mehr zu tun als mit Poesie.

    Das möge nicht als Absage an den Witz verstanden werden, wenngleich es mittlerweile einen eher enervierenden Gernhardt-Effekt unter den Dichterlingen gibt. Wie sich aus Poesie Witz erzeugen lässt, führte einmal mehr in vorbildlicher Weise Arne Rautenberg vor, der Sprache und Form ernst nimmt, um ihr komisches Potential auszuschöpfen. Rautenberg versus Schönen – das setzt die Alternative Schwitters oder Eugen Roth fort. Aber zugegeben: Eugen Roth verkauft sich besser.

    Was der mündliche Vortrag von Dichtung als sakraler, als mystischer Akt bedeuten mag, kann man ahnen, wenn der Syrer mit dem Pseudonym Adonis seine Gedichte im arabischen Original spricht. Ob das in deutscher Sprache funktionierte?

    Die Verbindung von Lyrik und Jazz brachte vor rund fünfzig Jahren ein paar eindrucksvolle Resultate hervor. Schlechte Lyrik freilich lässt sich auch durch Aufwand nicht retten. Quark bleibt Quark selbst mit Musik.

    Wie sehr manche Dichter nach Öffentlichkeit dürsten, ließ sich an ihrer Ausdauer ablesen. Einige, nicht unbedingt die besten, überzogen den vorgegebenen Zeitrahmen um mehr als hundert Prozent. Das ist nicht sehr fair jenen gegenüber, die am Ende eines langen Abends drankamen. Denn es ist wie mit dem Verhältnis von Liebesakt und Vergewaltigung: Was ein erotischer Genuss sein sollte, wird leicht zum Ärgernis.

    Und weil Dichter halt so ausgehungert sind nach Beachtung, weil sie alle googlen werden um nachzuprüfen, wie Lob und Tadel verteilt wurden, seien, ganz ohne Wertung, die Übrigen noch genannt, die heuer in Dornbirn mitwirkten: Jaap Blonk, Rodica Draghincescu, Daniela Egger, GINKA (Steinwachs), Jürg Halter, Ingram Hartinger, Adel Karasholi, Thomas Krüger, Norbert Mayer, Joachim Sartorius, Evelyn Schlag, Sabine Scholl, Rajvinder Singh, Kathy Zarnegin.

    Wie schon in den vergangenen Jahren ein Highlight: die Moderatorin Ingrid Bertel, die belesen und, was – zumal bei Rundfunkangestellten – keineswegs selbstverständlich ist, gut vorbereitet durch das Programm führte. Es war ein Fest. Verantwortlich zeichnete wieder Franz-Paul Hammling, der ohne große Rhetorik in die Tat umsetzt, wovon andere nur schwätzen. Worin besteht sein Geheimnis? Gewiss nicht nur in der Anhäufung, in der puren Tatsache des Umfangs. Es sind auch nicht nur die gemeinsamen Abendessen, die freundliche Kommunikationsatmosphäre und die ländliche Umgebung des Spielbodens, die „Poesie International“ zum Fest machen. Es ist vielmehr der Einbruch des nutzlos Schönen, des schönen Nutzlosen in eine nur noch in Kategorien der Profitmaximierung denkende Umwelt.

    Das gibt es also auch.

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