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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 26. Mai 2017 | 22:53

     

    Koreanische Lyrik

    02.05.2005


    Autostraßen rot wie Nudelsträhnen

    Im Vorfeld des Frankfurter Buchmessen-Länderschwerpunkts lohnt es sich, die im kleinen Bielefelder Pendragon-Verlag erschienenen Ausgaben koreanischer Lyriker zur Hand zu nehmen.

     

    Um eine fremde, auch sprachlich entfernte Kultur kennenzulernen, braucht es Vermittler, Übersetzungen, Katalysatoren. Das ist im alltäglichen Kontakt mit dem Fremden nicht anders als während des Unterwegsseins in der Fremde – und auch die Reisen im Kopf, ob durch Musik, Filme oder Literatur angeregt, können wir nur antreten, wenn eine Brücke zur fremden Vorstellungswelt existiert. Korea, im Jahr 2005 Gastland der Frankfurter Buchmesse und bereits mit Manifestationen rund um die Leipziger Frühjahrsmesse hervorgetreten, gilt vielen hierzulande als Paradebeispiel einer fremden, günstigstenfalls exotischen Kultur. Doch Vorsicht: Ist das Land nicht auch durch den Kalten Krieg geteilt, wie es Deutschland vierzig Jahre lang war? Hat das Autohaus an der Ecke nicht superschicke koreanische Modelle im Angebot? Die Sushi-Bars – kommen sie nun aus Japan, oder gibt es sie genauso in Korea? Und die Filme des Koreaners Kim Ki-Duk, wurden sie von europäischen Kritikern und auf internationalen Festivals nicht überschwänglich gefeiert ...?

    Lyrik steht hoch im Kurs

    Der Bielefelder Pendragon Verlag bietet deutschen Lesern, parallel zu den Aktivitäten Koreas um die Frankfurter Buchmesse, seit mehreren Jahren schon die Möglichkeit zum Kennenlernen der fernöstlichen Kultur über ihre Literatur. Und dazu gehört auch die Poesie, die Lyrik des Landes – denn Lyrik steht in Korea hoch im Kurs. Gedichte zu lesen gehört dort zum alltäglichen Zeitvertreib, egal ob in der U-Bahn, im Park, beim Zusammensein mit Freunden oder auf Familienfeiern. Die Dichter (Süd-) Koreas sind angesehene Universitätsprofessoren, Philosophen, Bürgerrechtler, halten sich als eigenwillige Kommunikatoren ihrer Kultur zu Vorträgen, Lesungen, Festivals, Dozenturen im Ausland auf. Wer sich ein Bild vom Reichtum dieser Poesie machen will, ist mit den Bänden koreanischer Autoren aus dem Programm von Pendragon bestens beraten.
    Da ist mit "Ein Tag voll Wind" zunächst Ko Un, der große alte Mann der koreanischen Poesie, dessen Verse so facettenreich sind wie sein Lebensweg – vom buddhistischen Mönch zum politischen Aktivisten. Witz und Mitgefühl, die Erfahrung realgeschichtlicher Alpträume, das Wissen um die Absurdität menschlicher Verhaltensweisen lassen ihn zur Form der Zensprüche mit ihrer paradoxen Logik greifen. Sichtweisen entstehen, wie sie auch bei Ko Uns Freunden, den amerikanischen Beatpoeten Allen Ginsberg, Gary Snyder, Michel McClure oder Lawrence Ferlinghetti anzutreffen sind: "Es schneit. / Ein Hund will ich sein, ein / Dorfhund in einem Gerstenfeld, / nein, ich will / jener schlafende Bär sein, / der tief im Berg sitzt / und von nichts weiß, / während der Schnee fällt, / während es schneit." ("Ein Schneetag")

    Vielleicht ist es kein Zufall, dass Kim Kwang-Kyu, der zweite bei Pendragon vertretene Dichter, seine Leidenschaft für deutsche Sprache und Literatur zum Beruf machte – der 1941 Geborene lehrt Germanistik an einer Universität von Seoul. Sein Band "Die Tiefe der Muschel" hinterließ hierzulande seit seinem Erscheinen 1999 ein so breites Echo, dass er bereits in der zweiten Auflage vorliegt. Vielstimmigkeit ist das Credo Kim Kwang-Kyus, seine Absicht, in Dialog zu treten – mit den Resten einer unter den Kulissen des Heute begrabenen Vergangenheit, mit Dichtern anderer Räume und Zeiten, mit der eigenen inneren Stimme, die den Wahrnehmungen Worte zu geben sucht, mit dem Du, das momentane Verschmelzung verheißt: "Die Augen treffen sich zufällig / zittern für einen Augenblick wie Kompaßnadeln / Ein Raum, der offen war, ist nun geschlossen / zum Bersten gefüllt / endlos weit, aber / bloß fingerlang / übereinander: als dies geschah / durchdrang die ganze Welt / den Körper heiß". ("Fingerlang, fingerbreit")

    Eine neue Generation

    Eine neue Generation, und zudem eine betont weibliche Erlebniswelt verkörpert Kim Hyesoon, geboren 1955, zwei Jahre nach Ende des Koreakriegs. In ihren unter dem Titel "Die Frau im Wolkenschloss" versammelten Gedichten entfalten sich ungewohnte Metaphern, die phantasievoll die tradierte ‚männliche’ Sicht der Dinge auf den Kopf stellen, die nahen Gegenstände wie durch die verkehrte Seite des Fernrohrs betrachtet in weite Ferne rücken. Ihr gelingen schräge, verzerrte Bilder, Konstellationen und Konfrontationen, die sich so erst im Text ereignen, den Leser aber umsomehr in seiner Wahrnehmung frappieren. Keine Frage, das Kino, die Beschleunigung, die High-Tech-Universen Ostasiens hallen in der Stimme dieser Dichterin nach: "Die Wand besitzt Geheimnisse wie ein Sack gefüllt mit Zeit / der unendlich viele Zeitraffer geschluckt hat" (Fegefeuer). Das ist originell, macht neugierig ohne bloß exotisch zu klingen, beweist: Die fremde Kultur ist immer auf eine andere Art fremd, als wir sie uns vorstellen. Längst ist die Poesie Südkoreas in der Postmoderne angekommen, ohne dabei ihre Eigenständigkeit aufgeben zu müssen. Sie gehört zum innovativsten und anregendsten, was an Lyrik gegenwärtig auf dem Globus kursiert. Ein wundervolles Beispiel hierfür liefern Kim Hyesoons Variationen auf "Eine Mahlzeit mit Straße als Thema":

    Straßen kann man sozusagen
    wie Spaghetti mit einer Gabel einwickeln und essen

    Wie auf heißen Sommerstraßen
    ausgeschüttet in zehntausend Gabelungen
    die dunkelrote Sonne ausgekippt liegt und zuckt
    isst man Spaghetti, indem man auf heiße Nudeln
    die dunkelrote Soße gießt
    Schau mal hin, sie hört auf Spaghetti zu essen
    faltet die Serviette und fummelt an etwas
    Es ist wohl zu heiß, sie hat Tränen in den Augen
    Unter dem Fenster des ‚Friday’. wo sie sitzt
    in dieser Nacht, scheint jemand die Autostraßen
    rot wie Nudelsträhnen mit einer Gabel aufzuwickeln und zu essen
    Ununterbrochen werden Straßen irgendwohin weggesogen

    Ah, wenn sich die Straßen so verheddern
    soll man allein Spaghetti essen
    Setz dich vor ein hohes Fenster des ‚Friday’ an einen Esstisch und
    warte Jahrhunderte ab
    Wie der Wind den Bergrücken anknabbert
    Wie der Sand das Meer austrinkt und schließlich
    nur ein mit roter Soße verschmierter Sandteller übrig bleibt
    genauso schütte die Soße über den Teller und schlinge alles
    auf einmal
    herunter
    So würde sie ihn verschlingen, genau so

    Wer dennoch auf eine traditionellere Lektion in poetischer Landeskunde der geteilten Republik aus ist, sei auf den jüngst bei Pendragon erschienenen Band "Der Mai Koreas" des 1975 verstorbenen, formstrengen Lyrikers Kim Hyon-Seung verwiesen. Seine Gedichte imaginieren ein von Harmonie durchdrungenes Befinden, wie man es sich für die auf der Buchmesse anstehende Begegnung der Kulturen nur wünschen kann: "Das Fenster zu lieben ist besser, / als zu sagen, man liebt die Sonne, / denn es blendet nicht. // Wenn man das Fenster verliert, / verliert man die Meerenge, die zum blauen Himmel führt, // und die Heiterkeit ist für uns / die Nachricht von heute ..."

    Jan Volker Röhnert



    Ko Un: Ein Tag voller Wind. Gedichte. Pendragon-Verlag, 112 S., 12,80 ¤. ISBN 3-929096-98-6









    Kim Kwang-Kyu: Die Tiefe der Muschel. Gedichte. Pendragon-Verlag, 120 S., 12,80 ¤. ISBN 3-929096-63-3








     
    Kim Hyesoon: Die Frau im Wolkenschloss. Gedichte. Pendragon-Verlag, 120 S., 12,80 ¤. ISBN 3-934872-04-2










    Kim Hyon-Seung: Der Mai Koreas. Gedichte. Pendragon-Verlag, 128 S., 12,80 ¤. ISBN 3-86532-006-6

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