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Gerald Fiebig: geräuschpegel.

18.04.2005

 
Poetik des Mischpults

Unversöhnt und sperrig blickt Gerald Fiebigs Poesie den Zumutungen der Wirklichkeit ins Auge und stellt zugleich die Kunst des Samplings unter Beweis.

 

Gerald Fiebig meint es mit dem Sampling ernst. Wer den umtriebigen Augsburger Dichter, DJ und Veranstaltungsmacher in den letzten Jahren lyrisch verfolgte, konnte sich bereits vergewissern von der Eigenwilligkeit seines poetischen Weltzugriffs. Da schafft einer Klangkörper, deren kantige Rhythmik und widerspenstige Bildwelt alles andere als harmonische Symmetrie suggerieren – verrauschte Musikfetzen, grobkörnige Plakatreste des Alltags sind die Trouvaillen, aus denen die lyrische Phantasie jedes Mal von neuem Vexierspiegel unseres Gegenwartsbewußtseins bricoliert.

Gedichte als Collagenmappe

Der Titel "geräuschpegel" kündigt es an: Gerald Fiebig bleibt seinem Vorsatz treu; unversöhnt und sperrig blickt seine Poesie den Zumutungen der Wirklichkeit ins Auge. Unfrisiert sammeln sich die Wahrnehmungen in der Collagenmappe des Gedichts. Keine Frage, das romantische Glotzen gewöhnt dieser Autor seinem geneigten Publikum schnell ab – und dennoch schaut es sich verwundert in den Strophen um; hört, neugierig gemacht, dem Stakkato dieses Sprechens zu. Dafür sorgt sogleich das verstörende Intro "freiluftkino": "über das wasser kriechen fetzen von liedern / durch das haar meiner arme: / im blaulicht der nichtschwimmerbecken / zittern die bilder von menschen, die trinken / bier am rand des wassers & warten / darauf, dass die sonne verschwindet / & die geschichte beginnt. // auf die nacht warten - / am abend schiebt sich ein orangefarbener filter / vor die linse, die sonne / setzt die bilder in flammen, der sound- / track verstummt, der projektor fängt feuer, das band / ist zu ende, die handycam wird zu heiß, / fällt in den kies, hinter der lodernden leinwand / endet der film & etwas beginnt / mit verstümmelten schreien."

Sampelnder DJ

Fiebigs Traditionsbewußtsein entstammt nicht mehr (allein) dem der abendländischen Gattung Gedicht, viel ausgiebiger und versierter zitiert er die Tradition der Tonträgermedien, der Verstärkertechnik, des Kopfhörers, des elektrischen Baß und des Mikrofons. Seine Poetik ist die des Mischpults, an dem sampelnd der DJ steht. Bildungsgut oder Bildungsmüll, Tonscherben oder Tonkonserven - was fließt in diesen unbequemen, immer wieder die angerissenen Grundakkorde verzerrenden Textblöcken zusammen, wird auf der Magnet- oder Digitalspur des Recorders ineins gemixt? Ob die köstliche intellektuelle Blasphemie "mutmaßungen über jakobson", das der Blauäugigkeit einer hoffnungslos entpolitisierten Lifestylegeneration gewidmete Cut-Up "Take the A bomb" oder das "ertrinklied", ein phantastischer Alptraum von Geschichte, der der Wahrheit erschreckend nahe kommt: Fiebigs Lyrik flüstert nicht in Zimmerlautstärke vor sich hin, sie operiert im Sound des betäubenden Geräuschpegels, der unsere Wahrnehmung blockiert, wo Landschaft nur noch als "grauraster" aufscheint und höchstens "die schienen laufmaschen im gewirk der stadt" zu ziehen vermögen.
Und dennoch, in Fiebigs gelungensten Gedichten, ergeben sich zuweilen nahezu utopische Zwiegespräche zwischen Ich und dem in seinen Gehörgang eingespeisten Abfallmaterial. Gesampelte, scheinbar unbekümmert recycelte lyrische Vergangenheit wird so zur Quelle plötzlicher Erleuchtungen über dem entseelten Asphalt der Gegenwart, wie im Falle von "nirvana", das Zeilen des großen englischen Idyllikers John Clare, eines Zeitgenossen von Byron und Wordsworth, verarbeitet.
Marshall McLuhan, der mediophile, und Paul Virilio, der mediophobe Techniktheoretiker beschrieben die Medien gleichermaßen als Amputationen der menschlichen Körper- und Sinnenwelt. Fiebigs Gedichte zeichnen diese Amputationsverläufe nach, sie transponieren dabei die hilflose "grammatik" (so beginnt das unten mit seiner ersten Strophe zitierte Gedicht) unserer Zeit in bitterböse Melancholie:

dass die welt an einem sonntagmorgen untergeht
ist zumindest wahrscheinlich.
am mittag finde ich dann endlich die tür,
die aus meinem halbtraumverklebten schlaf hinausführt:
verirrt im eigenen kopf zwischen zwei halbtoten sprachen
i wish i could sprechen Sie français,
wenn es um halb nach zwölf immer noch nacht macht
& man sich in der küche trifft, wo wir uns wärmen
an der zischenden sprache der kaffeemaschine:
das geräusch, das die wörter verbindet.

Jan Volker Röhnert


Gerald Fiebig: geräuschpegel.
Gedichte. Yedermann Verlag.
116 S. 10 ¤.
ISBN 3-935269-27-7

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