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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 26. Mai 2017 | 22:52

     

    Raymond Carver: Gorki unterm Aschenbecher

    17.02.2004

     



    Der Eisberg




     

    Raymond Carver ist der Eisberg der zeitgenössischen amerikanischen Literatur. Nicht nur, weil seine Arbeiten ein Klima durchweht, das frösteln macht. Nicht nur, weil sein Schreiben scheinbar träge dahingleitet, um einen, ist man erst mal mit ihm kollidiert, unweigerlich in die schwarze Tiefe zu ziehen. Wegen all dem auch, natürlich. Vor allem aber trifft der Vergleich mit dem Arktischen, Massiven und Bedrohlichen zu, weil bei Carver, einem Eisberg gleich, der größte Teil unter der Oberfläche schwimmt, unsichtbar zwar, doch in seiner geahnten Ungebärdigkeit umso verstörender.

    Nachdem der Berlin Verlag im Frühjahr mit einer aufs höchste gelungenen Neuübersetzung und -herausgabe der Erzählungen Carvers begonnen hat, hat dieser Seismograph der menschlichen und insbesondere der amerikanischen Tragödie endlich auch hier zu Lande die Aufmerksamkeit bekommen, die er verdient. Die Kritik hat selten einmütig den modernen Klassiker und Vollender Hemingways gepriesen, und das Publikum - die altmodische Art der Literaturvermittlung funktioniert in Glücksfällen halt immer noch - kam in erstaunlicher Zahl in die Buchhandlungen und trug Carver nach Hause.
    Diesen Weg von neuem auf sich zu nehmen, ist so ziemlich das Beste, was man in diesem literarischen Herbst tun kann. Als Entlohnung erhält man "Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden", jene Story-Sammlung, die Carver 1981 - sieben Jahre vor seinem Tod mit 50 Jahren - den endgültigen Durchbruch beschert hat. Wie schon "Würdest du bitte endlich still sein, bitte" liegt auch dieser Band - was leider längst die Ausnahme geworden ist - fadengehaftet und in Leinen gebunden vor. Die vorzügliche Übersetzung besorgte Helmut Frielinghaus.

    Wie sein Vorgänger enthält auch dieser Band Momentaufnahmen von Männern und Frauen, die am Rand des Abgrunds mehr taumeln als balancieren. Sie haben die Katastrophe hinter sich oder stehen kurz davor. Sie wissen nicht, ob sie heil oder in Stücken aus dem Kampf, der in ihnen tobt, hervorgehen werden. Der Alkohol ist ihr Schlachtgenosse und, wenn auch weit weniger willkommen geheißen, die Melancholie.

    Die trägt etwa der Mann zwischen 40 und 50 in der ersten Geschichte "Warum tanzt ihr nicht" (eine der besten der Sammlung) wie einen schweren Rucksack mit sich herum. Dass etwas kaputt gegangen ist, eine Ehe und mit ihr tief in ihm drin noch vieles mehr, davon spricht Carver nicht. Er zeigt es uns und wirkt damit stärker als es seine messerscharfen Sätze vermocht hätten: Der Mann hat seinen gesamten Hausrat nach draußen in den Vorgarten geschafft. Vorüberkommende sollen die Dinge, die Teile seines früheren Lebens, kaufen. Ein junges Paar interessiert sich für das Bett, das Möbelstück einer Beziehung schlechthin, und für den Fernseher, der in einer Beziehung umso öfter läuft, desto weniger man sich zu sagen hat. Schnell wird man sich handelseinig. Und dann legt der Mann eine Platte auf und fordert das Paar auf, doch zu tanzen. Sie sollen demonstrieren, dass sie zusammengehören. Beim nächsten Lied übernimmt der alte Mann den Part des jungen. Und plötzlich wird in dem kurzen Tanz der jungen Frau mit dem alten Mann - ganz wenige Zeilen braucht Carver dafür nur - eine herzzerreißende Liebesgeschichte und eine Liebe-ist-unmöglich-Geschichte zugleich.

    Um diese beiden zentralen Motive hat Carver auch seine Lyrik gebaut. Dass er Gedichte schrieb, mit Gedichten anfing sogar, das ist angesichts der ausgeklügelten Brillanz seiner Short Storys ziemlich in Vergessenheit geraten. Was man allerdings verpasst, wenn man den Lyriker Carver nicht wahrnimmt, davon zeugt die Neuauflage der aus fünf Carver-Bänden sich speisenden Gedichtsammlung "Gorki unterm Aschenbecher" aus dem Maro Verlag.

    Carvers Vorgehensweise sowie seine Themen unterscheiden sich in seiner der Prosa sehr nahe stehenden Lyrik nicht sonderlich von seinen Erzählungen. Der Fokus ist enger gezogen, der Ausschnitt seiner Menschen- und Weltsicht, der kleineren Form angemessen, noch kleiner gewählt. Noch schneller kommt Carver hier auf den Punkt. Hat er den erreicht, spreizen sich seine scheinbar so banalen, alltäglichen, überhaupt nicht lyrisch überhöhten Worte und geben einen gähnenden Spalt frei, der einen beim Lesen schaudern macht. In dem Gedicht "Deschutes River" etwa begleiten wir ein lyrisches Ich zum Angeln an einen Fluss. Kalt ist es, der Himmel grau, Enten fliegen auf. Ein Dachs, der gerade einen Hasen gerissen hat, wird überrascht. Seine blutige Schnauze ist ein unheilvolles Zeichen. Das Ich hantiert mit seiner Angel. Und plötzlich überfällt ihn der ungeheuerliche Gedanke, den er eigentlich die ganze Zeit schon bleischwer mit sich herumgetragen hat: "Weit weg -/ zieht ein anderer Mann meine Kinder groß,/ schläft mit meiner Frau schläft mit meiner Frau."


    Peter Zemla


    Raymond Carver: Gorki unterm Aschenbecher. Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Uwe Hienz Maro Verlag, 152 Seiten, 25,- DM ISBN: 3-87512-209-7

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