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    TITEL kulturmagazin
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    Die lyrische Reihe - Edition YE

    24.01.2005

    Sei vielgestaltig wie das Weltall - Die Lyrische Reihe Edition YE

    Die Lyrische Reihe Edition YE setzt auf unbekanntere Autoren und spürt gekonnt unterschiedlichen dichterischen Stimmen und ihrer Sprachlust nach. Von KLARA HURKOVA

     

    Eines der einleitenden Zitate zu Theo Breuers Gedichtband Land Stadt Flucht, dem ersten Titel der Lyrischen Reihe Edition YE, lautet: „Sei vielgestaltig wie das Weltall“ (Fernando Pessoa). Vielgestaltigkeit und Vielseitigkeit sind denn auch Hauptmerkmale dieser lyrischen Reihe, in der seit 2002 sieben Gedichtbände erschienen sind: sechs Einzeltitel und eine Anthologie. Der im Eifeldorf Sistig lebende Herausgeber Theo Breuer (der seit 1994 die Lyrikzeitschrift Faltblatt ediert) hat mit dieser Reihe den Raum für sehr unterschiedliche Dichterstimmen geschaffen. Seine persönliche Auswahl, die auf einer profunden Kenntnis der gegenwärtigen deutschsprachigen Lyrik beruht, bietet ein breites Spektrum der Themen, Stile und Tendenzen, vertreten durch Dichterinnen und Dichter, die man (noch) nicht in den Schulanthologien findet. Außer dem gleichen Umfang (64 Seiten) und der einheitlichen, nur in der Farbe unterschiedlichen Umschlaggestaltung werden bei genauem Lesen mindestens noch zwei Merkmale deutlich, die alle sechs Gedichtbände aufweisen und damit den kommunikativen Charakter der Edition YE zum Ausdruck bringen: zum einen das Kreisen um die Frage nach dem Stellenwert der Lyrik als anthropologischer Konstante und zum anderen die Intertextualität.

     

    Maximilian Zander

    „Aber alles hängt davon ab, / wie viele und welche / Gedichte Sie / vorher zu sich genommen haben,“ behauptet Maximilian Zander in „Gebrauchsinformation“ (Antrobus‘ Tagebuch, 2002). In seinen metrisch genau berechneten Texten, die sich vorwiegend mit existentiellen Themen, aber auch mit Alltagssituationen beschäftigen, spielt die Frage nach den Daseinsbedingungen der Lyrik eine wichtige Rolle. Der Naturwissenschaftler Zander sieht den Ursprung der Lyrik (wie auch der Wissenschaft) in der Abwehrhaltung „gegen die Banalität des Daseins und den Mangel / an Symmetrie und Ordnung in der uns gegebenen Welt.“ Auch wenn ein Gedicht „Ordnung und Symmetrie“ herstellen soll, liegen seine Voraussetzungen z.T. in einem geheimnisvollen, schwer erfassbaren Bereich, der sich nur manchmal, scheinbar zufällig, eröffnet. So sind z.B. „die sanfte Entschlossenheit / zur Melancholie... / die abgereiste Freundin / der verspätete Postbote / vor dem Fenster musizierender Sommermorgen...“ usw. „gute Voraussetzungen für ein Gedicht“. Ein lyrischer Text, so kann man Zander verstehen, stellt eine Ordnung im Ungeordneten dar, verbindet das Magische mit dem Einsehbaren, das nur Geahnte mit Sinn und Struktur. Oft wirken seine Texte wie Momentaufnahmen und Alltagsfragmente, die dennoch einen tieferen, verborgenen Sinn spiegeln. Man wird an den Begriff der Epiphanie (nach der Definition von James Joyce) erinnert: als ein Moment der „plötzlichen spirituellen Manifestation“ in scheinbar alltäglichen Äußerungen, Gesten, Gedanken usw. Solche Momente sind nach Joyce der eigentliche Gegenstand der Literatur und werden auch in vielen Gedichten von Zander zum Ausdruck gebracht.

     

    Margot Beierwaltes

    Auch für Margot Beierwaltes (Ende des Klagens, 2004) ist die Lyrik als Lebensform ein zentrales Thema. Ihre Gedichte mit zahlreichen originellen Metaphern lesen sich wie Berichte aus einer Welt, in der Einsamkeit und Horchen in die Stille hinein zu besonderen Qualitäten geworden sind: „weiße Vorhänge am offenen Fenster / leicht ist es zu lachen und zu schweigen / die Erzählung errichtet den Raum / Sprungfedern an den Gelenken / an der Wand die Landkarte von Uranus.“ Ähnlich wie Zander weiß auch Beierwaltes von der verborgenen Ordnung, die durch Poesie aufgespürt werden kann. Allerdings beschäftigt sich die Lyrikerin mit der Frage, inwieweit diese Botschaft, die sich dem Dichter erschließt, überhaupt mitteilbar ist, inwieweit Wörter „verstanden“ werden können. Ihre Gedichte oszillieren zwischen der Sehnsucht nach Kommunikation und dem Bewusstsein, dass die poetische Vision dem Alltagsdenken sehr fern liegt. So stellen ihre Texte geradezu einen Gegenentwurf zur Alltäglichkeit dar und bieten dem Leser eine Zuflucht in magischen Bildern, denen eine ganzheitliche poetische Weltsicht zugrunde liegt.

     

    Marianne Glaßer

    Marianne Glaßer (Die Augen der Kartoffeln, 2004) vermittelt dagegen in ihren Gedichten meist allgemein bekannte, tief menschliche Situationen: Von Zweierbeziehungen, Liebesverlust, Sehnsucht ist hier die Rede. Die Qualität dieser Gedichte liegt in ihrer bedingungslosen Ehrlichkeit einerseits (Lyriker verbergen sich nicht im Gedicht, sie stellen sich in ihm) und in den sorgfältig gewählten Bildern und Klangmitteln, wie Assonanzen und Reimen, andererseits. So entstehen Verse von nahezu klassischer Schönheit: „Der aufgegangene Mond / steht schwarz im Zweig. / Teilt sich in zwei und / läßt sich nicht mehr einen. / Du sollst nicht weinen. / Zwei Seelen wohnen/ in der einen. / Steh da und / schweig.“ Lyrik bedeutet für Glaßer ebenfalls geistiger Schutz gegen die Härte des Lebens, wofür ein „lustiges Pfeifen in der Wüste“ als Metapher steht.

     

    Andreas Noga

    Andreas Nogas Gedichte (Nacht Schicht, 2004) stellen ein anderes Lyrik-Konzept dar. Hier werden keine Gegenentwürfe zum Alltag oder Zufluchten geschaffen, vielmehr wird das Leben innerhalb der Banalität (der sich selbst ein Dichter nicht entziehen kann) reflektiert und humorvoll analysiert. Dabei wird die zeitgenössische Lyrik zur Quelle geistiger Nahrung, mit deren Hilfe sich der Alltag überstehen lässt. Noga ist für seine einfallsreichen und oft überraschenden Nachdichtungen zahlreicher Gegenwartslyriker bekannt geworden. Aber auch seine eigenen Kompositionen (z.B. die visuellen Gedichte wie „Seitensprung“ oder „Gerecht“) sind von großer Prägnanz.

     

    Theo Breuer

    Auch Theo Breuer bringt in seinem Gedichtband Land Stadt Flucht (2002) die Freude an der Intertextualität zum Ausdruck. Seine Gedichte weisen Bezüge zu verschiedenen Strömungen moderner Lyrik auf, in deren Tradition er jedoch eigenständig – mal spielerisch, mal tiefsinnig – weiter schreibt. Sein Gedichtband ist aber viel mehr noch als eine Hommage an die von ihm geschätzten Lyriker zu begreifen. Den Texten liegt eine Lebenshaltung zugrunde, die als eine Art Protest gegen die Isolation des Individuums in der modernen Gesellschaft verstanden werden kann. Sie zeigen, dass räumliche Entfernung nicht notwendigerweise die geistige Kommunikation zerstören muss, denn gerade das Wort (und nicht zuletzt die Lyrik) stellt die Chance dar, unsere Menschlichkeit, die auch auf Sozietät beruht, in den Bedingungen der relativen Isolation zu bewahren.

     

    Antje Paehlers

    Antje Paehlers Gedichtband Schlingen Legen Fallen (2003) beinhaltet Gedichte und Aphorismen, die sich durch großen sprachlichen Einfallsreichtum auszeichnen. Paehler ist eine experimentierfreudige Lyrikerin, die viele Mittel der modernen Poesie verinnerlicht und in origineller Weise angewandt hat. Dabei wirken ihre Texte oft still und zurückhaltend, wie beiläufige Bemerkungen, die aber immer eine überraschende Formulierung über scheinbar gewöhnliche Vorgänge beinhalten. Sie findet ihren lyrischen Stoff fast überall, denn sie hat sowohl die Natur als auch die Sprache sehr aufmerksam erforscht: „Hasenwinter. / Vorübergehend / Wörterpfoten / in Sätzen.“

    Mit der Anthologie NordWestSüdOst (2003) hat Theo Breuer „s/einen Querschnitt zeitgenössischer Dichtung“ vorgelegt. Er verzichtet ausdrücklich auf Gedichte vieler etablierter Lyriker und konzentriert sich, wie in der ganzen Reihe, auf noch unbekanntere, aber von ihm geschätzte Autoren, die in den letzten Jahren in Faltblatt und den seit 2000 von ihm in der edition bauwagen (Itzehoe) herausgegebenen handgeschriebenen Künstlerbüchern aufgetaucht sind. Die fehlende thematische Vorgabe gibt jedem der 66 Beiträger die uneingeschränkte Freiheit der Gedichtauswahl. So lässt die Anthologie die „Sprachlust und Vitalität zeitgenössischer deutschsprachiger Lyrik anklingen“ und ist, wie die gesamte, übrigens ausgesprochen preiswerte Reihe (über die Sie sich unter http://www.editionye.blogspot.com/ weiter informieren können), aufgeschlossenen Lesern mit den unterschiedlichsten Lyrik-Vorlieben sehr zu empfehlen.

     

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