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Brigitte Oleschinski: Geisterströmung

13.12.2004

 
Die Signatur des Salamanders

Brigitte Oleschinski ist wieder beim Eingemachten angelangt. Bei dem, was aus allem Nach-Denken und Nach-Fühlen sich herausdestilliert. Poesie ist kein zu großes Wort für Brigitte Oleschinskis Dichtung.

 

Zwei Gedichtbände hat Brigitte Oleschinski veröffentlicht: Mental Heat Control und Your Passport Is Not Guilty. Beides schlanke Bücher, die viel in sich beherbergen und die, wie es oft das Schicksal von Lyrikbänden ist, von einer breiteren Leserschaft bisher erfolgreich ignoriert wurden. Nun folgt mit Geisterströmung die dritte Gedichtsammlung der Autorin, nachdem diese uns letzthin mit ihren Reizstrom in Aspik. Wie Gedichte denken betitelten, poetologischen Versuchen eher in die theoretische Abteilung der Dichtkunst entführte.

Nun ist Oleschinski, und sind wir, wieder beim Eingemachten angelangt. Bei dem, was aus allem Nach-Denken und Nach-Fühlen sich herausdestilliert. Als Form, als Inhalt, als übersteigertes Produkt der Wahrnehmung, „die letzten Wanderer// werden Gedichte sein, in der weglosen Landschaft/ zerfallener Dateien, verwegene Litaneien// auf rauhen, rohen Fege-/ füßen“, so heißt es gegen Ende des Bandes, und man kann das lesen als insistierende Beschwörung der Wunder und Wunderlichkeiten, die in diesem Buch vollbracht werden. Denn tatsächlich haftet den Gedichten etwas Vagabundenhaftes an, als seien sie, getrieben von einem inneren Brodeln, unablässig unterwegs. Der leitmotivisch durch den text kriechende Salamander (die Echse, der Gecko), mag hier für eine bedächtige aber kontinuierliche Bewegung stehen, „die Gecko-Hände/ an den Wänden/ an der Decke“ prägen sich als Klang-Signal in den Schriftkörper ein. Wo die Gedichte letztlich ankommen und wann, ist fraglich, und ob sie das überhaupt wollen, erst recht. Denn Brigitte Oleschinski schreibt Gedichte nicht als Erklärungsversuche für irgendeine Realität, sondern als Schneisentreiber durch eine verwachsene Wildnis – und das Dickicht schlägt hinter einem immer gleich wieder zusammen, zumindest scheint es so.

Inwiefern die im Buch versammelten Gedichte sich überhaupt voneinander ablösen und als Einzelgebilde betrachten lassen, ist fraglich. Denn alles hängt, schwer verzwirbelt, aneinander. Ein Gedicht bringt das nächste hervor, vollführt Rückgriffe, schreibt ein anderes fort. Der lyrische Teppich, der hierbei vor den Augen des Lesers – und vor allem in seinem Kopf – gewoben wird, ist als ganzer nur in vereinzelten sehrhellen Momenten zu fassen, und doch ist man glücklich, wenn man nur einen Fetzen des Gewebes in sich aufnehmen und auf sich wirken lassen kann. Man wird mit Bruchstücken konfrontiert, die unangestrengt und doch in höchster Anspannung eine Welt konstituieren.

Und es ist eine Welt, die einem fremd und gleichzeitig vertraut vorkommt. Die – nicht allein geographischen – Weiten des süd-ostasiatischen Raumes werden abgeschritten. Hier werden Ambivalenzen an die Oberfläche gespült, die vielleicht sogar die Beziehung zwischen Europa und Asien erklären helfen. Eine Verschmelzung der Identitäten findet statt gleich zu Beginn, wenn es, fast unscheinbar, heißt: „wir// liegt schlaflos“. In der schwitzenden, prasselnden Umgebung, werden die Gedichte gleichsam selbst ausgeschwitzt, immer nah am Körper, an seiner Lust und an seinem Leiden. Und doch fällt, wahrscheinlich unkontrollierbar, ein mitteleuropäischer Blick in die Szenerie, der sich des Staunens – und auch der Reflektion – nicht erwehren kann: „und dieser Wille// in den Gerippen am Straßenrand, die Fliegen/ verkaufen und Plastikbrillen“.

Wenn diese Gedichte dann noch, wie auf der beigefügten CD, gesprochen, gesungen (mit Unterstützung eines Chores der Musikakademie Plovdiv) und mit Klangcollagen unterlegt werden, bekommt man eine ungefähre Ahnung davon, was hier passiert. Das alles lässt sich nicht mehr klar zerlegen in Kunst und Leben, in Früher und Später, in ein Diesseits und Jenseits. Hier findet eine Aufhebung aller Kategorien statt, eine eitel-uneitle Dauerepiphanie.

Poesie ist kein zu großes Wort für Brigitte Oleschinskis Dichtung.

Lars Reyer

Brigitte Oleschinski: Geisterströmung.
Streifzüge durch die Romanlandschaften Claude Simons.
DuMont Literatur und Kunst Verlag, 2004, 116 Seiten, 24,90 ¤
ISBN 3-8321-7892-9

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