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Raoul Schrott: Weissbuch

15.11.2004

 
Panorama (post-) moderner Befindlichkeiten

In seinem neuen Gedichtbuch nimmt Raoul Schrott das Reisen als seine ihm eigene Existenzform, die poetisch aufgeladene Augenblicke evoziert und als Katalysator der Poesie fungiert.


 

Es gibt kaum einen zweiten deutschsprachigen Dichter unserer Zeit, dem das Reisen derart zur Lebensform geworden wäre wie Raoul Schrott. Der Wahlspruch von Blaise Cendrars, dem großen französischen Globetrotter: "Quand tu aimes il faut partir", könnte deshalb genauso das Motto von Raoul Schrotts poetischem Reisefieber sein – was sonst als die Liebe wäre das Movens dauernden unbeständigen Umherstrei-fens zwischen den Kontinenten?

Raoul Schrott defiliert zwischen den Längen- und Breitengraden des Globus wie Baudelaire auf den weiten Boulevards und dunklen Gassen von Paris flanierte. In La Paz etwa notiert er sich aus einer Pindarschen Ode zur Natur des Dichters: "eine sehr eitle gattung von männern gibt es, die, gewöhnliche dinge verschmähend, ihre augen auf fernste dinge richten, leerer luft mit eitlen hoffnungen nachjagend", was er im Gedicht daneben – einem Stück aus der Serie unter dem anspielungsreichen Titel "Szenen der Jagd" – in folgenden Bildern vergegenwärtigt: "ein ventilator an der decke: klack klack ∙ verspiegelte säulen / bis zur bar ledersessel luster die vorhänge / halb zu der kellner dabei gedecke wieder abzuräumen / irgendwann dachte ich ich sähe dich da draußen / es war dein schritt deine gestalt ∙ aber in dieser blende // der fenster bleibt alles schwarzweiß ..."

Das Heilige, die Jagd und die Frau

Was Schrott in seinem Weissbuch zusammengetragen hat, sind jedoch mehr als bloße Reisesouvenirs oder Chroniken flüchtiger, anekdotischer Liebschaften des lyrischen Ichs. Er präsentiert uns eine geräumige, dabei streng symmetrisch konstruierte maison poétique, deren Koordinaten sich auf "das Heilige, die Jagd und die Frau" berufen – ein ehrgeiziges Programm, das er in sieben Hauptstücken mit insgesamt dreizehn "Triumphen", Petrarcas "Trionfi" nachempfunden, ausbreitet; die "Triumphe" lassen sich wiederum auf sieben thematische Grundkonstellationen zurückführen: "Triumph des Todes", "des Hungers", "der Ewigkeit", "der Reinheit", "der Liebe", "der Zeit" und "der Jagd". Doch Raoul Schrott wäre nicht jener vitale, in Reise- und Liebesdingen versierte Poet, wüsste er die Erhabenheit der Titelkomplexe nicht mit der Unmittelbarkeit lebendiger Erfahrung aufzufüllen. Das Panorama der petrarkaschen Zentralperspektive verwandelt sich bei ihm dank Brüchen, Spiegelungen, tele- wie mikroskopischen Verzerrungen zu einem Panorama unserer (post)modernen Befindlichkeit: "etwas wie seele ∙ ein kondom milchig auf dem boden".

Zwischen Erhabenheit und Unmittelbarkeit

Obwohl er "das Heilige" als Kategorie seines Erfahrungsmodus bemüht, geht es ihm um etwas ganz anderes als um Religiosität – eher ist er ausgezogen, eine Art von negativem Gottesbeweis mittels Poesie vorzulegen, oder exemplarisch die Genese des "Heiligen" aus den endlosen Metamorphosen des dichterischen Blicks, der poetischen Imaginationskraft heraus zu beleuchten. Deshalb stehen ihm auch die Antike, ja noch weit vor dem Griechentum angesiedelte Kulte und Religionen, die das Chris-tentum als "heidnisch" stigmatisiert, der Vielgötterei geziehen hatte, so nahe. Für Schrott entzündet sich in der Anthropomorphisierung angeschauter Welt die poetische Gestaltungskraft, eine force créatrice, die zwischen profanem und sakralem Kult auf ungesichertem Terrain marodiert, indem sie immer wieder auf neue Phänomene für ihre "Heilig"-Preisungen fokussiert.

So geschieht es, dass in diesen Gedichten die alltäglichsten Dinge und Regungen ihre Transsubstantiation erleben, ohne dass der Autor sich hinter der Maske des Alltagsmystikers verstecken müsste – Walter Benjamin sprach schon 1929 von der "profanen Erleuchtung", um das, was "profane" Autoren, ja Atheisten wie Joyce, Proust und die Surrealisten im Blick hatten, einzukreisen. Deshalb ist es falsch, Schrotts Poetik mit "formaler Strenge" gleichzusetzen. Seine Gedichte folgen einer eigenen, inneren Logik, "mittels derer einzelne Augenblicke rekonstruiert werden", wie er selbst schreibt. Und genau in diesen Augenblicken wird es ihm möglich, die klassische Konzeption des Erhabenen, wie sie etwa Winckelmann formulierte, trotz der heutigen Omnipräsenz des Chaotischen, Disproportionierten, Hässlichen, von neuem ins Spiel zu bringen, wie hier in einer Aufzeichnung aus Jakarta: "heillos im verkehr an der kreuzung vorne / eine kirche ∙ ich ging hinein nicht um eine figur / gottes zu sehen sondern nur seine statur: die eiserne stirne // die er der welt bietet ... die wundmale aufbrechend zum geschwür // eitrig das herz zwischen zimt mangos einem kakerlak / im schweiß der hitze das blut abblätternd / an den wangen ∙ ins obszöne von farben zurück".

Schrott ist schwerlich vorzuwerfen, dass er exotisierte – das Reisen selbst, als Existenzform, die poetisch aufgeladene Augenblicke evoziert, ist der Katalysator seiner Poesie; und dies praktiziert er ebenso in Strophen, in denen das Ich, wie zuvor schon bei Heine, in der Verkleidung des schelmenhaften Casanovas brandschatzend durch deutsche Lande zieht.
Doch sind es gerade die unvorhersehbare Vielfalt von Konstellationen, die Fülle in Poesie transformierter Momente, die diesem Weissbuch seinen dauerhaften Reiz verleihen, so dass man es immer wieder von neuem, egal an welcher Stelle, aufschlagen und die Hingabe an die Welt, mit der es hier ein Poet ernst meint, auskosten möchte. Während andere über den Schnee philosophierten, ist Raoul Schrott zwischen Äquator, Wendekreis des Krebses und dem Kreuz des Südens umhergereist, und nicht zuletzt machen daher astronomische Konstanten, die Ekliptik von Mond und Sonne, die Brechungen des Lichts, das Geflecht von Schatten, gekoppelt an eine "Liebe ... die allem Lebendigkeit schenkt", die unverwechselbaren Konturen seiner Lyrik aus: "ein seidener weg über den ich mit / meinem stock alles schmuggel-te den / ganzen kokon von worten ∙ all das bunte das / ich für dich gefunden hatte bis du mich / endlich auch deinen marco polo nanntest".

Jan Röhnert


Raoul Schrott: Weissbuch.
München: Carl Hanser Verlag 2004.
Gebunden. 188 Seiten. 17,90 ¤.

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