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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. April 2017 | 03:34

     

    Oskar Pastior: Minze Minze flaumiran Schpektrum

    25.10.2004

     

    „Butterkekse im Haar!“

    Die Werkausgabe von Oskar Pastior setzt sich fort: „Minze Minze flaumiran Schpektrum“.


     

    Will man dem Klappentext Glauben schenken, so beschert uns der neue Band der Werkausgabe von Oskar Pastior mit dem schönen Titel „Minze Minze flaumiran schpektrum“ die „berühmten Zyklen“ „Ein Tangopoem“, „Der krimgotische Fächer“ und „Wechselbalg“. Kein Zweifel, dass Oskar Pastior ein ausgezeichneter Lyriker ist und alle lobenden Epithteta den Richtigen erwischen, doch haben wir es hier wirklich mit „berühmten Zyklen“ zu tun? Wenn die Lyrik innerhalb der Literatur eher als ein randständiges Phänomen betrachtet wird, und Pastior dann unter den lyrischen Edelfedern häufig mehr belächelt wird als akzeptiert, wie können diese Sammlungen dann so bekannt sein? Vermutlich zählt eine kleine Gruppe Eingeweihter, die Pastior-Fans und Anhänger der experimentellen Poesie, seine Arbeiten zu ihren Favoriten, und vielleicht sogar aus gutem Grund, da eine Entwicklungsgeschichte der Lyrik nach 1945 wohl nicht auf den Autor aus Siebenbürgen verzichten kann.

    Die in diesem dritten Band der Werkausgabe versammelten Texte sind überhaupt nicht einfach zu verstehen – eine Binsenweisheit, die aber doch bei jeder Besprechung noch mal betont werden sollte, damit der potentielle Käufer der Ausgabe nicht auf falsche Gedanken kommt. Bei manchen Gedichten begreift man zwar die Bedeutung jedes einzelnen Wortes und ist glücklich, auch entlegene Ausdrücke wiederzuerkennen, doch wie nun die einzelnen Bausteine zusammenhängen, bereitet einem häufig Kopfzerbrechen. Bei anderen Arbeiten wie dem „krimgotischen Fächer“ scheitert der Leser bereits am selbstständigen Wort, denn diese Phantasiesprache oder „künstlicher Dialekt“ liefert Sprachmaterial an die Hand, das zum Teil gar keine Ähnlichkeit mit den uns bekannten Wörtern besitzt. Pastior konstruiert ganze Gedichte in einem Idiom, bei dem die Ausdrücke anscheinend keinen Referenten haben, und wir nur staunend dasitzen und uns fragen können: „Worüber wird da eigentlich geredet?“

    Gestische Phanatsiesprache

    Der Witz bei der Sache und das eigentlich Reizvolle an diesen Texten liegen aber in der Gestik. Selbst wenn man keinen blassen Schimmer von der Bedeutung des Geäußerten hat, so wollen die Satzzeichen, die Zeilenbrüche und nicht zuletzt die fast schon den Text erläuternden Überschriften immer wieder darauf hinweisen, dass wir es hier mit einer vollkommen funktionstüchtigen Sprache zu tun haben. So wie Chaplin im Film „Der große Diktator“ auch im künstlichen Idiom spricht und der Zuschauer durch die Gestik und die Wortbetonungen den Eindruck bekommt, dass diese Sprache wirklich existiert, so arbeitet Pastior sich auf eine ähnliche Weise an einer semantisch-unsemantischen Sprache ab.

    Das Beispiel mit Chaplin erläutert, dass diese Texte zu Gehör gebracht, einen noch größeren Lustgewinn versprechen; außerdem entziehen sich nicht alle krimgotischen Gedichte der Verwandtschaft zu den uns bekannten Sprachen, wie die „Ballade vom defekten Kabel“ zeigt. Der ganze Titel dieser Sammlung lautet „Die Lieder und Balladen des krimgotischen Fächers“, und das zeigt, wie ernst es Pastior mit der Erschaffung einer „echten“ Sprache ist. Lieder und Balladen sind im Volk kulturell verankert, als folkloristisches Element gehören sie zum kulturellen Erbgut, und mit dem Titel werden diese Texte quasi geerdet, die erfundene Sprache bekommt eine Tradition, in der sie verankert ist.

    Mit dem „Tangopoem“, das den Auftakt im dritten Teil der Werkausgabe markiert, nimmt Pastior bestimmte Techniken aus dem „krimgotischen Fächer“ bereits vorweg. Was assoziiert man aber mit einem Tango? Vielleicht, wie bei so vielen Tänzen, die Wiederholung einer Schrittfolge, und so fallen bei genauerer Lektüre die repetierenden Elemente ins Auge, die aber bei Pastior niemals nur restaurativ und erbaulich auf Altbekanntes zurückgreifen. Wiederholung bedeutet nicht Stillstand oder schlichte Identität, sondern ein Fortschreiten und Weiterentwickeln auf kleinstem semantischen Raum. Pastior schreibt im Nachwort zu diesem Text, dass es sich hier unter anderem um einen „Reisebericht in Sachen Yorkshire, Oberflächendispersion & Schwittersbefindlichkeit“ handle. Eine Reise also, die auf die Inventarisierung von natürlichen Erscheinungen nicht verzichtet. Die Hecken, die Schafe und die Champignons treten auf, und alles mit einem Sinn für die Oberfläche:

    ZWECKS PARZELLIERUNG DER LANDSCHAFT
    wirft er die Netzhaut auf Yorkshire
    DURCH WETTERKUNDIGE AUGEN
    seine hauchdünne Gepflegtheit
    WIE EINE LESEBRILLE AUS HECKEN
    miz dünnem Faces Tappen
    WO DEREINST ÜBER YORKSHIRE MIZ DONNAR-VOLTA
    die Unstete eines gelbsgrünem Berühre-Gesetzes
    D. I. DIE LIAISON VON CHAMPIGNONS UND SCHAFE-TIEREN
    wie eine Lesebrille aus Hecken
    VORKOMMEN MÜSSTE

    Da wird selbst der vorbehaltlose Blick auf die Natur noch zur Lektüreerfahrung. Die „Lesebrille aus Hecken“ erkennt die Landschaft noch als Text, und es ist erstaunlich, wie subtil und differenziert der Autor hier das Motiv des sehenden Auges durchspielt. Zu der Lesebrille gesellen sich natürlich die „wetterkundigen Augen“ und die „Netzhaut“, da man aber ja auch ganz sprichwörtlich „ein Auge auf etwas werfen kann“, wirft das lyrische Ich fast wie ein Fischer seine Netzhaut auf die Landschaft, um dann die Struktur der Parzelle zu finden. Auch die Champignons und die Schafe sind auf eine oberflächliche Art liiert, nämlich durch ihre Farbe.

    Irritierende Gedichtgedichte

    Kommen wir nun aber zum dritten „berühmten“ Zyklus dieser Werkausgabe, dem „Wechselbalg“. „Frescobaldi“, der erste Text dieses Bandes, kann durch die häufige Benutzung des Verbs „sein“ augenzwinkernd als ein o­ntologisches Traktat gelesen werden. Mit den anscheinend so glasklaren logischen Schritten wird der Leser aber in die Verzweiflung getrieben, denn die Zuschreibungen sind durch unsere konventionelle Logik nicht zu entschlüsseln. Der Text kommt so eindeutig daher und ist doch so hochgradig verwirrend, was übrigens für einen Großteil der „Wechselbälger“ gilt. Vielleicht rührt daher auch der Titel: Wenn man glaubt, das Balg erkannt zu haben, wechselt es blitzschnell die Identität!

    Damit führt Pastior die Tradition der „Gedichtgedichte“ fort, bei der er die Gattung des Gedichts von innen heraus durch das Gedicht hinterfragt. Auch hier hat es nun den Anschein, als sei das „Wechselbalg“ eine spezieller Typus der Lyrik. Und welcher? Jedenfalls, soviel lässt sich sagen, wird auf einen Humor gesetzt, der durch die kleinste Veränderung im Wortmaterial seine Komik erzeugt: „Multiple Teerose!“, und der durch Absurdität, Binnenreim und grotesker Bedingung entsteht: „Schlägt der Purzelbaum den Wurzelhund, so bist du aus Porzellan.“
    Damit ist natürlich nur unzureichend benannt, wie vielfältig verspielt das „Wechselbalg“ daherkommt. Die Mechanismen, die Oskar Pastior bei der Produktion seiner Arbeiten verwendet, sind immer andere; das macht seine Lyrik gerade aus. Will man den oft bemühten Begriff der Innovation aber verwenden, so würde man mit Blick auf Pastiors Werk wohl auch anmerken müssen, dass es mit der Erschaffung immer neuer Formen nicht uneingeschränkt getan ist. Sicher sind Pastiors Arbeiten nicht rein formell, so wie die Texte anderer Autoren nicht rein inhaltlich sind, doch das spielerische Moment gewinnt bei ihm häufig die Überhand. Wo mehrere Gedichtsammlungen in einem Band vereint werden, bekommt der Leser die repetierenden Momente mit. Bei allem Erstaunen über die literarischen Möglichkeiten unserer Sprache, was man mit ihr alles anstellen und wie man durch die kleinsten Veränderungen am Sprachkörper ungeahnte Bedeutungsebenen erreichen kann, so scheint doch das Bedürfnis legitim zu sein, das Lyrik auch ganz existentielle, weltanschauliche Momente vermittelt.

    Thomas Combrink


    Oskar Pastior: Minze Minze flaumiran Schpektrum.
    Werkausgabe Band 3.
    Herausgegeben von Ernest Wichner.
    Edition Akzente.
    Hanser.
    Gebunden. 348 Seiten. 21,50 ¤.
    ISBN 3-446-20416-4

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