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Abbas Kiarostami: In Begleitung des Windes

20.09.2004

 

Was mir das Auge erzählt

"In Begleitung des Windes" findet der Filmmacher Abbas Kiarostami zu Haikus, die ihn als zärtlichen Liebhaber der Welt auszeichnen.


 

Es ist nicht nur höchst selten, sondern wohl bislang einmalig, dass ein weltbekannter Filmregisseur Gedichte publiziert; mehr noch, dass er im persönlichen Gespräch sie an die Spitze seines Werks stellt, danach seine Fotos folgen lässt (die uns bisher unbekannt geblieben sind) - und dann erste seine Filme, die ihn berühmt machten. Ich spreche von Abbas Kiarostami, dem Iraner. Übersetzt von Shirin Kumm und H.-U. Müller-Schwefe sind jetzt unter dem Titel "In Begleitung des Windes" Kiarostamis Gedichte bei Suhrkamp erschienen.

Meditative Betrachtung der Welt

Eben hat der iranische Cinéast in seinem Digitalfilm "Ten o­n >Ten<", in dem er zehn Thesen zu seiner Film-Arbeit mit der Digitalkamera aufstellt, erklärt, dass er sich weder als "metteur-en-scene", noch als "auteur" seiner Filme begreift. Er sei eher der Beobachter, der zusieht, wie sich die physische Realität zum Film verdichtet. Er möchte offenbar nicht wie der chinesische Maler in der bekannten Legende am Ende in seinem Bild verschwinden, sondern gar nicht erst aus seinem Oeuvre hervortreten.
Wahrscheinlich ist das ein mystischer Gedanke und Ausdruck von Bescheidenheit, ja sogar von "Demut" gegenüber der Welt, dem Quellgrund seiner Filme. Dabei gilt uns der Schöpfer von "Wo ist das Haus meines Freundes?" oder "Quer durch den Olivenhain", von "Der Geschmack der Kirsche" oder "Der Wind wird uns tragen" doch als herausragender "Autorenfilmer", weil seine Filme, trotz seines daran beteiligten Teams, dann doch von A bis Z, von der ersten Idee bis zu ihrer letzten geschnittenen und montierten Form: sein Werk sind. In einem anderen Sinn, als dem, den die Franzosen unter dem Wort "metteur-en-scene" verstehen, ist Kiarostami, der den Vorrang der Realität, "des Seins" für seine Arbeiten reklamiert, und dem "Dokumentarischen" und "Authentischen" eine fundamentale Rolle in seinem Kino zuspricht, jedoch zumindest ein "In-Szene-Setzender", nämlich jemand, der aus der Fülle des Vorliegenden von Landschaften, Orten, Personen, Gedanken etc. eben jene auswählt, die er dann mittels seiner Vorstellungskraft poetisch "engführt", aufeinander bezieht, so dass aus ihnen etwas entsteht, besser: entstehen kann - und zwar im nach- oder gar erschaffenden Bewusstsein des Zuschauers & -hörers -, was mehr ist als die in Szene gesetzten, in ein Arrangement gebrachten (Einzel-)Teile in den und zwischen den Bildern & Tönen seiner Filme.

Eben genau das trifft erst recht auf seine Gedichte zu, umso mehr als sie - wir ahnen es mehr, als dass wir es kennerisch-gebildet wüssten - der knappen, aussparenden, lückenhaften, assoziativen Form des Haikus und der ebenfalls japanischen Philosophie des Zen zuneigen, also einer meditativen Betrachtung der Welt, bei der die intensivste Art des "Sinnierens" über das scheinbar Vertraute zur staunenden Entdeckung eines ganz anderen, bislang verborgenen Sinns führt.

Digitalfilm als "Weltgedicht"

Schon während der Arbeit an "Ten", der ja mit zwei fixierten Digitalkameras &-mikrophonen ausschließlich im Innenraum eines durch die Straßen Teherans fahrenden Landrovers gedreht wurde, hat Kiarostami erklärt, sein filmisches Werk bewege sich auf das Schweigen zu. Und in der Tat, wer den darauf folgenden (Digital-)Film "Five" gesehen hat (schon der Titel signalisiert Halbierung und Reduktion), begegnet in den fünf Teilen keiner menschlichen Stimme mehr (sondern einzig Naturlauten, vor allem denen des Meeres, aber auch denen von Enten, Hunden, Fröschen, Hähnen). Nur in einer Episode sehen wir überhaupt noch Menschen - aber eher wie befremdliche Zweibeiner, die an der Kamera einzeln oder in Gruppen vorübergehen (wie in einer anderen, sie parodierenden Episode eine von links nach rechts & retour watschelnde Entengruppe).

"Five" ist eine Hommage an der großen japanischen Filmregisseur Jasujiro Ozu, dem sich der Iraner Abbas Kiarostami mit seinen Filmen zu Recht in vielerlei Hinsicht sehr nahe weiß. Ozu beobachtete und beschrieb in seinen großen Filmen Familiengeschichten und menschliche Beziehungen gleichsam wie Naturvorgänge. "Five" befindet sich dagegen jenseits der menschlichen Gesellschaft, besteht nur noch aus der ebenso konkreten wie abstrakten Sinnlichkeit von Zeichen, die zu deuten wären. "Five" könnte man z.B. als ein fünfsätziges sprachloses "Welt-Gedicht" aus Bildern und Tönen bezeichnen. Der letzte, geheimnisvollste, nächtliche Teil besteht aus einer Folge von unmerklichen Überblendungen: Mond, Wolken, Gewitter, Regen - aquarellhaft (!) gespiegelt in Wasser, begleitet vom anschwellenden und verstummenden Konzert der Regengeräusche und Tierlaute. Ich habe dazu "Sintflut" assoziiert, Untergang & Neubeginn.

Näher als im audiovisuellen Lyrismus von "Five" ist Kiarostami der Lyrik seiner Haikus nicht gekommen. Die minimalen, kaum merklichen Licht- und Farbveränderungen von "Five" entsprechen dem, was das Eröffnungsgedicht von "In Begleitung des Windes" evoziert: "Ein weißes Fohlen / Tritt aus dem Nebel / Und entschwindet / Im Nebel". Peter Handke, in seinem klugen, gelehrten und doch auch sehr persönlichen Nachwort, spricht von "Eidola, Kleinen Bildchen", die Kiarostami in seinen Gedichten entwirft - oder der Realität wie Fotos abnimmt oder abliest und sprachlich fixiert. "Entwickeln" müssen sie aber seine Leser.

Eine Erscheinung im Nebel

Unzweifelhaft: schon dieses erste ist eine "Erscheinung", die aus dem Nebel hervortritt und in ihm wieder verschwindet. Andrzej Tarkowski - ein anderer unausgesprochener kinematographischer Bezugspunkt des Iraners - könnte dieses "Kleine Bildchen" sogar animiert haben. Schimmel gehörten zu seinem poetischen Vokabular. Kiarostamis Gedicht ist erst einmal nichts als es selbst: ort- & zeitlos. Alles, was es darüber hinaus sein, i.e. "bedeuten" könnte, wäre das Werk nicht nur unserer Vorstellungskraft, sondern auch unseres nachdenklichen "Sinnierens", sprich: unseres "deutenden" Interpretierens. Bedenkt man dabei auch den Platz, den Kiarostami diesem Gedicht zuweist, nämlich als Ouvertüre, so läge es nahe, darin so etwas wie das "Programm" seiner Poesie zu vermuten: einen Augenblick auf eine nur kurz sichtbare Erscheinung zu werfen, die sich aus dem Nebel des Daseins unschuldig wie ein Fohlen und durch seine Weiße kaum abgehoben vom Nebel, löst - und sich uns darbietet. Eine zarte, anmutige Wesenheit, die Erscheinung eines Anderen.
Von solchen epiphanischen Momenten sprechen Kiarostamis kleine Gedichte des Staunens, der Nachdenklichkeit, der beobachtenden Anteilnahme und des liebevollen Beobachtens, das uns ja aus seinen Filmen ebenso bekannt wie vertraut ist, immer wieder.

Obwohl es zumeist nur vier Zeilen sind (manchmal auch nur zwei: "Im Frühlingshauch / Der Flug einiger trockener Herbstblätter"), mit denen Kiarostami seiner Poesie Gegenwärtigkeit gibt, entfaltet der Dichter doch einen großen Reichtum an Themen, Situationen und Lebensgeschichten, die teils als flüchtige Eindrücke einer Lebens- oder Naturstimmung, teils als diskrete Andeutung existentieller Lebenssituation aufleuchten - nicht selten auch als hingetuschte Stillleben: "Eine Frau wach / Den Zärtlichkeiten entsagend / Neben einem Mann im Schlaf" oder " Die Herbstsonne / Auf der Mauer aus Lehm / Eine Eidechse wachsam". Oder als akustische Momentaufnahme: "Weinen eines Kindes / Wird begleitet vom Vogelgesang / Bis die Mutter kommt"; eine andere: "Der Ruf der Schakalin / Wird von einem Hund erwidert / Aus der Ferne / In mondheller Nacht".
In manchen der Naturgedichten hat Kiarostami die Sinnfälligkeit zur Aussage gedrängt ("Das letzte Blatt das am Ast klebt / Wiegt sich in der Hoffnung / die Frühlingstriebe zu sehen"; "Die Spinne / Mustert zufrieden / Ihr Werk / Zwischen Maulbeere und Kirsche") und hat mit solchen Anthropomorphismen die lakonische Offenheit seiner Poesie leider beschädigt und banalisiert; dagegen: wie schön sind solche Augenblicke: "Schneller durchläuft / Die Sichel des Neumonds / Die Weite des Himmels / Im rasenden Winterwind" oder: "Regen fällt auf den See / Trockenes Ackerfeld" ! Auch Paradoxien können poetisch sein: " Der herrenlose Hund / Wedelt mit dem Schwanz / Für den blinden Passanten" und grausamer: "Nachts / Durch die Maschen geschlüpft / Der kleine Fisch / Liegengeblieben auf dem Ufer".

Später Auftritt des Ichs

Das dichterische "Ich" tritt erst spät aus diesem, wie man sagen könnte (weil er den Schnee so liebt): "Flockengestöber" von Haikus hervor, und zwar als verlassenes, vereinsamtes: "Wo ist sie jetzt / Was macht sie / Die ich vergessen habe", "Ich schreie / Über das tiefe Tal / in Erwartung des Widerhalls". Oder: "Ich lasse ein Leben zurück / für einen Augenblick / Weine ich um mich". Und zuletzt, am Ausgang eines mäandrierenden Wegs durch die ländliche Natur, Tag & Nacht, die Jahreszeiten, die menschliche Welt von Arbeit, Liebe, Kindheit, Ehe und Tod - am Ende von Kiarostamis Reise "In Begleitung des Windes" bittet der Dichter seine Freunde, Geliebten und seine Leser: "Vergebt mir meine Sünden / Und vergeßt sie / Aber nicht so / Daß ich sie restlos vergesse".

Abbas Kiarostamis Gedichte sind höchst diskrete Botschaften eines zärtlichen Liebhabers der Welt, der ihr, wie die ersten Philosophen-Dichter der Griechen, staunend das Lied ablesen will, das in allen Dingen schläft, nach den Worten unseres Romantikers Joseph von Eichendorff. Aber dennoch sind es keine romantischen Gedichte, sondern minimalistische Atemzüge eines einsamen Betrachters: "Stets unvollendet / Bleiben meine Gespräche / mit mir selbst...". Will er in seinen Filmen am liebsten gar nicht anwesend sein, so schauen wir diesem scheuen Melancholiker nun als Haiku-Dichter doch mitten ins Herz.

Wolfram Schütte


Abbas Kiarostami: In Begleitung des Windes.
Gedichte. Aus dem Persischen von Shirin Kumm und Hans-Ulrich Müller-Schwefe. Mit einem Nachwort von Peter Handke.
Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a.M. 2004
Gebunden. 240 Seiten. 19,80 ¤.

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