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Paul Wühr: An und Für

06.09.2004

 
Im Dialog mit den Verbündeten

In der Gewagtheit der Konzeption ist Paul Wührs "An und Für" zwar nicht mit seinen voluminösen Gedichtbänden wie z.B. "Venus im Pudel" zu vergleichen, kann aber als "Appetizer" auf das nächste größere Projekt des Autors dienen.

 

Paul Wühr bemüht sich in seinem neuen Band akribisch um die Gattung des Widmungsgedichts. Wie uns der Titel bereits nahe legt, unterscheidet der Autor zwischen jenen Gedichten, die ganz direkt das Zwiegespräch mit einer Person oder sogar einer Örtlichkeit suchen, die also "An Franz Kafka" oder "An den Salvatorplatz" gerichtet sind und wiederum jenen, die "Für Ludwig Harig" oder "Für Peter Handke" ausgewählt oder geschrieben wurden. Tatsächlich liegt die Differenz wohl darin begründet, dass die "Für"-Texte weniger auf einen Dialog zwischen lyrischem Ich und angedichtetem Adressaten Wert legen, weniger fragend als die "An"-Gedichte sich dem Subjekt nähern, sondern eher aus der Beobachtung und der Wertschätzung einer Person heraus formuliert sind. Dass die meisten Gedichte dieses Bandes mit "Für" tituliert sind, hat für Wühr unter anderem den Vorteil, dass die Widmung natürlich auch als Titel oder etwas umständlicher ausgedrückt als Paratext fungieren kann. Um Missverständnisse zu vermeiden: Wohl kein anderer Lyriker hasst es so sehr, den eigenen Texten eine Überschrift zu verpassen wie Paul Wühr, aber die Widmungen dienen in diesem Band doch dazu, ein einzelnes oder ein Serie von Gedichten auf einen Bezugspunkt hin zu zentrieren.

Sprachliche Hebelwirkungen

Überhaupt ist es erstaunlich, welche Hebelwirkung ein Wörtchen wie "Ob", mit dem der Autor in vielen Fällen seine Texte beginnen lässt, auf die gesamte Struktur des Gedichtes hat. Das Wort zieht den Leser unweigerlich in die verdrehte Syntax, die häufig aus Pseudo-Strophen mit nur zwei Versen besteht, hinein, es weist bereits am Anfang über sich hinaus, falls nämlich das "Ob" als Frage gedacht ist, was bei Wühr jedenfalls explizit selten der Fall ist, so fordert es eine Antwort. Sollte "Ob" die einleitende Funktion eines Gliedsatzes besitzen, dann erwartet der Leser den Hauptsatz im Laufe des Textes. Damit wären wir aber bei den
eigentlichen Schwierigkeiten der Wührschen Lyrik, die natürlich einen Teil der lesenden Bevölkerung abschrecken wird, da diese Texte keinen Wert auf eine Botschaft legen, die auch nur annähernd widerspruchsfrei paraphrasiert werden kann. Wühr entwirft in seiner Lyrik ein kniffliges Verweissystem, das weniger das einzelne Wort und die damit verbundenen Konnotationen in den Vordergrund rückt, sondern die Reibung eher durch den Zusammenhang, das Mit- und Gegeneinander der einzelnen Ausdrücke innerhalb des Textes entsteht. "Wo ist denn da die Logik?", könnte man etwas unbedarft und vorbehaltlos fragen, denn die Satzgrenzen muss sich der Leser denken. Satzzeichen gibt es nicht, Verse und Strophen enden oft nicht zu dem Zweck, dass mit ihnen automatisch semantische Einschnitte zusammenfallen. Wühr treibt so sein Versteckspiel mit uns und häufig weiß man gar nicht, welche Satzbausteine zueinander gehören.Natürlich lassen sich diese Beobachtungen engführen mit Wührs Poetik, in deren Zentrum die "Philosophie des Falschen" steht. Wer sich also wundert, dass auf den ersten Blick Nichts richtig zusammenpasst, vieles verdreht und unserem eigentlichen Sprachgebrauch (und damit auch dem der Lyrik) enthoben ist, dem sei gesagt, dass dem Autor selbst die Texte am liebsten sind, die als am Stärksten danebengeschossen erscheinen. Vielleicht liegt hierin auch ein Manko des neuen Bandes "An und Für", denn einige der Widmungsgedichte sind vielleicht gerade im Vergleich zu den lyrischen Großprojekten "Salve Res Publica Poetica" und "Venus im Pudel" doch eher zu verständlich, verdeutlichen zu plastisch und anekdotenhaft das Verhältnis zu dem Adressaten und wirken damit fast etwas harmlos.

Die Welt als Beziehung und Vorstellung

Genau in der Beziehung vom Autor zu den mit Gedichten beschenkten Personen liegt gleichzeitig das Problem und der Reiz des Bandes. Etliche Texte kreisen um autobiographische Schnittstellen, was zu der Vermutung führen könnte, dass ein adäquates Verständnis nur dem möglich ist, der sich Adressat, Autor oder sonst wie Privat-Eingeweihter nennen darf. Um mit dem etwas schäbigen Begriff der "Autorintention" zu hantieren, so darf dem Lyriker aber keineswegs unterstellt werden, dass er mit diesen Gedichten "Insiderlyrik" im pursten Sinne des Wortes verfasst hätte. Rubbelt man die Verse und Strophen ab, was wohl nur bei intensiver Lektüre möglich ist, dann werden als Subtext doch die Wührschen Vorstellungen von Dichtung deutlich. Bei Wühr gibt das gedankliche Moment den Ton an, das ist in seinen früheren Bücher noch stärker zu spüren, als in dem neuen Band. Die intensive Beschäftigung Wührs mit der Philosophie tritt etwas zurück zugunsten der Hinwendung, Kennzeichnung und Charakterisierung von Personen oder Arbeiten von Dichterkollegen. Überzeugend sind die Texte, die Novalis oder Mörike gewidmet sind, bei den verstorbenen Schriftstellerkollegen dichtet Wühr über eine spirituelle Ebene, die Ideen der Vorgänger aufgreifend, weiterdenkend und damit verändernd. Beachtlich erscheinen aber auch die Texte, die zum Beispiel Peter Handke zugeeignet sind, von denen einer so lautet:

Um

verführt werden
zu können

von geschriebenen
Lippen auf

Papier muß einer
wie er Zeit

noch wirklicher als
in Wirklichkeit

und nackt aus
weißer Haut

schreien lassen

Es geht um Zeit und um Wirklichkeit, Momente, die für jeden Schriftsteller von Bedeutung sind und es stellt sich die Frage, in welchem Bezug der Text nun zu der Arbeit von Peter Handke steht. Oder spricht Wühr hier von sich und seiner Arbeit? Durch die Worte "verführt", "nackt" und "Haut" dringt der Text in den Bereich der erotischen Gedichte ein, dass die Haut "weiß" und weiter von den "geschriebenen Lippen" die Rede ist, deutet dann das Schreiben als einen erotischen, lusterzeugenden Akt an. Paul Wühr hat ja gerade durch den Band "Venus im Pudel" einen Beitrag zu Erneuerung der erotischen Lyrik im Deutschen geleistet und an diesem Text, der eigentlich einem anderen Schriftsteller gewidmet ist, zeigt sich deutlich wie unklar und ambivalent doch diese Widmungsgedichte sich auch gegenüber den angedichteten Personen verhalten.
"An und Für" ist in der Gewagtheit der Konzeption natürlich nicht mit den bereits erwähnten voluminösen Gedichtbänden zu vergleichen, der Band, der ja eine Sammlung aus stellenweise bereits veröffentlichten Texten darstellt, dient eher als "Appetizer", als ein gelungener Versuch, die Zeit bis zum nächsten größeren Projekt von Paul Wühr zu überbrücken.

Thomas Combrink


Paul Wühr: An und Für.
Gedichte.
Hanser Verlag. 2004.
Gebunden. 136 Seiten. 14,90 ¤.
ISBN 3-446-204733

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