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Ferdinand Schmatz: tokyo, echo

01.08.2004

 
Auf Platte gebannt

Ferdinand Schmatz verdichtet auf seinen Reisen gemachte Momentaufnahmen zu flimmernden sprachlichen Kunstwerken


 

In der aktuellen Lyrik scheint wieder eine neue Reiselust aufzukommen: Autoren wie Thomas Kling, Marcel Beyer oder Oswald Egger nehmen ihre Leser mit in die Bretagne, nach Osteuropa, in die USA oder den Jemen. In diese Reihe fügt sich auch der österreichische Autor Ferdinand Schmatz mit seinem neuen Gedichtband tokyo, echo ein. Er enthält zum größten Teil Texte, die durch Schmatz Aufenthalte in Tokio und St. Petersburg inspiriert wurden, aber auch Zeugnisse von einer ganz anderen Art der Reise: im letzten Drittel dieses Gedichtbands finden sich Ausflüge in andere Textwelten, von der Bibel über Franz Kafka bis zu Paul Celan.

Schon der Titel tokyo, echo verrät, dass es Schmatz hier nicht um das bloße Beschreiben von Orten geht, sondern um das, was nach einer Reise zurückbleibt: das Echo, der Nachhall des Erlebten. Oder, wie Schmatz es in einem Gedicht komprimiert ausdrückt, um das, was

war
- echo -
ist

Das Wort "Platte", das sowohl die Festplatte des Computers als auch die mit einer lichtempfindlichen Schicht versehene fotografische Platte sowie die Schallplatte evoziert, ist bei Schmatz die zentrale Metapher für die verschiedenen Medien, mit denen die persönlichen Eindrücke festgehalten werden können. Optische und akustische Impressionen tauchen kurz auf, werden auf Platte gebannt und anschließend im Labor des Autors einer sorgsamen Nachbearbeitung unterzogen. Aus der Spannung von Erlebtem und dessen nachträglicher Modifikation beziehen diese Gedichte ihren besonderen Reiz. Erlebtes verwandelt sich durch sprachliche Kunstfertigkeit. Neue Assoziationen kommen hinzu, das ursprüngliche Bild weicht einem wechselhaften Flimmern der Zeichen.
     
Statt eines bloßen Abbilds der Realität entstehen so gekonnt konstruierte Sequenzen aus Reimen, Homophonien oder Anagrammen. Fremd klingende Namen geben den Anstoß zu Wort- und Bildermontagen. Wörter oder Redewendungen zerfallen wie das Erlebte im Laufe der Zeit und gehen neue Verbindungen ein. Was bleibt, ist nicht mehr der unmittelbare Eindruck eines Ortes, sondern eine Synthese aus assoziativ gebildeten Motiven, zwischen denen sich ein faszinierendes Spiel entwickelt. Dabei kommt der gleiche Unterschied zum Tragen wie der zwischen einen gewöhnlichen Urlaubsfoto und der Aufnahme eines Künstlers: die Texte von Schmatz sind in sich eindrucksvoll gestaltet und reichen darin über die verblassende Erinnerung hinaus.

Im zweiten Teil dieses Bandes, bei dem St. Petersburg im Zentrum steht, kommt eine weitere Dimension hinzu: der Ruf, der einer Stadt vorauseilt. Von vielen Städten wie Venedig, Florenz oder Paris existieren längst kollektive Bilder und Klischees, die zumindest jeder Europäer ihnen verbindet. Dies trifft auch auf St. Petersburg zu. Solche Vorprägungen integriert Ferdinand Schmatz in seine Gedichte, so dass sich in seinen Texten auch die klassischen Sehenswürdigkeiten finden, die in jedem Reiseführer vorgestellt werden: die Eremitage, der Newskij-Prospekt oder der Eherne Reiter. Dieses Bild wird jedoch gebrochen durch weit weniger pittoreske Eindrücke von Straßen und Märkten. In den Gedichten tauchen zudem immer wieder literarische Vorprägungen auf: so geistert hier der rote Domino aus Andreij Belyis Roman Petersburg durch die Straßen, dort grüßt Nabokov vom Tennisplatz oder Anna Achmatowa aus dem Scheremetew-Palast, in dem sie lange Zeit lebte. Anders als bei den Texten über die fernöstliche Metropole betritt der Autor hier einen Kulturraum, der ihm zumindest partiell vertraut ist. So entsteht aus "vor ruf", "jetzt ton" und "nachklang" ein assoziatives Gewebe aus den unterschiedlichsten Texten, Bildern und Klängen.

Sind die St. Petersburger Gedichte bereits teilweise von Anspielungen auf andere literarischen Werke durchzogen, so ist dies vollends im dritten Teil dieses abwechslungsreichen Gedichtbands der Fall. Der gesamte Band lässt sich auch als die Geschichte einer Entwicklung von zunächst noch außerliterarisch inspirierten Texten hin zu einer reinen Textinnenwelt lesen. Fremde Texte werden um- und weitergeschrieben, konzentriert auf wenige Wörter und Motive aus der Vorlage, jedoch mit eigenen Assoziationen angereichert:

ja, drauf bauen will ich, greifen packen
an zuweisen mehr als was ein finger zeigt,
- geschrieben stehen, lieben hass im sehen,
aber nur in reden leben lassen ruf im schall
vergehen als der bilder drehen raus
zu drängen so die sage, haltend doch den kern -

So vermitteln diese Gedichte von Ferdinand Schmatz ein eigenes, gegenwärtiges Bild von den Texten, auf denen sie aufbauen, indem sie deren Essenz in neuen poetischen Formen darstellen.

Carsten Schwedes


Ferdinand Schmatz: tokyo, echo oder wir bauen den schacht zu babel, weiter.
Haymon Verlag, Innsbruck – Wien 2004;
Gebunden.144 Seiten. 17,90 ¤
ISBN 3-85218-451-7

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