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Allen Ginsberg: Gedichte

07.07.2004


Lebenslänglich: Ein Gedicht bestimmt das Dasein

„Das Erstaunliche ist, dass Literatur eine solche Macht hat.“ (Allen Ginsberg)


 

Plötzlich und ohne erkennbaren Zusammenhang beginnt das Gedicht „Geheul“ von Allen Ginsberg mit einer Katastrophenmeldung: „Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn, hungrig hysterisch nackt, wie sie im Morgengrauen sich durch die Negerstraßen schleppten auf der Suche nach einer wütenden Spritze, ...“ Der Autor des Langgedichtes erlangte, um im Bild zu bleiben, mit seinem Erstschlag eine Berühmtheit, die bis heute, sieben Jahre nach seinem Tod, besteht.

Noch zu Lebzeiten des Autors erschien 1986 zum dreißigjährigen Publikumsjubiläum des Gedichtes bei Harper & Row ein umfangreiches Buch zu "Howl". Allen Ginsberg arbeitete daran kommentierend, ergänzend und berichtigend mit. 1998 kam das Buch in deutscher Übersetzung in der Edition Michael Kellner heraus. Nun legt Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins eine preiswerte Ausgabe vor, die Barry Miles herausgegeben und Carl Weissner noch einmal durchgesehen hat: „Faksimile und Abschrift der ersten Fassung sowie verschiedener Überarbeitungen, vollständig kommentiert vom Autor, mit Briefen aus der Entstehungszeit, einem Bericht der ersten Lesung, Textmodellen sowie einer Bibliographie.“

Die Publikation dieses Gedichtes zeigte ungeahnte Folgen. Wenn ein Dichter ins Visier des FBI gerät, hat das natürlich wenig mit Literatur, aber sehr viel mit dem gesellschaftlichen und politischen Zustand eines Staates zu tun. Obwohl es immer heißt, Literatur bewirkt und bewegt nichts, haben viele politische Systeme Angst vor ihr. In den fünfziger Jahren war das in den USA auf Ginsberg bezogen ähnlich. Das gilt insbesondere für „Geheul“, aber ebenso für ein weiteres Langgedicht mit dem Titel „Kaddisch“. In einem Brief an Louis Ginsberg vom März 1956 äußerst der Autor sich zu diesem Thema: „Das Erstaunliche ist, dass Literatur eine solche Macht hat.“ Der auch reich bebilderte Band gewährt freundlicherweise nicht nur einen Blick in die Entstehungsgeschichte eines der berühmtesten Gedichte der Weltliteratur und seiner diversen Fassungen, sondern offenbart auch Klima und Zustände der gesellschaftlichen und intellektuellen Kreise in den USA der fünfziger Jahre.

Etwas bescheidener aber nicht weniger bedeutend präsentiert der Rowohlt Taschenbuch Verlag eine Auswahl von Ginsberg-Gedichten, die neben seinen bekannten Werken auch das letzte Poem, „Tod & Ruhm“, sowie weniger oder gar nicht bekannte Gedichte enthält. Uwe Wittstock stellt in seinem Nachwort die herausragende Bedeutung Ginsberg dar, der derart viele Aspekte in seiner Person vereinte, die in fast allen seiner Gedichte spürbar sind.

In „Tod & Ruhm“ spricht Ginsberg ironisch und in die Zukunft sehend im Zustand des Totseins von sich als Lebenden in den Gedanken der Hinterbliebenen – ein verzwickt-philosophisches Traktat, mit dem er vorausahnend das niederschrieb, was ihn als Toter wohl erwarten würde. Wer sich an seinem großen Begräbnis am Grab versammeln solle und was sie von ihm sagen würden – hier steht es geschrieben. Im „Vater Tod Blues“ heißt es dagegen bescheiden und realistisch: „He Vater Tod, ich flieg heim/He armer Mann, du bleibst ganz allein/He alter Daddy, ich weiß schon wohin.“

Allen Ginsberg hat mit seinen Gedichten keine Katastrophe ausgelöst. Er hat vielmehr das Bewusstsein für Lyrik nicht nur den Anhängern der Beat Generation weiter geöffnet sondern auch in nachfolgenden Jahrgängen den Ton des Gedichtes zum Klingen gebracht.

Klaus Hübner


Textprobe:

Alter Dichter, der endgültige Gegenstand des Gedichts schimmert Monate voraus
Zärtliche Morgen, Dächer von Paterson schneebedeckt
Weiter
...
Zu müde den Körper zu retten
Zu müde heroisch zu sein
Das Wirkliche greifbar nah wie Magen
...
ich wollte immer wissen, was hinter den Bäumen lag.



Allen Ginsberg: Howl / Geheul. Aus dem Amerikanischen von Carl Weissner, Kay Dohnke, Michael Kellner und Michael Mundhenk. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins. Großformat. 2004. 216 Seiten. ISBN 3-8077-0090-0. 15,90 Euro.

Allen Ginsberg: Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Heiner Bastian, Michael Kellner, Bernd Samland, Jürgen Schmidt, Peter Waterhouse, Carl Weissner. Rowohlt Taschenbuch Verlag. 2004. 144 Seiten. ISBN 3-499-23675-3. 8,90 Euro.

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