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Thomas Gsella: Generation Reim

01.04.2004

 
Von der Palme gewedelt

Der Haupterwerbs-Gereimrat Thomas Gsella hat mit seinem dritten Gedichtband neuen Bölkstoff für das Metrum vorgelegt und ihn Claudia Schiffer gewidmet. Die zentralen Motive des Bands sind, neben dem Suff, die Genitalien des Dichters – und das, was man damit allein oder mit mehreren tun kann.

 

Verspäteter Nachwuchs

Das ist, unter Anderem, ein Kind mit Namen Rosa zu zeugen, von dessen munterer Verdauung wir in Reimen lesen dürfen. Auch den Suff, bevorzugt durch Bier herbeigeführt, setzt der Dichter lyrisch um („wo gibsier wassu poppen?“). Das klingt jung. So jung und von pubertärem Pathos beseelt, wie man das von einem Ringelnatz-Nachwuchs-Preisträger erwartet. Der Most gebärdet sich nun mal absurd, bevor ein Dosenbier draus wird; das ist das Vorrecht der Jugend, so wie der maßlose Umgang mit den Verben auf -icken und -umsen. Ihr übermäßiger Gebrauch macht resistent und ist einigermaßen witzlos.

Aber was muss man im Klappentext lesen! Ist das Geburtsjahr des Dichters ein Zahlenverdreher? Hätte es nicht 1985 statt 1958 heißen müssen? Der ganze Band: keine jugendliche Provokationslust? Sondern von einem fast Fünfzigjährigen „von der Palme gewedelt“? Ein verspäteter Ungehorsam, die Umkehrung des Gebrauchsverbots in ein Verbrauchsgebot so genannter schmutziger Wörter?

Formale Stärken

Gsella hat auch Stärken. Die liegen in der Form: Seine Vier- und Fünfzeiler funktionieren gut, mitunter gelingen ihm wirklich witzige Exemplare (Gomera Mon Amour). Das Metrum beherrscht er bestens; das fällt nicht nur in den Sonetten auf, die formal tadellos ihre fünfhebigen Jamben vorzeigen.

Aber diese metrischen Übungen bleiben angestrengt, sperrig. Nicht weil sie so wirken wollen, nicht weil ein eruptiver Gedanke die restriktive Form krachen lässt, sondern deshalb, weil der Dichter sich ein Schema vornimmt und so lange lustige Reime hineinpackt, bis es voll ist.

Parodistisches Verschleiern

Aber Gsella will doch parodieren, oder? Das ist manchmal richtig, zum Beispiel bei der Benn-Parodie Späte Einsicht oder dem Zyklus Mein Schreibtisch, der den alten Goethe gar nicht so schlecht trifft. Doch selten hält Gsella eine Stimmlage durch, fast jeder Versuch wird nur irgendwie zu Ende gewurschtelt.

Die Parodie ist Tarnung. Gsella wäre gern ein ernster Dichter. Da er das nicht kann, hängt er seinen Gedichten zum Schutz ein Parodiemäntelchen um. Wenn ihm einer vorwirft, das könne doch kaum sein Ernst sein, hat er immer die Antwort zur Hand, es sei natürlich nicht sein Ernst, sondern eben Parodie. Den echten Gsella kriegen wir dort zu fassen, wo er einen existenziellen Ton anschlägt. Der Klamauk gibt sich dann als sardonisches Gelächter, als ein Memento Mori mit inklusivem Na-und-Gestus.

Viel zu lang

Gsellas Versuche, zeitgemäß zu wirken, langweilen den Leser mit Aneinanderreihungen modischer Sprachversatzstücke („Generation Reim“; „fucknet.com“) und tragen erheblich zu den Längen bei. Besonders lästig wird das in der Moritat Der arme Mann. Nun sind Moritaten, auch die gut gemachten, zum Speien, was meistens an den Mores liegt. Diese aber zieht sich. Die über 130 Strophen klappern im Zehn-kleine-Jägermeister-Metrum. Gsella will absurd, will drastisch wirken wie Lautréamont oder doch wenigstens wie Wilhelm Busch, aber da ist nicht mehr als eine überdrehte Büttenrede.

Eines ist Gsella nicht vorzuwerfen, dass er nicht hart mit sich selbst ins Gericht ginge. Zum Schluss ein Beispiel seiner Hellsicht: „Es ist nicht wahr, wie jeder sagt. / Wer jung ist, heißt nicht Greis. / Zwar klingt die Wahrheit stets gewagt, / doch nur das Alter ist betagt / und dichtet solchen Scheiß!“

Bernd Draser


Thomas Gsella: Generation Reim. Zweitausendeins Verlag 2004.
208 Seiten, 12,90 ¤ ISBN 3-86150-521-5

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