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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. Juli 2017 | 18:58

     

    Albert Ostermaier: Heartcore

    30.03.2004

     




    Höchstemotionales in einer präzisen, sentimentfreien Form




     

    Die drei Minuten Roadmovie, die das Video zu Radioheads Karma Police mithilfe eines Dodge, eines verlorenen Highways und zwei schlecht gekleideten Typen im Benzinbrand aufgehen läßt, als Buch zum Film herauszubringen, ist eine Sache; die CD zum Buch zum Film auch eine. "Arrest this man, he buzzes like a fridge, he's like a detuned radio", jammert Thom Yorke in die Nacht über Utah, und man meint, er kennte seinen Nachdichter ins Deutsche.

    Denn der, Albert Ostermaier, Jungpoet, hat sich für seinen neuen Band Heartcore nicht nur den Gedichttitel polaroid paranoid beim anämischen Engländer geborgt. Gesampelt, wie man im dritten Jahrtausend poetisch korrekt sagt, scheinen auch Wüste, Depression und B-52-Bomber - und was sonst noch schwächelnden Britpoppern aufs Gemüt schlagen mag.

    Tatsächlich erinnern Ostermaiers Gedichte mitunter an die Modulationen eines permanent fiependen Altautoradios, das es aber mit seinen fast fünfzig Jahren zumindest noch fertig bringt, die Fehlzündungen einer Generation Golf zu übertönen. Um sich deren Tristesse nicht antun zu müssen, hört man sich auch Tristes gerne nochmal an. Auf ein Neues also: Die Sonne brennt, die mexikanische Grenze ist wieder Hunderte von Meilen entfernt und der Fahrer bereits am Beatnicken. Vielleicht sind es, wie für Ginsberg, noch für Ostermaier die besten Köpfe seiner Generation, die dieses Blut-und-Boliden-Szenario unermüdlich variieren, obwohl der öffentlich-rechtliche Spätfilm der 70er Jahre dies weiß Gott erschöpfend getan hat. Seiner Sympathie können sie sich jedenfalls sicher sein, diese, wie er sie überschreibt, Maniacs-in-motion: die Trucker, Tramper und Trinker ebenso wie die "Interimsliebenden" (Blixa Bargeld) einer totalmobilisierten Gesellschaft. Ihnen allen läßt er denn auch ein bißchen zuviel Sonne zukommen, so daß ihr "diesel unter den achseln" bald zur Belästigung wird.

    Doch selbst wer schnell oder immer schon genug hat von Motels, Tankstellen und Shops, "deren besitzer vor / langeweile / permanent im kreis gehen", von "die ganze nacht durchfahren", an "bunten blechfelsen / aus zusammengepressten / chevrolets" vorbei ins "meer der rücklichter" - selbst derjenige wird sich den Tönen des Radios nicht entziehen können. Denn Ostermaiers Sprache saugt, im Sinne des Wortes. Einmal beschleunigt auf das Tempo der Enjambements, hält man erst am Ende der Strecke, d.h. nach immerhin fast 70 Gedichten, wieder an.

    Wo sich dieser unwiderstehliche Duktus mit weniger ausgedörrten Sujets verbindet, entsteht eine Lyrik, die exakter nicht beschrieben werden könnte als mit des Autors eigener Überschrift Herztöne. Nahezu allen Gedichten dieser Rubrik gelingt es, dem ambivalenten Programm, das sich in ihrem Titel ankündigt, zu entsprechen. Ostermaier vermag es, Höchstemotionales in einer präzisen, sentimentfreien Form zu transportieren, ohne dabei dem Puls des Lesers seine Ruhe zu lassen. Was man hört in diesen Gedichten, ist schließlich der eigene Herzschlag. Vor solchem Hintergrund sind die sporadischen Versuche, das Tempo auf eine vivataugliche bpm-Zahl zu erhöhen, besonders zu bedauern. Unter dem Druck der fetten Verkaufszahlen deutscher Rapper und Slammer, so scheint es, geht auch Ostermaier hin und wieder in die Knie - und vergißt darüber dummerweise das Schreiben nicht. So wird der arglos begeisterte Leser in der Folge von Höhepunkten wie etwa "blonde nächte in kiew" mit Sequenzen konfrontiert, die selbst den theoriegläubigsten Rezipienten von jeglicher postmodernen Ironieverpflichtung entbinden: "aber sie höhnen alter come o­n", heißt es in fausts trip to the hip, "unbeherrschte megalaute kids / für die bin ich nur ein metawitz / sie schenken mir viagrapillen / als könnt das meine lust stillen / als sei er mir nicht mehr zu willen / mein hochstrebender edler trieb". Kennte man nicht die Regelmäßigkeit der Herztöne, man wollte eine weitere Metrikfibel verschicken.

    Die Marktorientierung hat allerdings auch ihre gute Seite. Denn in dem beiliegenden, knapp einstündigen Soundtrack wird eine repräsentative Auswahl der Gedichte in einen konsumgerechten Standard übersetzt, der gleichzeitig weit über die Zielgruppe hinausschießt, für die er eigentlich konzipiert scheint. Nichts vom Gehippe und Gehoppe kreativer Textarbeit, kein frankfurtberlinhamburger DJ, der die Lyrik mit dem unterlegt, was eben angesagt ist. Wie es sich für einen Theaterautor wie Ostermaier gehört, sind die Texte vielmehr variationsreich inszeniert, mätzchenfrei vorgetragen und von Grooves begleitet, die dem Wort zwar immer den Vortritt lassen, ihm aber trotzdem zu einem musikalisch wie mnemotechnisch prägenden Gesamteindruck verhelfen. Die Produktion ist somit alles andere als nur CD zum Buch (zum Film). Thom Yorke jedenfalls würde noch blasser werden: Allein das Booklet zu Heartcore ist gewichtiger als alles, was Radiohead je veröffentlicht haben.

    Von Mathias Tretter


    Albert Ostermaier: heartcore. Gebundene Ausgabe mit CD - 125 Seiten - Suhrkamp, Ffm. Erscheinungsdatum: 1999 ISBN: 3518410598

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