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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 21. August 2017 | 06:43

    Gerd Sonntag: Giovanni Santi malt eine Fliege

    04.06.2012

    Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

    Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

    Von STEFAN HEUER

     

    Wer im deutschsprachigen Raum ein ernsthaftes Interesse für Gedichte hegt, eines, das über die üblichen Klassiker und/oder hoffnungsspendende Verschenktexte für Krankenhaus-Insassen hinausgeht, dem dürfte in den letzten Jahren über kurz oder lang ein Band der Lyrikreihe der Silver Horse Edition in die Hände gefallen sein. In schlichtem Gewand finden sich dort unter anderem Bände von Michael Arenz, Theo Breuer, Matthias Kehle, Andreas Noga, Axel Kutsch und Frank Milautzcki – jeweils 40 Seiten, manche von ihnen in limitierter Auflage, einige sogar als Sonderausgabe mit farbiger Collage auf Leinwand.

     

    Eine Reihe, die Herausgeber Peter Ettl aufgrund seiner Kontakte problemlos über Jahre qualitativ hochwertig hätte fortführen können – wenn er sich nicht dazu entschlossen hätte, sie mit Veröffentlichung des 27. Bandes einzustellen. Gerd Sonntag, 1962 geboren und mit bislang fünf Gedichtbänden und einem Roman auf dem Buchmarkt präsent, wurde im Dezember 2011 die Ehre zuteil, der Lyrikreihe mit Giovanni Santi malt eine Fliege das Geleit zu geben.

     

    Ich mag Gerd Sonntags Gedichte, und das nicht erst seit Giovanni Santi malt eine Fliege. Schon in seinem 2003 beim Wiesenburg-Verlag erschienenen Band Aus der Sammlung der Gespenster, welcher mir damals von einem befreundeten Lyriker zugeschickt und ans Herz gelegt wurde, fanden sich genau die Merkmale, die zu einem Großteil auch seinen neuen Gedichtband ausmachen.

     

    In erster Linie punktet Sonntag mit seinem Gefühl für Stimmungen, seinem Blick für Kleinigkeiten, der unbedingten Angewohnheit, eine Mauer nicht nur als Mauer, sondern vor allem als Ansammlung unterschiedlicher Steine wahrzunehmen und diese als Individuen zu würdigen. Nebensächlichkeiten mögen, der Begriff deutet es an, für gewöhnlich ja nebensächlich sein, selten aber sind sie unbedeutend, und so sind es oft eben jene Randnotizen, die Sonntags Gedichten ihren Mittelpunkt verleihen.

     

    NORDSEE

     

    Sommer, auf dem Wasser unsichtbar,

    Grau ist die älteste Farbe der Welt.

    Die See lässt Möwen steigen.

     

    Alle zehn Sekunden bleckt ein Brecher

    seine Versteinerung und sprengt sich

    weithin über den knisternden Sand.

     

    Strandkörbe, leer wie Wartehäuschen.

     

    Wir wollten die Ersten sein und sind das Paar

    aus einer zerrissenen Partygirlande,

    die Kleider schlottern uns am Leib.

     

    Lange nachdem wir weg sind,

    schiebt aus dem Dunkel eine Welle

    ihre Robbe wie im Kinderwagen an Land.

     

    Exemplarisch hier Sonntags Vorgehensweise, abrupte Stimmungswechsel über seine Lyriken hereinbrechen zu lassen. Wie das oben zitierte, leben auch viele weitere seiner Gedichte vom Überraschungsmoment und der Spannung, die sich beim Wechselspiel von sachlich-nüchternen Passagen (Strandkörbe, leer wie Wartehäuschen) und metaphorisch-aufgeladenen, teilweise ins Surreale hineinspielenden Sequenzen ergibt – ein Kopfschreiber, der sich nur zu gerne von den aus seinem Bauch strömenden Worten mitnehmen und überzeugen lässt.

     

    Es gibt Wörter, die will ich in Gedichten einfach nicht mehr lesen. Das mag blöd und voreingenommen von mir sein, vielleicht gar ignorant und falsch, und natürlich kann es im Umkehrschluss auch gerade eine als Herausforderung funktionierende Versuchung sein, derartige Tabuwörter zu verwenden. Wie dem auch sei: Sonntag widersteht der Versuchung der totgerittenen Wörter und wirft stattdessen mit solchen um sich, die ich in Gedichten bislang noch nie gelesen habe: Hundertmeterbrett, Kapitän-Ahab-Socke, Hockeykellenfutteral, Hühnerglucksen, um nur einige zu nennen. Dass diese Wörter nicht gekünstelt und auf Wirkung geschmiedet wirken, liegt vor allem daran, dass Sonntag sie tatsächlich konkludent verwendet, anstatt sie als Exoten ins Licht zu stellen.

     

    Thematisch ist Sonntag breit aufgestellt (wobei ihm ein vielseitiges Interesse, bestimmt aber auch der Brotberuf als Leiter einer Stadtbibliothek in die Karten spielt): die alten UFA-Stars tauchen bei ihm ebenso auf wie die Aquaristik, Tanz-Jargon ebenso wie englische Geschichte, Künstler (in Aus der Sammlung der Gespenster war es Rembrandt und dessen Selbstbildnis mit zwei Kreisen; hier ist es der titelgebende italienische Madonnen-Maler Giovanni Santi) ebenso wie Meeres- und Gartenszenarien.

     

    Ein souveräner, facettenreicher Gedichtband und ein mehr als würdiger Abschluss der Lyrikreihe der Silver Horse Edition (von der die meisten Bände übrigens noch erhältlich sind). Und Verleger Peter Ettl? Hat er der Lyrik abgeschworen und sitzt jetzt nur noch vor dem Fernseher, um kein Folge CSI Miami zu verpassen? Nein, nein – wie sang schon »dat Pummel« Trude Herr: Niemals geht man so ganz! Und so ist die Lyrik bei den silbernen Pferden auch weiterhin präsent, als sogenannte »Lyrikpräsentationen«, in denen jeweils ein Autor die Gedichte eines anderen aussucht und vorstellt.

     

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