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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 24. Juni 2017 | 14:17

    Der deutsche Lyrikkalender 2012

    23.12.2011

    Nachhaltig wortgewaltig

    Ich bin es gewohnt, in regelmäßigen Abständen verständnislos angeschaut zu werden – in der Tat dürfte ich wahrscheinlich deutschlandweit einer der wenigen Kulturveranstalter sein, der sich bis heute erfolgreich der Anschaffung eines Mobiltelefons verweigert hat. Wie das denn ginge, werde ich gefragt. Nun, es geht sehr gut. Steigern lässt sich die Verwunderung in den Gesichtern meiner Gesprächspartner nur noch, wenn ich in Sitzungen und Dienstbesprechungen meinen Tischkalender hervorhole, in den ich dann – ja, unglaublich aber wahr - Termine mit dem Stift eintrage. Kalender aus Papier seien in der heutigen Zeit doch nicht mehr notwendig, man könne sein Leben doch auch durch einen elektronischen Helfer in Taschenformat organisieren lassen, werde ich aufgeklärt. Sicher, das kann man, aber wie groß ist meine heimliche Freude, wenn es in den Sitzungen piepst und brummt und alle darüber schimpfen, dass das böse Gerät den vereinbarten Termin aus unerklärlichen Gründen irgendwie verschluckt haben müsse, sorry ... Von STEFAN HEUER

     

    Ich mag Kalender aus Papier, die auf dem Tisch liegen oder stehen. Old school. Für mich als Lyrikleser ist es nur logisch, mir jährlich einen Kalender zu besorgen, der den Tag mit einem Gedicht einläutet. Lyrikkalender gibt es ja so einige, aber seit einigen Jahren komme ich nicht umhin, den bei Alhambra Publishing erscheinenden Deutschen Lyrikkalender zu empfehlen, der eine bunte Mischung aus Gedichten junger Lyrikerinnen und Lyriker, etablierten Kanon-Dichtern als auch Klassikern präsentiert.

     

    Die 1901 geborene Rose Ausländer eröffnet Jahr und Reigen mit ihrem poetischen Bekenntnis, gefolgt von jedes gedicht des in Berlin lebenden und erst kürzlich mit der Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung ausgezeichneten Lyrikers Andreas Altmann und dem wunderbaren Was und wer alles ihm am 13. Dezember 2000 durch den Kopf ging des 2006 verstorbenen Robert Gernhardt. Auf Wilhelm Buschs Die Schnecke folgt der in den 1970ern geborene Adrian Kasnitz, nach Horst Bienek kommt Christoph Leisten, nach...  eine hochkarätige Besetzung ist der rote Faden dieser Gedichtsammlung, der sich quer durch die Generationen und Stilrichtungen zieht. Jeder Tag eine lyrische Überraschung – derart angeregt vergeht der Weg zur Arbeit wie im Fluge. Und lieber Robert Gernhardt als Ohrwurm im Kopf als diesen aufdringlichen Ms. Saxobeat ...

     

    Übrigens: Für die fremd- bzw. mehrsprachig Reisenden gibt es den Lyrikkalender auch in Englisch und Französisch.

     

    Während für das kommende Jahr bereits die siebte Ausgabe des Deutschen Lyrikkalenders vorliegt, bietet Alhambra Publishing für 2012 erstmals auch einen Lyrikkalender für  junge Leser an. 366 klassische und zeitgenössische Gedichte von 200 Dichterinnen und Dichtern – lustige, abenteuerliche, wortspielerische, einfach schöne, aber durchaus auch nachdenklich stimmende Gedichte sind vertreten, welche die morgendliche Cornflakes-Mahlzeit noch nahrhafter machen. Frühstück fürs Hirn, statt wie jeden Morgen auf die Cerealien-Kiste zu starren. Im Kalender für junge Leser entdecke ich viele Autoren, von denen ich bislang ausschließlich »Erwachsenengedichte« kannte – interessant und beeindruckend, dass einige nicht nur Country, sondern auch Western können.

     

    Beide Tischkalender, der für die Erwachsenen und auch der für die Kinder, bleiben dank Ringbindung formschön und auch nach Ablauf des Kalenderjahres als Anthologie erhalten. Eine schöne Nachhaltigkeit in Zeiten der Wegwerfgesellschaft.

     

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