TITEL kulturmagazin
Donnerstag, 23. Februar 2017 | 06:00

 

T.C. Boyle: Ein Freund der Erde

20.02.2004



Öko-Apokalypse

Letztlich liegt dem ganzen Buch so ein einziger Satz von Ibsen zugrunde: „Um ein Freund der Erde zu sein, muss man zum Feind des Menschen werden.“


 

2025: 11,5 Milliarden Menschen leben auf der Erde, das Gros der verschiedenen Tierarten ist ausgestorben und die Biosphäre zusammengekracht. Die Zeit der Menschen auf der Erde scheint sich langsam dem Ende zuzuneigen. Der ehemalige Umweltaktivist Ty Tierwater arbeitet als Tierwärter für den reichen Popstar Pulchris - Hut, Spiegelsonnenbrille, Mundschutz, tierlieb, großes Privatanwesen...- der es sich zum Ziel gesetzt hat, seltene Tiere vor dem Aussterben zu bewahren. Als wäre es da noch nicht genug, sich mit sintflutartigen Regenfällen, Lebensmittelknappheit, wilden Tieren und allmählich auftretenden Altersproblemen auseinander setzen zu müssen, taucht nach mehr als 30 Jahren auch noch Tys Ex-Frau Andrea urplötzlich wieder auf. Verführt durch ihr sexy Auftreten, schloss sich Ty Ende der 80er ihrer Umweltorganisation „Earth Forever!“ an und glaubte noch daran, den Planeten retten zu können.

Durch Andrea erwacht in ihm wieder seine Vergangenheit, die nicht unbedingt als eine glückliche zu bezeichnen ist: Schon Tys erste illegale Protestaktion im Jahr 1989 endet für den jähzornigen und oft unüberlegt handelnden Tiervater in einem Fiasko. Damit sind auch schon gleich die Weichen für sein bevorstehendes Leben als Umweltguerilla gestellt, welches ihn immer wieder ins Gefängnis bringt und ihn mehr und mehr von seiner Familie isoliert.

Zusammen mit dem stetigen Wechsel der zeitlichen Perspektive aus der Gegenwart in die Vergangenheit lässt Boyle einen personellen Erzähler anstelle des sonstigen Ich-Erzählers treten. Dies erweist sich als cleverer Schachzug, da es ihm ermöglicht, das Handeln der Figuren und ihre oft an den Tag tretende Selbstgefälligkeit mit einem ironischen Augenzwinkern zu kommentieren oder zu bewerten - so tituliert er beispielsweise Tierwater schon mal schlichtweg als Trottel oder Narr.

Boyle baut mit dem Wechsel der zeitlichen Perspektive zwei gleichwertige Spannungsbögen auf und glänzt mit seinen schon zum Markenzeichen gewordenen Metaphern und Vergleichen.

T.C. Boyle ist sich nach langjährigen Recherchen und Interviews sicher, dass die Erde nicht mehr zu retten ist. Diese Prämisse zieht sich auch durch das ganze Buch und so wird immer wieder gezeigt, dass der Planet Erde weiter stirbt, solange Menschen auf ihm leben. Überspitzt deutlich wird dies in einer Szene dargestellt, in der Ty - von Selbstvorwürfen geplagt - versucht, sich einen Furz wegen der umweltschädlichen Gase zu verkneifen.

Letztlich liegt dem ganzen Buch so ein einziger Satz von Ibsen zugrunde: „Um ein Freund der Erde zu sein, muss man zum Feind des Menschen werden.“


Tobias Kaiser



T.C. Boyle: Ein Freund der Erde. Carl Hanser-Verlag, 355 S., 39,80 DM. ISBN: 3-446-19975-6

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