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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. April 2017 | 23:41

    Uwe Tellkamp: Die Schwebebahn

    18.07.2011

    Durchs wilde Vorgestern

    Uwe Tellkamp durchstreift Straßenzüge, durchstöbert verstaubte Dachböden, durchkämmt seine Stadt. Er sucht Erinnerungsorte auf und öffnet vergessene Schatztruhen in seinen Dresdner Erkundungen – einer Zeitreise mit der Schwebebahn.

    HUBERT HOLZMANN hat für die 165 Seiten ein Billett gelöst.

     

    Die Schwebebahn ist nicht einfach ein Band aus der Vielzahl literarischer Stadtführer, ist keine Reiselektüre, die dazu anregen will, Bildmotive »vorauszusehen«, Stadtansichten nachzustellen oder bereits vorgestellte Orte aufzusuchen. Tellkamps bibliophiler Band ist vielmehr erneut eine Suche nach Spuren seiner Vergangenheit, nach Spuren, die Bestand haben, nach Spuren, die im Gedächtnis der Nachgeborenen haften – eine alltagsgeschichtliche und seine persönliche Bestandsaufnahme.

     

    Der Autor des Turms nimmt den Leser mit auf seine Wege durch die Stadt, hinauf auf den Weißen Hirsch, zu Lahmanns Sanatorium, das eine lange Zeit über für die in der DDR stationierten russischen Soldaten als Kaserne diente – der Anblick war noch in den frühen 90ern ein abschreckendes Exempel, wie »der Russe hauste« – dann geht es hinauf zu den Kurhäusern, zu den Elbschlössern, von da ein erster Blick auf die Altstadt, weiter mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof, zur Prager Straße und in die Vororte. Die Aufzählung von Dresdner Kulturräumen ließe sich hier beliebig fortsetzen, Tellkamp kennt die Stadt wie seine Westentasche.

     

    © Jürgen Bauer © Jürgen Bauer

    Morbidität und Statik

    Spannend ist Tellkamps Blick auf die Frauenkirche. Er steht nicht direkt davor und bestaunt, sein Blick auf die wiedererrichtete Kirche ist ein gebrochener. Er erzählt nämlich von den Stationen des Wiederaufbaus, und speigelt diese mehrfach: Bilder von den verschiedenen Bauabschnitten schmücken nämlich das Krankenzimmer der sterbenden Frau Xylander: Es »war über und über mit Fotos tapeziert, auf allen die Frauenkirche, die meisten an der Decke, dort konnte sie Frau Xylander sie am besten sehen«. Die Frau stirbt, als die Frauenkirche fertiggestellt ist. Ihr Leichnam bedeckt mit einem »Tuch, die Frauenkirche war eingestickt, das ganze, lückenlose Gebäude«.

     

    Zur Vorgeschichte von Frau Xylander: Sie kann nach einer schweren Tuberkulose in den Fünfzigern als Kind nur weiterleben, weil sie in einer »Eisernen Lunge« liegt, das ist eine Apparatur zur Stabilisierung der Lungenflügel. Ein solch eisernes Gerüst benötigt ebenfalls die Kuppel der Frauenkirche, damit überhaupt die Statik gewährleistet ist. Frau und Kirche sind also motivisch verbunden; unumstößlich und fest ist auch – nicht nur im Bildgedächtnis – die Silhouette der Weltkulturerbestadt Dresdens, der berühmte »Canaletto-Archipel«.

     

    »Erst die Erinnerung treibt ihren Zauber hervor« (Ernst Jünger)

    Die Vergangenheit lebt hinein in die Gegenwart – manchmal sogar als Altlast. So wird von Tellkamp ein Spannungsfeld konstruiert, sein Blick von der Nossener Brücke erfasst Bildpunkte besonderer Art, hält ein ästhetisches Konzept von Schönheit und Verfall aufrecht, »in der Ferne der Grünsaum des Elbhangs, davor schwimmen wie Treibminen die Kuppeln von Schloß, Frauenkirche, Rathaus im Geglitzer aus Gleisen und Stromleitungen; die Boje einer exakt auf 12 stehengebliebenen Reichsbahnuhr (der Mittag macht alles gleich, nicht die Nacht) verharrt in der zähen und unermeßlichen Belagerung, als die Löbtau gegen die ›liebliche Landschaft‹ quillt...«. Gesuchter Ästhetizismus, Spiel und Form mit »zerschrammten Hochhäusern«, mit »Schuttplätzen«, ambivalent die Heidelerchen mit ihrem »ungewohnt verbrannten, knisternden Gesang«. Stilistisch ist Tellkamp nicht mehr weit weg von Ernst Jünger.

     

    In seinen Marmorklippen, einem 1939 in Überlingen am Bodensee begonnenen Text, zeichnet Jünger eine Urlandschaft aus »Sumpfland, in dessen Dickicht kein Zeichen der Besiedlung mehr zu spüren war. Nur Hütten aus grobem Schilf... und gegen Mitternacht die Sümpfe und dunklen Gründe, aus denen blutige Tyrannis droht.« Und auch Tellkamp versucht den Bogen zum Anfang der Dinge zu schließen. Als Echo auf 1945 und 1989 erinnert er »tropisches Gebiet«; der Hauptbahnhof wird zur »Panzerechse, die von Süden die Stadt belagerte«, es sind die »Faulgase der Sümpfe, auf denen die Stadt erbaut worden war; Dresd’any: Wald- und Sumpfstadt«. Tellkamp teilt das Spannungsfeld der Erinnerung mit Ernst Jünger; bei Tellkamp stehen auch die Ruinen von 45 – natürlich in einem anderen Bedeutungsfeld.

     

    Synästhesie des Marginalen

    Das Motiv der Zeit ist nicht nur für Tellkamp der Eröffnungszug im epischen Spiel. Wie viele andere Dichter zuvor nimmt er die philosophische Haltung des Denkers ein, wenn er wie der »Zauberer« Thomas Mann in die bei Tellkamp im wahrsten Sinne des Wortes »vielschichtige« Vergangenheit bohrt. Es gibt die Zeit vor 45 sowie die nach 89, die Hinterlassenschaften sind in »trojanischen Schichten« verborgen, vergraben in Dachböden, Kellergewölben, verstaut in alten »Schatzinsel«-Truhen. Und selbst für die Zeit von 89 bis heute vermisst der Dresdner Autor eine Distanz mit dem »Abstand zweier Planeten«.

     

    Tellkamp bereist die verschiedenen Zeitabschnitte dennoch nicht als Kosmonaut, er wählt die konventionelle Straßenbahn- Auf der Fahrt mit der »Linie 11« fädelt er die Perlen der Stadt auf wie auf einer Kette. Mit der Tram durchreist er sein Dresdner »Disney-Land« – »die Altstadt taucht aus der Elbe, das von einem Venezianer gemalte Märchen« – und er sucht wie an Ariadnes Faden den Weg zurück in die vielschichtige Dresdner Vergangenheit, sucht den Weg zurück in das Dresden seiner Kindheit. Er hört die »heftig das Feierabendschweigen zertrennende Klingel, ein Licht in Form eines orangefarbenen Zapfens leuchtete über der Tür auf, bevor die Bahn anruckte und sich, aus ihrer vorläufigen Ruheposition an einer Haltestelle, wieder in Fahrt setzte in den breitgewalzten, längst aus ursprünglicher Festigkeit, gewissermaßen dem Hochdeutsch der Trassenbaukunst, in einen schlenkernden Parcours, gewissermaßen das Sächsisch des Spurweitenverlaufs, geratenen Gleisen«. So ganz im Nebenbei also Details, gemischt mit Nostalgie und den dialektischen Besonderheiten der Stadt ohne »West-Programm«.

     

    Die Erotik der Spitztüten

    Da passt sich natürlich auch das DDR-Inventar ganz leicht mit ein: die verschiedenen Zeitschriften, Journale und Mosaik-Heftchen, die Mode- und Frisurgewohnheiten, die lieb gewonnene Palette der Ost-Produkte – selbstverständlich macht Tellkamp keine Schleichwerbung! –, die es ja wenigstens zum Teil auch heute (wieder) als Feinkost oder Besonderheit zu erstehen gibt. – Sieht man einmal von den alten »BH-Spitzkegel-Körbchen« mit ihrer »eindrucksvollen« erotischen Anziehungskraft ab.

     

    Die Fahrt mit der »Linie 11« bringt auch endlich etwas Leben in den Band, mit der Tram setzt sich zugleich Tellkamps Text in Bewegung. Nach Straßenzügen, Baudenkmälern, Bildern werden verschiedene menschliche Typen zum Leben erweckt: Nach dem »Friseursalon Harand« entstehen kleine persönliche Szenen mit der Familie Opitz, mit Herrn Löwe, der »sich Stadtbriefschreiber nannte« und »in der Nähe des Waldparks hauste«, mit dem sonderbaren Paar, der Pianistin Adolzaide und dem Klavierspieler Herrn Schurich, der in Hotels und Bars »was Lustsches aufspielte«, oder mit Tibor von Urvasi, dem Vorsitzenden der Quittengesellschaft. Der Hang ins Triviale wird deutlich. Aber auch das prägt das Erinnerungsbild einer Stadt.

     

    Erst durch diese Erinnerungen Tellkamps verknüpft sich sein im ersten Teil etwas musealer Erkundungstrip mit wirklichen Geschichten, mit Menschen, ihren Gewohnheiten, ihren Eigenheiten, ihrer Lebensführung: »sie heirateten, nach langen Auseinandersetzungen mit der Standesbeamtin, in Schwarz (sie) und Weiß (er), als die Mutter gestorben war; sie hatte bei Brautmoden-Liebig den Stoff für das Hochzeitskleid ihrer Tochter seit zwanzig Jahren reservieren lassen gegen eine monatliche Gebühr.« Wohl üblich, aber dennoch merkwürdig marginal. Anekdotisch! Ganz nah am Tonfall eines »Eierschecken«-Kaffeehausklatsches oder an einer doch etwas rührseligen Karl-May-Romantik.

     

    Lieberknechts Fotografien

    Diese Erinnerungen reiht Tellkamp oft lapidar aneinander, in beinahe enzyklopädischer Fülle und Reichhaltigkeit, er streut Geschichtswissen und Lokalkolorit mit ein und weiß – gelegentlich – auch zu belehren. »Das Bodenständige ist immer achtenswert – und verdankt der Realität zu viel; mit Konsequenz es wenigstens einmal wegzuhalten, kann die interessanteren Wahrheiten erzeugen.« Tellkamp sammelt, katalogisiert, erinnert – zum Beispiel an die Uraufführungen berühmter Opern in der Semperoper – oder an den Fotografen Werner Lieberknecht: »Die über und über mit schwarz bedeckten, bekleckerten, bespritzten, bearbeiteten Wände, ein Toilettenbecken (?) unter Weißschlacke, gespachtelte Sonnen, zerschabtes, hier verhungertes, dort geballtes und gemästetes Schwarz, Strahlen, Abbruch, ein Aufbäumen...«

     

    In Uwe Tellkamps Schwebebahn sind Schwarz-Weiß-Fotografien des Wahl-Dresdners Werner Lieberknecht, geboren 1961, eingestreut. Fotografien aus der Zeit der DDR, aus der Wendezeit und von heute. Sie beeindrucken durch ihre Sicherheit für den Blickwinkel. Es sind Momentaufnahmen und »Erinnerungsfragmente« an ein zum Teil vergangenes Dresden. Seine Motive sucht Tellkamp in den Erkundungen auf. Zahlreiche Aufnahmen Lieberknechts sind in der Berliner Nationalgalerie, im Dresdner Kupferstichkabinett und im Museum Folkwang in Essen ausgestellt.

     

    Am Ende des Buches schließt sich der Kreis wieder. Uwe Tellkamp knüpft erneut an Stevensons »Schatzinsel«-Buch an und rundet mit dem Abenteurer, der die Schichten der Vergangenheit erforscht, ab. Das Ende auch durchaus selbstironisch: »Und überhaupt: Wer ist es denn, der Dresden wirklich kennt? Hast du etwa, du Ureinwohner, der du selbst im Schlaf nur ›Frauenkirche‹ murmelst, die Pigmente in Canalettos Bild gekostet?« Selbstironie auch dann, wenn er über das Birnen- und Quittenreich der Dresdner Originale philosophiert. Dennoch verheddert sich die Tellkampsche Gedankenflut stellenweise sirupartig in ihrem »quasi transzendentalem Zustand« und lähmt mit einer typisch sächsischen humoresken Erzählweise.

     

    Das liegt nicht zuletzt auch an Tellkamps aphoristischen Einschüben – im Buch in Klammern gesetzt: »Schönheit – wie auch das Recht, über ihren Verlust zu klagen – will verdient sein; wo sich die Musen ausruhen, weil sie zu Hause sein dürfen, muß unnachsichtige Strenge walten. Eine Art Kompensation, begründet in Scheu und dem Gefühl, trotz allem noch einmal davongekommen zu sein: Dresdner sind nüchtern, doch abergläubisch.«, »Hauptstädte vergessen rasch, Peripherien nicht«. Werden hier von Tellkamp Klischees bedient? Braucht er wirklich den didaktischen Tonfall? Jedenfalls nimmt man ihm den »Italiendeutschen« nicht wirklich ab: »Wir Italiendeutsch! Niklas Tietze zog seinen Mantel aus, warf ihn über die Schulter. Immer wenn er in der schönen Jahreszeit spazierengehe, gebe es den Moment, in dem alles leicht werde und er selbst frei«. Uwe Tellkamp fehlt es stellenweise sehr an dieser Leichtigkeit.

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