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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 22:48

     

    Alexander Osang: Lunkebergs Fest.

    22.03.2004

    Anstrich des Literarischen

    Alexander Osang ist in erster Linie für seine mittlerweile auch in mehreren Sammelbänden vorliegenden Reportagen bekannt. Nach seinem Romandebüt
    die nachrichten (2000) hat der 1962 in Berlin geborene Journalist nun unter dem Titel Lunkebergs Fest ein Buch mit Erzählungen veröffentlicht.

     

    Die elf Geschichten zeigen Menschen in besonderen Situationen: Jürgen Eckert, Protagonist der Erzählung „Das Totenschiff“, findet auf der Toilette eines Reisebusses eine Waffe und wird zufällig zum Busentführer. Frank Lunkeberg, „Referent im Innensenat […] und SPD-Mitglied“, versteckt an Heiligabend ein Paar „alte Kamelhaarpantoffeln, die innen schon zerkrümelten“, im Obstfach seines Kühlschranks. Und Lothar Bednarz wird im Keller eines Berliner Mietshauses von einem Fernsehteam überrascht, als er dort einen Christbaumständer holen will.

    Antihelden zwischen Schein und Sein

    Die Figuren von Osangs Erzählungen sind eher Antihelden denn Helden. Es sind mehr oder weniger normale Menschen, die, mit sich selbst konfrontiert, feststellen müssen, dass ihr Leben schief gelaufen ist oder auf Illusionen oder Irrtümern gegründet war. Immer wieder geht es um Anspruch und Wirklichkeit, um Schein und Sein. Der wenig selbstsichere Lunkeberg etwa versteckt seine Hausschuhe, weil er sich dafür vor seinen Gästen schämt, ebenso wie für eine alte Peter-Maffay-Platte und einige Stephen-King-Bücher (letztere hat er in der Besenkammer deponiert).
    Bereits an den wenigen Beispielen wird deutlich, wie intensiv Osang mit dem Element des Zufalls bis hin zum Absurden arbeitet. Überdies spielen alle Texte an Weihnachten oder Ostern. Sicher, an Festen wie diesen treten – meist problematische – Familienstrukturen besonders deutlich zu Tage, verschaffen sich Erinnerungen an verpasste Chancen Raum, doch erweisen sich diese ohnehin nicht neuen Erkenntnisse kaum als tragfähig für Osangs konstruiert wirkende Erzählungen. So erscheint in „Das Leben ist kein Picknick“ an Heiligabend ein Ehepaar mit zwei Kindern in einem schlecht besuchten Motel in der texanischen Wüste; die aus Würzburg stammende Protagonistin Lisa Kennedy (!) „hatte das Gefühl, ihnen zu helfen, ihnen Herberge zu geben“ und quartiert die Gäste ausgerechnet in Zimmer 24 ein.

    Geschichten zwischen Tragik und Komik

    Die Titel der Erzählungen sind entweder einfallslos neutral gehalten – „Das Los“, „Der Zeuge“, „Die Puppe“ – oder kommen allzu bedeutungsschwanger daher: „Samstagsspiel mit Salinger“, „Das Leben ist kein Picknick“, „Wie betont man Goserow, Annegret?“. Störend wirken auch die ständig vorgenommenen Vergleiche: „Seine Haare schienen noch grauer geworden zu sein, seit er hier hockte, wahrscheinlich würde er in Berlin aussehen wie Richard von Weizsäcker.“ – „‚In fünf Minuten ist Soundcheck’, sagte Lindemann, nahm sich seinen Bart und klemmte ihn sich in die Arschtasche seiner Jeans, als wäre er das Basecap von Bruce Springsteen.“ – „Das Haus gegenüber war hellblau wie eine Kinderwolke.“
    Sympathisch ist dagegen die Tatsache, dass Osang seine Figuren nie im negativen Sinne vorführt, sondern die Tragik ihrer Existenz überzeugend vor Augen führt. Über den bereits erwähnten Lothar Bednarz heißt es: „Im November war er 42 Jahre alt geworden. Wenn er es recht überlegte, war nicht nur sein letztes Jahr ereignislos verlaufen, sondern auch die zehn Jahre zuvor. Er war verheiratet und kinderlos. Zu Weihnachten stellte er einen Baum auf. Dann kam er hier herunter. Man könnte sein Leben aus der Kellerperspektive beobachten und würde eigentlich nichts verpassen.“
    Die in der Mehrzahl der Texte präsente Komik geht nie zu Lasten der Protagonisten, die meist genau und mit zweifellos großem Einfühlungsvermögen gestaltet sind. Hier treffen sich Osangs Erzählungen und seine journalistischen Texte: Im Grunde genommen handelt es sich bei Lunkebergs Fest nämlich um Reportagen, denen durch fiktionale Elemente ein Anstrich des Literarischen gegeben wurde. Das allerdings reicht für wirklich lesenswerte Erzählungen nicht aus.


    Textauszug „Das Totenschiff“ (Beginn):

    Eckert schwankte durch den Gang, als sei er betrunken. Sein Magen pumpte, ab und zu stieß er gegen eine Lehne. Die Leute sahen ihn aus ihren Sitzen so interessiert an wie Rentner, die jemanden beim Einparken beobachten. Vielleicht passierte ja mal was, vielleicht kotzte er auf den Flur. Er lächelte ihnen zu. Peter musterte ihn sicher im Rückspiegel, womöglich schaltete er gleich das Mikrophon frei und verwarnte ihn. Es gab kein Zurück mehr. Eckert spürte den kalten Schweiß auf seiner Stirn. Er erreichte die Toilette, schlüpfte hinein und schloss die Welt aus.“

    Frank-Thomas Grub


    Alexander Osang: Lunkebergs Fest. Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003. 176 Seiten, 15 ¤.

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