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Ljudmila Petruschewskaja: Es war einmal eine Frau, die ihren Mann nicht sonderlich liebte

28.03.2011

Kurz und knapp und schaurig-schön

Kurze Schauermärchen, morbide Kurzgeschichten, märchenhafte Morbiditäten – es ist egal, in welche Schublade man Petruschewskajas Prosa steckt. Solange man sie liest! Findet CHRISTIAN NEUBERT.

 

Phantastik aus Osteuropa – da denkt man wohl zuerst an Stanislaw Lem oder an die Strugazgi-Brüder. Weniger bekannt, zumindest hierzulande, sind da schon die Schriften Ljudmila Petruschewskajas. Diese sind im Gegensatz zu den Arbeiten ihrer prominenten männlichen Kollegen weniger im Science-Fiction-Genre verankert oder diesem gar zuzuordnen, dafür umso stärker der Märchentradition verpflichtet. Was die Autorin schafft, sind moderne Schauermärchen, die – natürlich, möchte man sagen – auch als Allegorien auf Herrschafts- und Gesellschaftssysteme verstanden werden können.

 

Entsprechend weiß Petruschewskaja, was Repressalien sind: Sie entstammt einer russischen Intellektuellenfamilie, die über drei Generationen hinweg zu »Volksfeinden« erklärt wurde.  Außerdem konnte sie ihre Prosastücke, die sie ab 1963 geschrieben hat und deren Protagonisten so gar nicht dem heroischen Selbstbild der Partei des Arbeiter- und Bauernstaates entsprechen, erst nach der Perestroika veröffentlichen. Mittlerweile zählt die inzwischen mehrfach ausgezeichnete Moskauer Schriftstellerin zu den bedeutendsten lebenden Autoren ihres Landes.

 

Märchenhaft

In der Schauergeschichtensammlung Es war einmal eine Frau, die ihren Mann nicht sonderlich liebte, entfaltet sich Petruschewskajas Prosa kalt wie der russische Winter und karg wie die sibirische Taiga. Das von ihr entworfene (und beim Entwurf belassene) Personeninventar besteht konsequent aus tragischen Helden. Diese lernen nicht die Frau oder den Mann ihres Lebens kennen, sie zeugen keine Kinder der Liebe – was sie machen ist heiraten und sich Kinder anschaffen. Daneben versuchen sie, zu überleben. Auf diese Weise besitzen sie, gleich den Wesen aus einem Märchen, dem man des Schlosses, der Prinzessin und des guten Zauberers beraubt hat, einen hohen Symbolgehalt. Sie verkörpern dabei allerdings weniger Haltungen und Eigenschaften – vielmehr wird an ihnen die unmittelbare Wirkung des (oft von dritten gemachten) Schicksals aufgezeigt: Wenn die armen Teufel nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute in Elend und Unglück.

 

Für den märchenhaften Eindruck sorgen dabei auch – und wohl zu allererst – die einleitenden Sätze der knappen Erzählungen: »Zu Beginn des Krieges lebte in Moskau eine Frau«, »Ein junger Mann, Oleg mit Namen, blieb elternlos zurück, als seine Mutter starb«, »Der Sohn einer Frau hängte sich auf«. Petruschewskaja kommt ohne Umschweife zur Sache, bevor sie diese dem Leser kurz vor Augen hält, um sie ihm unverzüglich um die Ohren zu hauen. Ihre Sache, dass sind die von Hunger und Trauer zerfressenen seelischen Untiefen von Menschen einer morbiden, unheilvollen Welt, in der das Glück darin besteht, für einen Moment der allgegenwärtigen Not entfliehen zu können.

 

Nie unnötig aufgebläht

Petruschewskajas kurze Schauergeschichten sind Textskelette, mager an Adjektiven, die Details brüchig und bruchstückhaft. Ihre parataktischen Schriften handeln das Elend und den Wahnsinn ab wie militärische Berichterstatter. Dabei wirkt die sich nie offenbarende, nüchtern referierende Erzählerfigur oft ein wenig gehetzt, so, als müsse alles noch schnell vor dem Leser ausgebreitet werden, bevor die Protagonisten das Zeitliche segnet – so, als müsse sie gegen den drohenden Tod anreden.

 

Wie bei Stephen King wuchert bei Petruschewskaja der Horror aus dem Alltäglichen, Vertrauten – nur, dass dem westlichen Leser die Vorstädte von Kings Novellen und Romanen eben vertrauter scheinen als die Moskauer Wohnghettos oder das ländliche Russland. Aufgrund der lediglich skizzierten Handlungsträger und der Art und Weise, wie ihre Sätze nach vorn schreiten, fühlt man sich eventuell auch ein Stück weit an H.P. Lovecraft erinnert. Doch im Gegensatz zu diesen westlichen Kollegen verzichtet die Schriftstellerin auf seitenlanges Psychologisieren und sich langsam anbahnenden Wahnsinn – bei ihr ist er längst da. Ihr genügen wenige Sätze, um das Dunkle, Morbide aus den durch Krieg und Entbehrung gezeichneten Seelen der Protagonisten treten zu lassen.

Die Petruschewskaja als Horrorautorin zu bezeichnen wäre allerdings genauso falsch, wie sie dem Science Fiction- oder Fantasyfach zuzuordnen, denn auch, wenn bei ihr die Grenzen zwischen Albtraum und Realität ständig verschwimmen, ist ihre Prosa fest in der Wirklichkeit verankert.

 

Drei der insgesamt 17 Texte, die der Berliner Taschenbuch Verlag in Es war einmal eine Frau, die ihren Mann nicht sonderlich liebte, kompiliert hat, liegen erstmals in deutscher Sprache vor. Darunter findet sich auch einer der stärksten, nämlich »Da ist jemand in der Wohnung«. Aber auch die Erzählungen, die man nicht zu seinen Favoriten zählen möchte, wissen zu fesseln, weswegen man, sobald man sich den Band vorknöpft, immer noch eine der Schauergeschichten mehr lesen möchte. 

 

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