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Uwe Timm: Freitisch

21.03.2011

Zettels Raum

In guten Novellen wird immer erzählt, getrunken und gegessen. Uwe Timm schlägt in seinem neuesten Werk einen weiten Bogen vom studentischen Freitisch in den 1960er Jahren bis zum melancholischen Zurückerinnern bei einem Cappuccino in der Gegenwart. Arno Schmidt spielt nebenbei auch noch eine gewichtige Rolle. Von INGEBORG JAISER

 

München in den 1960er Jahren. Vier Studenten sitzen in der Kantine einer spendablen Versicherung am kostenlosen Freitisch. Das bedeutet: täglich ein gesichertes dreigängiges Mittagessen, mit Suppe, Hauptgang, Dessert. Ein bisschen Trickserei ist schon vonnöten, um das Studentenwerk von der eigenen Bedürftigkeit zu überzeugen: Geldprobleme, Mieterhöhungen, verzögerte Stipendienzahlungen. Doch wer einmal ein Bein drin hat und es klug anstellt, bleibt versorgt bis zum Studienende.

 

Zwischen Rosen und Porree

Da sind der literarisch ambitionierte Mathematikstudent Euler, ein als Schlafwagenschaffner jobbender Jurist, der existentialistische Jungautor Falkner sowie der angehende Lehrer und Ich-Erzähler. Bei den Tischgesprächen geht es hoch her: Die neu erlassenen Notstandsgesetze werden diskutiert, Jünger und Nietzsche bemüht, Camus und Sartre zitiert – doch allgegenwärtig ist der schwärmerische Hang zum sonderbaren Wortakrobaten Arno Schmidt: »die Wortzerlegungen, die Typografie, und dann diese Spielerei mit der Interpunktion, dazwischen Sätze, als Satzzeichengerippe, die nur noch Kommata, Punkte, Gedankenstriche, Auslassungspünktchen sind, keine Buchstaben mehr – die reine Form des Erzählens.«

 

40 Jahre später im mecklenburgischen Anklam. Der Ich-Erzähler hat seine norwegische Freundin geheiratet, jahrzehntelang als Deutsch- und Geschichtslehrer gearbeitet, sich dann an der Ostsee zur Ruhe gesetzt (malerisch »zwischen Rosen und Porree«), nebenbei ein Antiquariat führend (»nichts Großes und mehr zur Tarnung vor Frau und Familie«).  Da trifft er unvermutet auf Falkner, der westlich aufgemotzt (»in knapp geschnittener Windjacke aus irgendeinem atmungsaktiven Technostoff«) und wettergebräunt im Saab-Cabrio angerauscht kommt, ein heilbringender Investor, der der verlassenen Gegend eine Mülldeponie anzudienen versucht.

 

Kühe in Halbtrauer

Staunend erkennt man sich wieder, tastet sich vorsichtig vom anfänglichen Sie zum vertrauten Du, setzt sich plaudernd in ein Café am Markt. Vom Bestellen eines Cappuccinos bis zum Ordern der Rechnung – in dieser kurzen Zeitspanne entblättern sich die vergangenen Jahrzehnte, der Werdegang zweier ehemaliger Tischgenossen, die so ganz unterschiedlichen Karrieren und Lebensläufe. Die Erinnerung an verflossene Liebschaften, literarische Versuche und spontane Reisen scheinen auf – wie jene verrückte hochsommerliche Tour von München nach Bargfeld, in einem knallroten, geliehenen VW-Cabrio.

 

Tatsächlich wurde Euler seinerzeit vorgelassen, durfte ehrfürchtig das Arno-Schmidt-Häuslein betreten und einige Sätze mit dem großen Meister wechseln. Missmutig stolperte er wieder heraus, verstört über die Kleingeistigkeit des Schmidt`schen Heims – doch triumphierend drei signierte Exemplare von Kühe in Halbtrauer in der Hand haltend.

 

Gekonnt konstruierte Novelle

Uwe Timm, der selbst Mitte der 60er Jahre Philosophie und Germanistik in München studiert hat, setzt mit der schmalen, aber hoch komprimierten Novelle Freitisch eine Reihe von autobiographischen Werken fort  (zuletzt Am Beispiel meines Bruders oder Der Freund und der Fremde). Frei assoziierend, sprunghaft und offen für Interpretationen, stellt Timm die divergierenden Lebensläufe zweier ehemaliger Mitstreiter gegenüber. Nur wer sein Handwerk so fundiert und professionell versteht wie Timm, vermag dieses lose Geflecht von literarischen Andeutungen und intellektuellen Bezügen zu spinnen. Eine gekonnt konstruierte Novelle – trotz Großdruck keine 150 Seiten umfassend – die man locker an einem verregneten Sonntagnachmittag oder einer längeren Zugfahrt konsumieren kann.

 

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