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Alistair MacLeod: Die Insel

14.03.2004

 
Balladen von der vergangenen Heimat

In einem Band mit Erzählungen, die melancholisch um Einsamkeit, Trauer, Armut und Tod kreisen, kann der kanadische Schriftsteller Alistair McLeod als großartiger Schriftsteller entdeckt werden.



 

Von Alistair MacLeod konnte man 2001 auf Deutsch zuerst den Roman Land der Bäume kennen lernen. Sein kanadischer Landsmann und weltberühmter Kollege Michael o­ndatje hatte den 1936 geborenen Schriftsteller als "den größten noch zu entdeckenden Autor" empfohlen. Als der Verleger und Schriftsteller Michael Krüger während eines Gastauftritts im damals noch exekutierenden "Literarischen Quartett" seine emphatische Bewunderung für das von S. Fischer publizierte Land der Bäume äußerte, wurde er von dem TV-Trio unisono niedergemacht. Das hat Alistair MacLeod um eine hochverdiente "Entdeckung" bei uns gebracht, die ja leider nur via TV zu promoten ist.

Vielleicht gelingt sie ja doch noch. Der S. Fischer Verlag hat sich nicht entmutigen lassen (was zu rühmen ist!) und nun MacLeods gesammelte Erzählungen publiziert. Jetzt verstehe ich, wie Recht ein Anglist hatte, als er mir zu dem bewundernswerten Roman sagte: "Die Erzählungen MacLeods sind noch besser!" Sie sind zwischen 1968 und 1999 entstanden und kreisen fast alle (wie der Roman) um "Die Insel" - jenes Cape Breton an der nördlichen Atlantik-Küste Kanadas, das Alistair MacLeod sein (Hardysches) "Wessex" oder (Faulknersches) "Yoknapatawpha County" ist: "Heimat" und Sehnsucht seiner Erinnerung. Obwohl nicht dort geboren, wuchs MacLeod auf Cape Breton inmitten einer großen Familie auf, ging wohl aber, wie Brecht schrieb, aus den "dunklen Wäldern" in die "große Stadt", lebt als Literaturprofessor in der Nähe von Toronto.

Autor einer Landschaft

Soweit man nun aus diesen zwei Büchern entnehmen kann, ist er der Autor einer Landschaft und ihrer dort lebenden Menschen, ein poetischer Chronist des harten Lebens auf dem windzerzausten Eiland vor der Küste von Neu-Schottland. Der Name verweist auf die Emigranten des 18. Jahrhunderts, manche kamen auch aus Irland, das gemeinsame Gälisch hielt sich hier über die Jahrhunderte - ebenso wie die Balladen, Lieder und musikalischen Instrumente aus der alten Heimat der keltischen Vorfahren, die sie in die Emigration mitgenommen hatten. Alistair MacLeods zitiert mehrfach aus diesen großen, traurigen Liebesballaden. In der Erzählung "Die Suche nach Vollkommenheit" beschreibt er das zynische Casting einer TV-Gesellschaft für eine Folklore-Sendung, die die gälische Vergangenheit nur noch in Häppchen verwursten will.

Obwohl die 16 Erzählungen in einem Zeitraum von rund dreißig Jahren entstanden sind, halten sie den sonoren Sound MacLeods durch; und während die erste ("Das Boot") den ungeschriebenen Pakt von Vater und Sohn beschreibt, dem harten Fischer-Leben in die Literatur zu entkommen und die letzte ("Kahlschlag") das aus der modernen Welt-Fallen eines verwitweten Alten mit seinem arbeitslosen Hütehund beschwört, rundet sich das 441-seitige Buch zu einem Abschied auf immer.

Denn die Zeit für die Hummerfischer und Bauern, Leuchtturmwärter und Minenarbeiter ist abgelaufen, die Großfamilien sind längst auseinandergefallen, die Kinder verheiratet und aus dem Haus. Sie sind Ärzte und Professoren geworden, haben Rechtsanwälte und Immobilienmakler geheiratet: emigriert sind sie in eine ferne Welt auf dem kanadischen Kontinent und in eine fremde, von der man auf Cape Breton keine Ahnung hatte. Standhaft und ausweglos geblieben sind nur die Alten in ihrer extremen Einsamkeit (manchmal auch Blindheit), und nur im Sommer fällt noch einmal, wenns hoch kommt, der übers Land verstreute Familienclan mit Enkeln und Urenkeln auf der Insel bei den Alten ein - immer öfter nur, um die Witwer oder Witwerinnen zum Verlassen ihrer Einsamkeit zu veranlassen, wie in der grandiosen "Straße nach Rankins Point". Dort wird der sechsundzwanzigjährige Calum seine neunzigjährige Großmutter nicht zum städtischen Altersheim überreden, sondern auf dem einsam gelegenen Rankins Point mit ihr zusammenleben, wie sie dem Clan beruhigend mitteilt. Dabei weiß Calum doch, dass er bald sterben muss. Oder im "Kahlschlag", wo der Gewinn aus dem Verkauf des Hofes, auf dem der alte Witwer mit seinem schottischen Hirtenhund allein haust, dem glücklosen Sohn und seiner Familie auf Cape Breton einen neuen beruflichen Anfang auf dem Festland erlaubte. Reiche Europäer, es sind sogar Deutsche, bieten gutes Geld für den schönen Blick aufs Meer: im Sommer; denn ab dem Herbst mit seinen stürmischen Angriffen von EisRegenSchnee haben sich manchmal auch schon früher die Einheimischen aufs Festland zurückgezogen, so unwirtlich ist es dann.

MacLeods großes Thema heißt Abschied

Die meisten und vor allem die frühen Erzählungen sind aus der subjektiven Perspektive eines Mannes geschrieben, der sich seiner Kindheitserlebnisse auf Cape Breton erinnert, als er zehn, vierzehn oder achtzehn Jahre alt war. Manchmal kommt zur kindlichen Perspektive auch das Präsens hinzu. Das schafft Intimität, man wird unmerklich ins scheinbar autobiografische Fahrwasser gezogen, erst recht, wenn es an einer Stelle z. B. heißt: "Als ich mit dieser Geschichte begann, wollte ich sie so erzählen, wie mein Vater sie mir erzählt hat (...). Aber jetzt wird mir bewußt, daß nicht alles in meiner Version von ihm stammt. Der Abschnitt etwa, in dem (...) und ein größerer Teil der Geschichte des jungen Mannes (...) kenne ich von seinem Zwillingsbruder."

Alistair MacLeod hat gewiss eigenes Erleben, aber auch fremdes zur Grundlage seiner ungemein spannend erzählten und unvorhersehbar sich entwickelnden "Geisterbeschwörungen" gemacht, so dass das erzählende "Ich" und auch das kollektive "Wir" (in "Abschied vom Sommer") jeweils unterschiedliche literarische Einstiege in das Gelände von Cape Breton angeben. Den harten Beruf des Fischers oder noch schlimmer: den des Bergmanns hat der Autor auch ausgeübt. Denn viele der zahlreichen Nachkommen dieser Familien mussten ihren Lebensunterhalt in Uran- und Kohlebergwerken auf dem Festland suchen oder im Winter bei den Holzfällern.

Man könnte sich aber gut vorstellen - und es gibt Andeutungen in einigen dieser Erzählungen -, dass sich der "entkommene" Alistair vor sich selbst verpflichtet hat, seiner kindlich-jugendlichen Heimat, der er sich entwinden konnte, mit jeder dieser Erzählungen Denkmäler zu setzen: als literarischer Ahnendienst eines Enkels, der eine menschliche Geschichte, die tief in die Vergangenheit reicht, ein letztes Mal aufzeichnen wollte, während ihre Helden und Heldinnen und deren Geschichten und Erinnerungen an Menschen und Tiere im Verschwinden begriffen sind.

Deshalb sind es tragische, zumindest melancholische Erzählungen von Einsamkeit, Trauer, Armut und Tod - mit starken, pragmatischen Frauen und romantischen, oft auch versoffenen Männern, die nicht alle für das Leben in dieser Lebenswildnis geeignet sind und darunter leiden und mehr Verständnis für ihre Söhne und Töchter haben, die hinaus in die Welt gehen als die verbitterten Mütter, die sie auf der Insel zurücklassen. Obwohl Alistair MacLeod nur ein kleines, wiederkehrendes Motivreservoir zur Verfügung steht, gelingen diesem ruhigen und bedachtsamen Erzähler meisterhafte Erzählungen, die immer neue und andere Aspekte seinem einzigen Thema abgewinnen: dem Verschwinden der Tradition in den Familien und Clans, dem Ende jener Enklave von Neu-Schottland, in der das Lebensethos und -pathos der aus ihrer europäischen Heimat im Gälischen überdauerte. Die Liebe des Kanadiers Alistair MacLeod zum alten Schottland (wo eine Episode spielt) lässt ihn vergessen, dass man in den Highlands Whisky und nicht Whiskey trinkt. Die vorzügliche Übersetzerin Brigitte Jakobeit hat MacLeods "Fehler" stehen gelassen. Seine Helden sind ohnehin eher dem geschmuggelten Rum zugetan als dem Whisk(e)y.


Wolfram Schütte



Alistair MacLeod: Die Insel. Erzählungen. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit, S.Fischer-Verlag, Frankfurt am Main, 2003. 443 Seiten, 19.90 ¤. ISBN 3-10-048814-8

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