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Etgar Keret: Mond im Sonderangebot

14.03.2004



Parabeln und die nackte Wahrheit

In seinen 33 Short Stories meditiert Etgar Keret über das Leben und die Menschen und verortet dabei das Absurde im Alltäglichen.



 

"Zwei Typen sitzen zusammen in einem Pub" - so beginnt die Geschichte "Die Flasche" in Etgar Kerets neuem Band und eigentlich könnten alle der 33 hierin vom Autor versammelten Geschichten so beginnen. Ohne großes Brimborium, ohne Umschweife direkt ins Leben (oder was davon übrig blieb). Nun ist Literatur freilich nicht das Leben, sie versucht es, auf die ein oder andere Weise, abzubilden. Sie zieht, in den meisten Fällen, ihren Stoff daraus, und sie muss sich, ob gewollt oder nicht, daran messen lassen.

Bruchstellen und Bruchteile
Ein Abschilderer der Realität, das lässt sich in seinen anderen in deutscher Sprache vorliegenden Büchern Pizzeria Kamikaze, Der Busfahrer, der Gott sein wollte und Gaza Blues überprüfen, ist Etgar Keret nicht. Er behandelt die Realität auf seine Art. Er pickt sich ein paar Bruchteile aus ihr heraus, bearbeitet diese und stellt sie vor den Leser hin. Sein Ton ist dabei zuweilen ein märchenhafter, ein obskurer, ein modern-mystischer, nie aber ein gewöhnlicher. Auch im neuen Buch bleibt Keret seiner Linie treu. Gleich in der ersten Geschichte, "Das Dickerchen", begegnet uns das Absurde. Die Freundin des sich selbst mit Du ansprechenden Erzählers bewahrt ein dunkles Geheimnis. Sie verwandelt sich nachts in ein kleines dickes Männlein mit unschicklichen Manieren und einer Ausdrucksweise, die sich gewaschen hat. Sie/er will am liebsten nur noch durch die Kneipen ziehen, Bier trinken und Fußball gucken. Am nächsten Morgen hat sie/er sich zurück verwandelt und liegt friedlich schlummernd in ihrem Bett. Des Erzählers Zuneigung zu seiner Freundin leidet unter dieser Metamorphose nicht, zwar sieht er sich in eine Verwirrung gestürzt, in einen Schock, doch seine Liebe ist so groß, "dass es schon weh tut". Das bekannte Keret-Verfahren, will man meinen: das Absurde im Alltäglichen zu verorten.

Unerwartetes und unerwartet Absurdes
Doch das Buch hält auch Geschichten bereit, die einen anderen Zugang zur Welt aufweisen. Die Geschichte von einem alten Ehepaar z. B., das ununterbrochen Radio hört, um die Frontberichte zu verfolgen. Der Sohn ist bei der Armee. Oder die Geschichte eines erfolglosen Immobilien-Maklers. Hierin wartet der Autor mit einem Erzählton auf, der stärker an die Alltagssprache angelehnt ist. Zwar bricht das Unerwartete auch in diese Geschichten ein, doch eher als rationaler Entwicklungsgang und weniger als eine wie auch immer verzerrte oder überraschende Weltwahrnehmung. Was Keret weiterhin als Autor unverwechselbar macht, ist sein Witz, der wirklich witzig ist, nämlich im Sinne von geistreich. Hier wird kein Schenkelklopf-Humor zelebriert. Das Lachen muss sich immer erst den Weg durch die zugeschnürte Kehle bahnen. Vom Autor selbst heißt es, er entgegne Journalisten, die ihn auf die politische Lage seines Landes ansprechen - und wohl auch funktionale Antworten von ihm erwarten -, die besten Waffen, sich gegen etwas zu wehren, was hoffnungslos scheint, seien Humor und Witz. In diesem Sinne lässt es sich z. B. auch über die parabelhafte Kurzprosa eines Franz Kafka schmunzeln. Keret steht hier in guter Tradition. Eine Tradition, mit der er freilich sein eigenes, modernes Spiel treibt. Und wir, als Leser, lassen gern auf diese Weise mit uns spielen.

Lars Reyer


Etgar Keret: Mond im Sonderangebot. 33 Short Stories. Aus dem Hebräischen von Barbara Linner. Luchterhand Literaturverlag 2003. 205 Seiten. 17,50 Euro. ISBN: 3-630-87153-4

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