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    Dienstag, 27. Juni 2017 | 16:03

    Thomas Bernhard: Goethe schtirbt

    27.12.2010

    »Mehr nicht!«

    Was erwarten wir uns von einem neuen Bernhard-Buch? Natürlich Bernhard, nichts Anderes, nichts Neues. Und das schenkt uns Suhrkamp in letzter Zeit zu Hauf, den Bernhard. Goethe schtirbt von Thomas Bernhard versammelt vier Erzählungen, die bisher schwer zugänglich waren, da sie in Zeitungen, Programmheften und Katalogen abgedruckt wurden. Von ANDREA SAKOPARNIG

     

    Bernhard selbst soll vorgehabt haben, diesen Band mit eben diesem Titel zu veröffentlichen, so der  Verlag, um sein Vergehen gegen das testamentarische Veröffentlichungsverbot zu erklären. Mit Goethe schtirbt wird uns ein Bernhard präsentiert, den wir kennen und lieben, aber auch misstrauisch auf Abstand halten. Die Erzählungen haben ein hohes Tempo und sind sogar stilistisch reiner als die Romane. Selten ist der Erzähler so offensiv unzuverlässig und manipulativ wie hier, selten so klar und vernichtend im Ton.

     

     

    Die erste, titelgebende Erzählung beeindruckt durch die Gewalt der musikalisch komponierten Syntax. Hypertaktisch lagern sich Haupt- und Nebensätze über- und aneinander, die Souveränität eines jeden einzelnen unterlaufend und so den Text rhythmisierend. Kein Satz wird gesetzt, ohne dass er durch ein »einerseits..., andererseits« wieder aufgehoben und  ambiguisiert würde. Leitmotivisch wiederholen sich Phrasen und Floskeln, Passagen und Sequenzen bis sie ihre Eindeutigkeit verlieren und zu vexieren beginnen. Jeder Satz dementiert sich kontrapunktisch in der Durchführung selbst. Die konjunktivische, indirekte, mehrfach potenzierte und überdies noch hyperbolische Rede fragmentiert den Sinn, dementiert die Zuverlässigkeit ›des‹ Erzählers. Unvereinbare Oppositionen und alogische Verbindungen brechen das rationale Erzählverfahren auf, um es umso mehr zum superrationalen zu steigern und ironischen zu verkehren.

     

    Goethe und Montaigne

    Und was wäre der Bernhardsche Stil, würde er nicht die Verachtung gegen das Kleinmütige, Spießige und Hybride boshaft zum Ausdruck bringen? »Naturgemäß«, möchte man sagen, kommt der alte Goethe nicht gut weg: ein wehleidiger, megalomanischer und egozentrischer Greis, der nichts mehr wünscht als seinen »Zeitgenossen« (!) Wittgenstein zu treffen und mit ihm über »das Zweifelnde und Nichtzweifelnde«  (dem Autor des Über Gewißheit) zu diskutieren. Mit den Worten »Mehr nicht!« (und nicht »Mehr Licht!« ) auf den Lippen »schtirbt« er. Es scheint als hauchte Bernhard selbst mit dem ›sch‹ Goethes Leben genussvoll und beschwichtigend aus; aber nicht ohne dass dieser sich zuvor als »Vernichter des Deutschen!« und »Lähmer der deutschen Literatur« ohne »schlechtes Gewissen« diffamiert hätte.

     

    Während die erste Erzählung die Bernhard typische Strategie und Logik der Diffamierung bedient, zeigt die zweite (Montaigne) das einsame Subjekt, das diffamiert wird. Die Einsamkeit des Intellektuellen inszeniert Bernhard im mühevollen Aufstieg zur Bibliothek im entlegenen Turm, der längst von Spinnweben eingenommen wurde. Hier begegnet uns das bekannte Motiv aus der Auslöschung, die Bernhard kurz zuvor abschließt: die Angst vor der geistfeindlichen, dummen Familie, die Flucht in die Bibliothek, die Philosophie, die Opposition des Geistes gegen den Opportunismus des heuchlerischen ›Geschäfts‹, vor dem der Intellektuelle zum zersetzenden und zerstörenden Element, ja »Unterdrücker« und Verbrecher wird. Hier breitet der Erzähler seinen ganzen Hass in ohnmächtigen, superlativischen Überbietungstiraden aus. Das Geworfensein in eine feindliche Welt hält die geistige Existenz hoffnungslos gefangen. Es gibt kein Entkommen. Das Ich ist immer der Vernichtung und Verschwörung  ausgesetzt. Die Hilflosigkeit und Angst dröhnt mechanisch in sich überlagernden phasen- und perspektivverschiebenden Wiederholungen wider.

     

    Die beiden letzten Erzählungen lesen sich dagegen etwas schleppend, fast nervig und allzu klappernd. Während die eine in einer einzigen faden Suade verharrt, der jede Authentizität fehlt, reitet das Ich in der anderen (vor allem durch die Briefform) den Bernhard-Ton zu Tode. Mit den letzten Seiten des schmalen Bändchens lässt Suhrkamp auch Bernhard langsam seinen Odem ausatmen. Fast möchte man den gegen Ende ins Fade verlaufenden Redeschwall, ein besänftigendes ›sch‹ entgegenhauchen und auch dem Verlag bedeuten, er möchte es doch endlich gut sein lassen und nicht weiterhin Leichenfledderei betreiben.

     

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