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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 18:29

     

    Theodor W. Adorno / Lotte Tobisch: Die privaten Briefwechsel

    14.03.2004

     

    Lotte in Wien

    Adorno im Briefwechsel mit seiner Freundin Lotte Tobisch




     

    Ihrer Jugend verdankt Lotte Tobisch-Labotyn, dass sie noch selbst ihren Briefwechsel mit dem 1969 gestorbenen und 1903 geborenen Theodor W.Adorno zu dessen Centenar-Feierlichkeiten selbst besorgen kann, wenn auch der Briefwechsel von immerhin 280 (!) Objekten, die zwischen dem "Lieben Teddie" (und gelegentlich auch von dem "aufs allerschönste grüßenden Gretelchen") und dem "Liebsten Lotterl" in sieben Jahren gewechselt wurden, jetzt von Bernhard Kraller und Heinz Steinert im Literaturverlag Droschl vorzüglich, manchmal auch ein wenig zu ausführlich kommentiert und mit einem sehr hilfreichen Personenregister versehen, herausgegeben wurde. Denn die 1926 geborene böhmische adlige Burgtheaterschauspielerin, dortige Betriebsrätin und mit & in der Wiener Kultur-& Medienszene vertraute und kräftig mitmischende Schönheit, war und ist offenbar ein lebenserfahrener, zupackender Mensch mit Courage und Warmherzigkeit bis in ihr heutiges Alter.

    Der Beginn der Bekanntschaft gleicht dem ersten Satz eines Romans, den der Briefwechsel dann erzählt: Die 36jährige Schauspielerin trifft 1962 in der Wohnung des ehemaligen Burgtheaterdirektors Josef Gielen den sichtlich "verstörten" Adorno, der seine Frau Gretel mit einer Fußverletzung im Hotel zurückgelassen hatte und Hilfe sucht. Resolut nimmt "die Tobisch" die Sache in die Hand, bringt Gretel zum Arzt, der nur eine Zerrung feststellt - und "mit Gretel im Schlepptau", wie sie schreibt, kommt sie zu Gielens und dem "nun sichtlich von Kummer befreiten, seligen Adorno" zurück. So hat die schöne Adlige (wie aus einem Hofmannsthal-Stück) die für "Teddies" Bodenhaftung in der Wirklichkeit des Lebens unerlässlich verantwortliche eheliche Gefährtin "gerettet" - und mit einem (Doppel-) Schlag Gretels Dank und Adornos überschwängliche Liebe gewonnen.

    Der Ort war jedoch noch nicht minder wichtig für den "Beginn einer wunderbaren Freundschaft", die trotz der sich steigernden semantischen Erotik des brieflich umarmenden und küssenden Teddies, "platonisch" geblieben sei bis zu Adornos Tod 1969, wie Lotte Tobisch schreibt. Josef Gielens Frau Rose war die Schwester des Pianisten Eduard Steuermann. Bei ihm hatte der zweiundzwanzigjährige Teddie, als er 1925 in Wien bei Alban Berg Komposition studierte, gleichzeitig seine pianistische Ausbildung fortgesetzt, woraus sich eine lebenslange Freundschaft entwickelte. Die Gielens, deren 1927 geborener Sohn Michael erst nach Adornos Lebenszeit Direktor der Frankfurter Oper geworden ist, gehörten deshalb zum engsten Freundeskreis Lotte Tobischs, weil ihre "große Liebe", der 1889 geborenen Erhard Buschbeck, einen Jugendfreund Georg Trakls (!), mit Gielens befreundet war. Buschbeck muss ein "big shot" des avantgardistischen Wiener Kulturlebens gewesen sein. Er ist 1960 gestorben. Seine 37 Jahre jüngere (!) Lebensgefährtin war also zuinnerst Teil jener "Welt von Gestern", der Adorno (ähnlich wie seiner Kindheit) die Treue hielt und der er als Musiker und Musiktheoretiker besonders stark in Wien verbunden war.

    Man möchte als Leser, der jetzt durch den Briefwechsel mit Lotte Tobisch Einblick in diese adornoschen "Fühlfäden" (Jean Paul) seines Wiener Lebens erhält, vermuten, dass er sich da - durch die Kontinuität von Personen und künstlerischen Passionen - in einem Ambiente aufgehoben fühlte, das sowohl wirklich als auch imaginär war, Erinnerung wie auch glückliche Gegenwart für ihn bedeutete, und dass die Wiener Schauspielerin, die ihn bewunderte, für ihn so etwas wie die sinnlich gewordene Fortsetzung seiner abgebrochenen und wieder aufgenommenen Wiener Phantasmagorie bedeutete, der seine Zärtlichkeit ebenso galt wie sein stetiges Verlangen nach weiblicher Schönheit, die er bewundern konnte. Wie ernst es ihm schließlich war, nach seiner absehbaren Emeritierung in Wien sich niederzulassen - worüber in den späten Briefen gesprochen wird -, ist schwer einschätzbar: war es nur Sehnsucht, oder durchdachte Absicht?

    "Als Tourist" wollte Adorno jedenfalls nicht nach Wien kommen. Es musste immer Gründe dafür geben, nämlich öffentliche Vorträge, Rundfunk- und Fernsehgespräche - und Lotte Tobisch war mehr als einmal der Impresario und Quartiermeister für diese Auftritte & Aufenthalte. Wie haarsträubend weltfremd der Frankfurter Professor doch auch manchmal sein konnte, zeigt sein zweifach geäußerter Vorschlag zu einem Vortrag 1964 mit dem Titel "Ein Reichsdeutscher in Wien", worauf die Freundin nicht einging. Dafür mischte er sich auf Tobischs Bitte in die heute längst vergessen Opernquerelen um Herbert von Karajans Engagement ein oder wollte dem (links-)katholischen Publizisten Friedrich Heer, der in seiner klerikal-halbfaschistischen Heimat keinen Fuß auf einen sorgenfreien Boden bekommen konnte, eine Professur in der neu errichteten Gießener Universität verschaffen, was aber an der Verwirrtheit Heers scheiterte.
    Interessant an den Briefen sind neben dem Austausch zeitgeschichtlicher Details jedoch die daraus ersichtlichen Lebensumstände Adornos, der seine Briefe meistens seiner Institutssekretärin und manchmal wohl auch Gretel diktierte, weil die Wiener Freundin schnell bemerkte, dass sie seine Handschrift wie fast alle Welt nicht entziffern konnte. In einer Mischung aus Klage & Stolz berichtet er von seiner unermüdlichen Schaffenskraft, wenngleich er seine Arbeiten immer zugleich im Briefwechsel eher "Sächelchen" oder "Zeugs" nennt: immerhin hat er im Laufe der Bekanntschaft die "Negative Dialektik", den "Jargon der Eigentlichkeit" und die "Ästhetische Theorie" verfasst, neben zahllosen andern, kürzeren Essays, Reden und Aufsätzen, die ja alle gleichzeitig zu seinen Vorlesungen und seiner Tätigkeit im Institut entstanden. Inmitten dieser alltäglichen Tätigkeiten, die sich übers ganze Jahr erstreckten, waren die jährlichen Langzeit-Urlaube in Sils Maria, Zermatt oder an anderen Schweizer Alpenorten wie Inseln der Erholung vom selbstverhängten Dauer-Stress gelagert, gelegentlich fungieren auch kurze Vortragsreisen hier und dorthin (wenn nicht nach Wien) als solche Ruhepunkte. Und um sich zu sehen, wirbt der Umtriebige vielfach darum, dass "das Lotterl" sich mit ihm trifft oder gar die Schweiz-Urlauber wenigstens für ein paar Tage besucht, wie es ja andere auch tun, z.B. Peter Szondi, Horkheimer oder Herbert Marcuse (& auch die eine oder andere Geliebte.

    Tief ins Persönliche geht jener briefliche Austausch der beiden jedoch über ihre unkonventionellen Lieben: Tobischs zu einem älteren israelischen Diplomaten, der Frau & Familie verlässt (ohne dass der gefürchtete Zionist Scholem ihr Vorwürfe macht), und Adornos letzte große Liebe Arlette, die ihn zugunsten des Bach-Dirigenten Karl Richter sitzen ließ. Beides mal sind sie sich nicht nur mündlich, sondern auch brieflich Stützen und Hilfen. "Du bist doch das zarteste, sensibelste, liebste Geschöpf auf der Welt", schreibt er an Lotte Tobisch, nachdem ihm Arlettes Verlust gewiss war. Es war ja die Wiener Freundin, die ihn offenbar skeptisch immer wieder gefragt hatte, ob die junge Geliebte "auch nett genug" zu ihm sei. "Was mir in einem solchen Augenblick Deine Freundschaft bedeutet, muss ich Dir nicht sagen; aber zumute ist mir, als ob mein unmittelbares Leben zu Ende wäre. Ich bin nicht sentimental deswegen", fährt er in dem vier Monate vor seinem Tod geschriebenen Brief fort, "aber gerade deswegen ist es so grauenvoll - es rächt sich an mir furchtbar, dass man mir als Kind das Weinen verboten hat, und auch, dass einem offenbar maßlosen Glücksverlangen eine ebenso unbeschränkte Leidensfähigkeit gesellt ist, ohne dass ich im übrigen im leisesten masochistisch wäre".

    Von dieser abgründigen Briefstelle aus blickt man in ein Inneres, das von keiner der zahlreichen Arbeiten und Spekulationen über "Teddie" anlässlich des 100. Geburtstags von Theodor W. Adorno erreicht wurde. Ich bin geneigt zu sagen: glücklicherweise.


    Wolfram Schütte



    Theodor W. Adorno / Lotte Tobisch: Der privaten Briefwechsel.
    Herausgegeben von Bernhard Kraller und Heinz Steinert. Mit einem Geleitwort von Lotte Tobisch.
    Literaturverlag Droschl, Graz 2003.
    Gebunden. 352 Seiten, Abb. & Faksimiles, 27 ¤
    ISBN 3-85420-638-0

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