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Franziska Gerstenberg: Wie viel Vögel

14.03.2004



Unerträgliche Leichtigkeit des Jungseins

In Franziska Gerstenbergs Debüt wird wenig gehandelt und viel geredet - meist jedoch aneinander vorbei.



 

Gernot will kein Baby von Ulrike; Kristiane, Horn, Desirée und Marcel spielen "Tat oder Wahrheit" im Haus am Meer; Kirsten geht mit Mark schwimmen, um etwas über ihre frühere Freundin Leonie zu erfahren; Jorinde und Konz fahren nach Amsterdam, wo ihnen das Auto aufgebrochen wird und eine Hure ihnen zulächelt: Die junge Leipziger Autorin Franziska Gerstenberg erzählt in ihrem Debüt kurze Geschichten von Leuten, die noch nicht wissen, wer sie sind, welches Leben sie führen wollen und wie die Zukunft aussehen wird; Momentaufnahmen von teils alltäglichen, teils entscheidenden Ereignissen. Doch selbst das Entscheidende verbirgt sich bei Gerstenberg unter einer Schicht aus Alltäglichkeit: Gernots und Ulrikes Trennung geschieht nahezu nebenbei während eines Besuchs im Wildpark, wobei das Fressverhalten der Otter wesentlich ausführlicher geschildert wird als die Kluft, die sich zwischen dem Paar auf der anderen Seite des Gitters auftut: Alles, was Gerstenberg beschreibt, steht für das, was ungesagt bleibt. Das kann in Belanglosigkeit abrutschen; Gerstenberg kriegt nicht immer die Kurve. Dann klingt alles ungeheuer bedeutungsschwanger, wirken die kleinsten Gesten folgenschwer - aber dann passiert meist nichts, und beim Leser keimt der Verdacht, dass alles vielleicht einfach doch irgendwie nichts bedeutet hat.

Leipziger Institutsschreibe

Auch die Figuren sind kaum zu fassen; es fällt schwer, sich vorzustellen, dass sie über den Text hinaus weiterleben könnten. Die Autorin benutzt sie für die Dauer einer Erzählung, schiebt sie herum und packt sie wieder in den Schrank, bevor sie Konturen entwickelt haben. Junge Menschen, meist Anfang Zwanzig, für die noch jedes Missverständnis, jede Blamage, jeder Geschlechtsverkehr ein gewichtiges Erlebnis bedeutet. Sie scheinen alle derselben Clique anzugehören, so sehr gleichen sie sich in Sprache und Gewohnheiten.

Erzählt wird mal aus männlicher, mal aus weiblicher Perspektive; angenehm fällt auf, dass nicht alle Texte aus der Sicht eines erzählerischen Ich geschrieben sind. Wenn die 25-jährige Autorin in die Haut eines männlichen Erzählers zu schlüpfen versucht, wirkt das allerdings nicht immer glaubwürdig. Gerstenbergs Sprache ist dabei stets knapp, auch in den vielen Beschreibungen von alltäglichen Details. Ihre Dozenten am Leipziger Literaturinstitut haben ganze Arbeit geleistet. Neben Veröffentlichungen ihrer Kommilitoninnen betrachtet, scheint es tatsächlich, als bilde sich eine "Institutsschreibe" heraus, die vom jeweiligen Autor mit einer Prise persönlichen Stils ergänzt wird: Blitzlichter auf das private Leben von Leuten, die jenseits ihrer Gruppe in keine sozialen Zusammenhänge eingebunden sind. Eben die unerträgliche Leichtigkeit des Jungseins.

Papierdasein der Protagonisten

Kein Zweifel: Gerstenberg hat ihre Judith Hermann, ihre Ricarda Junge gründlich studiert. Die Rudel selbst gewählter Ersatzfamilien in urbaner Atmosphäre, die seltsam zufällig wirkenden Freundschaften gibt es auch bei ihr: auf einer Party, in einem Ferienhaus oder auf dem Campingplatz. Es wird viel geredet, wenig gehandelt. Dass sich ein Mädchen wegen einer Wette die roten Prachtlocken abschneidet, gerinnt zum stärksten Ausdruck des verschwommenen Wunsches, jemand Besonderes zu sein, etwas Bedeutungsvolles geschehen zu lassen. Noch wichtiger ist Gerstenberg aber die Paarbeziehung. Immer wieder Trennungen und die Unmöglichkeit, vom anderen verstanden zu werden. Doch ebenso wenig, wie die Figuren wirklich unter dem Abgrund zwischen sich und den anderen zu leiden scheinen, fühlt der Leser mit ihnen. Auch wenn man diesen Menschen wünschen würde, sie könnten die Kraft aufbringen, nicht alles mit sich geschehen zu lassen: Fast freut man sich für sie - denn etwas Schlimmeres wird ihnen in ihrem kurzen Papierdasein garantiert nicht zustoßen.

Mascha Kurtz


Franziska Gerstenberg: Wie viel Vögel. Erzählungen. Schöffling & Co. 2004. 232 Seiten. 18,90 Euro. ISBN 3-89561-340-1

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