• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 10:39

    Julian Barnes: Nichts, was man fürchten müsste.

    16.08.2010

    War das denn alles?

    Julian Barnes unterhält mit letzten Fragen. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Wie einst Stendhal Über die Liebe, so hat der 1946 geborene englische Schriftsteller Julian Barnes nun über Nichts, was man fürchten müsste, nämlich über den (individuellen) Tod, ein eigenwilliges Buch ohne Gattungsbezeichnung geschrieben, das wie das Stendhalsche formlos ausgeufert ist, weil es in immer neuen Ansätzen und mit anderen Perspektiven sein verbindendes Thema angeht & betrachtet, durch- & erleuchtet, umspielt & verfolgt. Essayismus als Kaleidoskop & Krabbelkiste.

     

    Wer den Autor von Flauberts Papagei oder Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln als einen der amüsantesten humoristischen Autoren der Gegenwart schätzt, wird auch an diesen vielfältig schillernden „ernsten Scherzen“ (Goethe) über unsere Todesangst ein nicht enden wollendes Vergnügen, wenn auch nicht immer oder so oft wie in den erwähnten Büchern etwas zum Lachen haben.

     

    Wem „die Sache“ jedoch zu ernst ist, um die es ebenso enzyklopädisch wie kursorisch in Barnes´ Nichts, was man fürchten müsste geht, als dass man über sie Witze reißen dürfte, sollte das Buch wie der Teufel das Weihwasserbecken meiden.

     

    Beängstigend und kurios

    Je nach Alter aber werden potentielle Leser das „tua res agitur“ des Buchs in aufsteigender Alterslinie kaum, leise oder laut vernehmen; und besonders solche, die älter sind als der im Ersterscheinungsjahr 2008 gerade einmal 62-jährige Autor, werden die nicht enden wollenden Aus- & Abschweifungen des Julian Barnes weniger als Geschwätzigkeit, denn als angestrengtes Pfeifen eines Angsterfüllten verstehen, der sich lange nach „der Mitte seines Lebens in einem dunklen Wald“ verirrt hat – wesentlich später also, als es Dante in der Divina Commedia geschehen ist.

     

    Zwar, behauptet Julian Barnes, „setzte das Todesbewusstsein bei mir schon früh ein, mit dreizehn oder vierzehn Jahren“, und mindestens einmal am „wachen Tag“ denke er an den Tod, von „periodisch auftretenden nächtlichen Attacken“ ganz zu schweigen; aber das originellste auslösende Moment für das, was ein französischer Kritiker einmal „le réveil mortel“ genannt habe, trete bei Barnes häufig zu Beginn eines Sechs-Länder-Rugby-Turniers im Fernsehen auf. Beängstigend - und kurios.

     

    Aber das bestimmende Motiv für die zweijährige Arbeit an dem Buch (2005-2007) dürfte wohl die langjährige Hinfälligkeit und der Tod seiner Eltern gewesen sein, um die er sich kontinuierlich kümmern musste. Obwohl er den mehrfach angesprochenen Leser nach knapp fünfzig Seiten versichert, weder sei dieser hier unverhofft in Barnes´ Autobiografie gelandet, noch befinde sich der Autor in dem Buch „auf der Suche nach seinen Eltern“, so firmieren doch autobiographische Reminiszenzen an die Eltern & Großeltern als Grundstock von Julian Barnes´ ausführlichem Nachdenken über Religion, Glauben & Unglauben, Sterben und Tod, Erinnerung und Nachruhm.

     

    Sentimentaler Quatsch?

    Eine besondere, nämlich aktive Rolle fällt dabei Julians vier Jahre älterem Bruder Jonathan zu. Er ist ein analytischer Philosoph, der in Oxford, Genf und Paris gelehrt hat und seit seiner Emeritierung in Frankreich lebt. Exzentrisch wie nur je ein Engländer, nämlich gekleidet im Stil des 18. Jahrhunderts (Kniehose, Strümpfe, Brokatweste etc.), ist Jonathan so frankophil wie Julian und ihre beider Eltern, englische Französisch-Lehrer. Als Julian Barnes über die jüngste menschliche Demütigung durch die Neurobiologen klagt - nämlich, dass sie uns die Freiheit des Willens absprechen -, hat er aber diese doch so offensichtliche biographische Determination völlig verdrängt.

     

    Jonathan tritt in dem Selbstgespräch, an dem uns sein Schriftsteller-Bruder Julien teilnehmen lässt, immer wieder - gleich einer Karikatur des besserwisserischen Dr. Johnson - als ein gnadenloser Sprach- & Denkanalytiker auf, der wie der leibhafte Teufel dazwischen fährt, wenn der gefühlvolle Julian wieder einmal im Nebel des Vagen herumstochert, wo sich der Schriftsteller jedoch am liebsten aufhält, weil es sein Metier ist: die Mehrdeutigkeit der Poesie sowohl wie der Glaube an die Wahrheit der Fiktion, welcher die mentale Voraussetzung für die Freude, das Vergnügen und die Intensität an einer Roman-Lektüre ist. Denn „die Religionen waren die ersten großen Erfindungen fiktionaler Autoren: eine überzeugende Darstellung und eine plausible Erklärung der Welt für begreiflicherweise verwirrte Gemüter“.

     

    Julian Barnes beginnt sein Buch mit einem genialen Satz: „Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn“. Für seinen Philosophen-Bruder ist das „sentimentaler Quatsch“. Dazu muss man wissen, bzw. man erfährt es bald, dass die Barnes-Familie gewissermaßen „von Haus“ aus ungläubig oder allenfalls von „wässriger Gläubigkeit“ war und ist; und  Jonathan Barnes´ Töchter diese Tradition der Ungläubigkeit fortsetzen. Wobei Julian einen Unterschied zwischen Agnostikern und Atheisten macht, letztere prätendieren alles zu wissen, was ersteren noch nicht ausgemacht, beiden aber gleichgültig ist: dass es Gott nicht gibt.

     

    Jedoch: Julian vermisst ihn & findet bei der Ursachenforschung dieses Phantomschmerzes eine ganze Reihe von spekulativen Begründungen, die jedoch alle mehr oder weniger auf den Verlust einer fraglos tröstenden Sinnhaftigkeit des menschlichen Lebens hinauslaufen. So ist in der areligiösen Moderne „die Todesfurcht an die Stelle der Gottesfurcht getreten“, was eine Verschlechterung der menschlichen Situation bedeutet, denn „die Gottesfurcht - angesichts der Gefahren des Lebens und unserer Wehrlosigkeit gegen Schicksalsschläge unbekannten Ursprungs früher durchaus vernünftig - ließ wenigstens einen Spielraum für Verhandlungen“, wohingegen  „das eigentliche Unglück, zu wissen, dass es geschehen wird“, keine Illusion erlaubt.

     

    Vom Stauen der Stoffmassen

    Barnes vornehmster Heiliger im literarischen Kalender, der Agnostiker Gustave Flaubert, empfahl angesichts der menschlichen Sterblichkeit seine Religion der Verzweiflung mit den Worten: „Man muss seinem Schicksal ebenbürtig sein, soll heißen, ebenso gleichmütig“, was womöglich leichter fällt, je älter man wird und von Todesfall zu Todesfall seiner Freunde als deren Überlebender sowohl einsamer als auch gleichmütiger gegenüber dem eigenen Abgang wird.

     

    Aber nicht Flaubert, sondern der 1864 im Nordburgund geborene, 1910 in Paris gestorbene Schriftsteller & Diarist Jules Renard dient Julian Barnes als Hermes auf seiner weitläufigen literarischen Beschwörung des „unentdeckten Lands, von des Bezirk / kein Wandrer wiederkehrt“ (Hamlet). Jules Renard war ein mit familiären Todesfällen vielfach erfahrener & ebenso bissiger wie witziger Autor, dessen verwahrlostes Grab sein englischer Bewunderer sogar aufsucht & sich dabei auch Gedanken macht über dessen (& seine eigenen) „letzte Leser“, mit denen ja wohl der Nachruhm, die postume Fortexistenz verlöscht - ein schon Jean Paul beunruhigender Gedanke.

     

    Obwohl Julian Barnes seinen autobiografisch fundierten und motivierten Großessay über Tod & Sterben, Religion & Agnostizismus über alle Ufer ins Redundante hat treten lassen und deshalb versucht hat, die von ihm angeschwemmten anekdotischen Stoffmassen durch wiederholte Zwischenresümees einigermaßen zu stauen, wird man als Leser-Freund des vielwissenden Autors im Schwemmland seines Essaydeltas „Nicht, was man fürchten müsste“ gerne mit ihm einen Teil der Zeit verbringen, „die einem auf Erden gegeben war“ (Brecht).

     

    Einer der tiefgründigsten und erheiternsten Sottisen Julian Barnes´ soll zum Schluss zitiert sein: “Der Furor eines wiederauferstandenen Atheisten wäre wahrlich sehenswert!“ Weiß Gott!


    Flattr this

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter