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Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch

14.06.2010

Letzte Lieder auf dem Weg zum Lebensabendhaus

Im vergangenen Jahr wurde völlig überraschend das Typoskript eines bisher unbekannten Werkes des Schweizer Autors Max Frisch gefunden. WOLFRAM SCHÜTTE über die nun veröffentlichten Fragmente eines dritten „Tagebuchs“.

 

Die zwei Tagebücher (von 1946/49 und 1966/71) und das ihnen verwandte Montauk (1975) sind vielleicht die originellsten Beiträge Max Frischs zur Literaturgeschichte. Mit & in ihnen hatte der Schweizer Dramatiker und Erzähler sich eine ästhetische Form erfunden, die seinen spezifischen literarischen & intellektuell-moralischen Talenten am besten entsprach. Hier konnte der Erzähler & Beobachter in Selbstbefragungen & -offenbarungen seinen Passionen & Obsessionen öffentlich nachgehen.

 

Mit dem klassischen Genre gleichen Namens hatten Frischs Tagebücher wenig zu tun; denn sie waren – so persönlich sie teilweise schienen – nicht chronologische Auszüge aus dem Logbuch des Lebens, das der Autor in den angegebenen Zeiten geführt hatte, sondern Sammlungen von Gedanken, Erfahrungen und Phantasien, die ihn als Zeitgenosse immer wieder bewegt & beschäftigt hatten.

 

Die Chronologie hat Frisch in seinen Tagebüchern weitgehend getilgt zugunsten einer dialektisch-mobilen Komposition von Fragmenten, Statements, Fragen, Momentaufnahmen, welche sowohl seine geistige Physiognomie als auch  moralisch-intellektuelle Erregungen des Autors dokumentierte. Der Leser war, wenn nicht gar als Gesprächspartner gedacht & angesprochen, so doch zumindest als skeptischer Widerpart des Autors von diesem einkalkuliert worden. Die Tagebücher sind der kommunikativste Teil des Oeuvres von Max Frisch.

 

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Max-Frisch-Stiftung, wenn auch nicht einstimmig, sich entschlossen hat, die „Entwürfe zu einem dritten Tagebuch“ neunzehn Jahre nach des Autors Tod zu publizieren. Sie fanden sich nicht in Frischs persönlichem Nachlass, sondern waren als Kopie seiner langjährigen Sekretärin erst im vergangenen Jahr bemerkt worden.

 

Der Autor hatte an den 184 Seiten, welche seine langjährige Sekretärin aus Frischs Tonbanddiktaten verfertigt hatte, von Frühjahr bis November 1982 unter dem Titel „Tagebuch 3“ gearbeitet und das Konvolut mit der Widmung „Für Alice“ versehen – jene 32 Jahre jüngere späte amerikanische Geliebte, die unter dem Namen „Lynn“ im 1975 publizierten Montauk im Zentrum stand.

 

Vermutlich hat Frisch aber das Projekt einer Publikation endgültig verworfen, nachdem die prekäre Liebesbeziehung mit „Lynn/Alice“ Ende 1983 irreparabel beendet wurde. Jedoch sind diese Notate – nach den 1979 und 1981 veröffentlichten Erzählungen Der Mensch erscheint im Holozän und Blaubart – die letzten weitgehend ausgearbeiteten und zur Publikation vorgesehenen literarischen Arbeiten des damals einundsiebzigjährigen Autors. In ihnen klagt der Autor darüber, dass er nur noch „Sätze (schüttelt), wie man eine kaputte Uhr schüttelt“ und bemerkt, dass ihn „jeder Satz, den ich geschrieben habe, (langweilt), es hilft auch nichts, (...) dass ich Wörter gegen Wörter (tausche)“ – wie er es jetzt beim Zusammenstellen und stilistischen Feilen seines „Dritten Tagebuchs“ tut.

 

Wenn man bedenkt, dass Frisch, der sein ganze Leben lang ein penibler, täglicher Schreiber gewesen war, ab diesem Zeitpunkt noch rund 9 Jahre lang mit der Erfahrung des literarischen Scheiterns und des physischen Versagens konfrontiert war, wächst diesen Fragmenten eines aufgegebenen Projekts – das unverkennbar auf vielerlei Art den Charakter eines endgültigen Resümees besitzt – eine tragische Würde und Größe zu, die einem als Leser die schmerzliche Lebens-Situation eines Schriftstellers vor Augen führt, der mit Alter, Impotenz, Tod & Verzweiflung konfrontiert ist und versucht, sich dabei zu beobachten.

 

´Wie dieses Amerika mich ankotzt!´

Allein schon dieser autobiografische Aspekt – von dem man nicht weiß, ob Frisch den egozentrischen Mut gehabt hätte, ihn zu seinen Lebzeiten sichtbar zu machen – rechtfertigt jedoch die postume Publikation der Fragmente: als Ecce-Homo-Zeugnis eines erfolgreichen  Schriftstellers an seinem Schaffens- & Lebensabend.

 

Mit dem Einsatz der Notate, die sich hier (wie in den zwei früheren Tagebüchern) um mehrere, wiederkehrende Themen kristallisieren, schlägt Max Frisch als „Alteuropäer“ sein Verhältnis zu den USA an – speziell nun, da er in New York ein Loft gekauft hat, wo er mit der soviel jüngeren amerikanischen Geliebten lebt, aber auch gleichzeitig Ronald Reagan Präsident ist und in der Presse ernsthaft über die Möglichkeit eines Atomkriegs gegen die UdSSR gesprochen wird. Nach über drei Jahrzehnten, in denen der Schweizer „New York als Herausforderung“ immer wieder willkommen gehießen hatte, sitzt der Loft-Eigner auf der eisernen Feuertreppe im fünften Stock und kann sich nicht verhehlen: „Wie dieses Amerika mich ankotzt!“

 

Was ihm sowohl im persönlichen Umgang mit amerikanischen Intellektuellen als auch beim Nachdenken über die Politik der USA auffällt, ist das von keinem Selbstzweifel oder von Kritik beeinflusste Selbstbewusstsein eines hohen Richters sowohl wie der Reagan-Regierung: immer haben sie alles richtig gemacht mit ihrem „Know how“ & mit ihrer „Power“; und die Welt – ob die verbündeten Europäer oder die Russen als Feinde – sollten sich gefälligst nach der Überlegenheit der Supermacht richten.

 

Die Angst vor einem alles vernichtenden Atomkrieg, dessen erstes Opfer Europa sein würde (wie ihm versichert wird), teilte Frisch damals mit vielen in Europa. Er sammelt Indizien für die Bedrohung, indem er die amerikanische Mentalität aus Partybegegnungen und öffentlichen Äußerungen notiert & kommentiert. Und nachdem ich dieser Tage eine BBC-Dokumentation über ein fingiertes Nato-Manöver 1982 gesehen habe, das in einem Atomkrieg terminieren sollte, während die UdSSR nicht wusste, ob es bloß ein militärisches Planspiel oder der als Planspiel camouflierte realer Angriff auf sie sein würde: – erscheinen Frischs Ängste und Bedenken im Hinblick auf die naive Borniertheit der Amerikaner im Kalten Krieg völlig zutreffend zu sein, so fern uns auch heute dieses mögliche apokalyptische Szenario gerückt scheint.

 

Kollektiver- und Freundes-Tod

Das Thema kollektiver Auslöschung der Menschheit, das den jungen Max Frisch ja bereits in seinem Theaterstück Die chinesische Mauer (1946) beunruhigt hatte, kehrt im Dritten Tagebuch aber auch auf individueller Ebene wieder. Der enge persönliche und politische Freund Peter Noll stirbt innerhalb des Jahres seinen angekündigten Krebstod; Frisch unternimmt mit ihm noch eine prekäre Ägypten-Reise nach Karnak  & ins Tal der Könige, von welcher die beiden mit einem Privatjet nach Zürich zurückgeholt werden; und der Agnostiker Frisch wird auf Nolls Wunsch die Totenrede im Zürcher Großmünster auf den protestantischen Freund halten.

 

„Im Gegensatz zu Peter kenne ich meine Todesursache noch nicht - was nicht heißt, dass ich mehr Zeit habe als er. Zeit wofür? Ich mähe den Rasen“. In Eintragungen wie dieser trifft Vanitas auf Stoizismus, und es entsteht eine Spur ironischer Komik, welche die Bitterkeit, die in der rhetorischen Frage „Zeit wofür?“ (nämlich für Nichts) ausgesprochen wird, durch die ebenso banale wie sinnhafte Tätigkeit des Rasenmähens entgiftet.

 

Neben seiner Empörung über den Libanonkrieg der Israelis & deren Förderung des Massakers der libanesischen Falangisten im palästinensischen Flüchtlingslager Shatilah richten sich jedoch die meisten Notate auf die eigene existenzielle Situation des alten Mannes, der eine junge Frau liebt, deren „Daddy“ er sein könnte und die als Amerikanerin mit ihm und seiner erlebten & geistigen Welt wenig gemein hat. Oft ist er allein, nie aber - behauptet er - einsam, wenn auch die Zahl der Freunde unter den Toten größer ist als unter den Lebenden: ob er sich im Tessin aufhält, wo er in Berzona ein Steinhaus besitzt, in der Zürcher Wohnung oder dem Loft in New York lebt. Manche fänden es „beneidenswert und schick“, dass der erfolgreiche Schriftsteller mehrere Wohnungen hat, er selbst aber „erlebt es als Zeichen eines verfehlten Lebenslaufes“, der ziellos bis ins Alter bleibt.

 

Umso anrührender, wie der alte Max Frisch Stück um Stück, inspiriert von den Datschen in Tschechowscher Dramen und von Landschaftsbildern einer Neuenglandreise sich ein „Lebensabendhaus“ zurechtphantasiert, in dem er als gastgebender Patriarch dem Treiben der jüngeren Freunde und Bekannten nachsichtig zusieht.

 

Gewiss haben diese literarischen Konzentrate nicht (mehr) die Breite & Vielfalt der früheren Tagebücher. Sie gleichen eher „Letzten Liedern“ (Richard Strauss), in denen der Autor den späten Lebensaugenblick wie auch sein erlöschendes Schriftstellerleben einmal noch, vorm endgültigen Schweigen, vor sich und vor seinen Lesern Revue passieren lässt. Vielleicht ist es auch der „ultimo momento“ für den Autor & sein Oeuvre im Bewusstsein einer Zeitgenossenschaft von Lesern, denen die Korrespondenzen und Bezüglichkeiten, welche diese literarischen Stücke in ihre Zeit & in des Autors Biografie verorten, noch mit wenig Nachhilfen bestimmen können. Wann, wenn nicht jetzt, machte diese postume Publikation letzter Worte Max Frischs noch Sinn?

 

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