Die zwei Tagebücher (von 1946/49 und 1966/71) und das ihnen verwandte Montauk (1975) sind vielleicht die originellsten Beiträge Max Frischs zur Literaturgeschichte. Mit & in ihnen hatte der Schweizer Dramatiker und Erzähler sich eine ästhetische Form erfunden, die seinen spezifischen literarischen & intellektuell-moralischen Talenten am besten entsprach. Hier konnte der Erzähler & Beobachter in Selbstbefragungen & -offenbarungen seinen Passionen & Obsessionen öffentlich nachgehen.
Mit dem klassischen Genre gleichen Namens hatten Frischs Tagebücher wenig zu tun; denn sie waren – so persönlich sie teilweise schienen – nicht chronologische Auszüge aus dem Logbuch des Lebens, das der Autor in den angegebenen Zeiten geführt hatte, sondern Sammlungen von Gedanken, Erfahrungen und Phantasien, die ihn als Zeitgenosse immer wieder bewegt & beschäftigt hatten.
Die Chronologie hat Frisch in seinen Tagebüchern weitgehend getilgt zugunsten einer dialektisch-mobilen Komposition von Fragmenten, Statements, Fragen, Momentaufnahmen, welche sowohl seine geistige Physiognomie als auch moralisch-intellektuelle Erregungen des Autors dokumentierte. Der Leser war, wenn nicht gar als Gesprächspartner gedacht & angesprochen, so doch zumindest als skeptischer Widerpart des Autors von diesem einkalkuliert worden. Die Tagebücher sind der kommunikativste Teil des Oeuvres von Max Frisch.
Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Max-Frisch-Stiftung, wenn auch nicht einstimmig, sich entschlossen hat, die „Entwürfe zu einem dritten Tagebuch“ neunzehn Jahre nach des Autors Tod zu publizieren. Sie fanden sich nicht in Frischs persönlichem Nachlass, sondern waren als Kopie seiner langjährigen Sekretärin erst im vergangenen Jahr bemerkt worden.
Der Autor hatte an den 184 Seiten, welche seine langjährige Sekretärin aus Frischs Tonbanddiktaten verfertigt hatte, von Frühjahr bis November 1982 unter dem Titel „Tagebuch 3“ gearbeitet und das Konvolut mit der Widmung „Für Alice“ versehen – jene 32 Jahre jüngere späte amerikanische Geliebte, die unter dem Namen „Lynn“ im 1975 publizierten Montauk im Zentrum stand.
Vermutlich hat Frisch aber das Projekt einer Publikation endgültig verworfen, nachdem die prekäre Liebesbeziehung mit „Lynn/Alice“ Ende 1983 irreparabel beendet wurde. Jedoch sind diese Notate – nach den 1979 und 1981 veröffentlichten Erzählungen Der Mensch erscheint im Holozän und Blaubart – die letzten weitgehend ausgearbeiteten und zur Publikation vorgesehenen literarischen Arbeiten des damals einundsiebzigjährigen Autors. In ihnen klagt der Autor darüber, dass er nur noch „Sätze (schüttelt), wie man eine kaputte Uhr schüttelt“ und bemerkt, dass ihn „jeder Satz, den ich geschrieben habe, (langweilt), es hilft auch nichts, (...) dass ich Wörter gegen Wörter (tausche)“ – wie er es jetzt beim Zusammenstellen und stilistischen Feilen seines „Dritten Tagebuchs“ tut.
Wenn man bedenkt, dass Frisch, der sein ganze Leben lang ein penibler, täglicher Schreiber gewesen war, ab diesem Zeitpunkt noch rund 9 Jahre lang mit der Erfahrung des literarischen Scheiterns und des physischen Versagens konfrontiert war, wächst diesen Fragmenten eines aufgegebenen Projekts – das unverkennbar auf vielerlei Art den Charakter eines endgültigen Resümees besitzt – eine tragische Würde und Größe zu, die einem als Leser die schmerzliche Lebens-Situation eines Schriftstellers vor Augen führt, der mit Alter, Impotenz, Tod & Verzweiflung konfrontiert ist und versucht, sich dabei zu beobachten.