TITEL kulturmagazin
Samstag, 25. März 2017 | 22:46

 

Haruki Murakami: Nach dem Beben

12.03.2004

 

Dosenbiertrinker trifft Erdbebenmann

In sechs Erzählungen umkreist Murakami in scheinbar sicherer Entfernung das Erdbeben von Kobe.




 

Der Titel von Haruki Murakamis neuem Erzählungsband erscheint gewagt: "Nach dem Beben" ist in Japan immer auch vor dem nächsten Beben. Das Erdbeben als ständige Bedrohung gehört zum Alltag. Und so unterschiedlich wie es dann die Menschen erreicht oder beschäftigt, so verschieden wird es von Murakami in seinen Erzählungen thematisiert: mal wird das Leben der Figuren direkt beeinflusst, mal ist das Beben ein schemenhaftes Element. Nie aber gibt Murakami seinen Protagonisten oder Lesern eine Erklärung für das, was geschieht.

Keine Erklärung für das Geschehen
Warum wird der junge Hi-Fi-Fachverkäufer Komura von seiner Frau verlassen, nachdem diese fünf Tage unverwandt auf den heimischen Fernseher mit der Berichterstattung über das Erdbeben von Kobe gestarrt hat? Pathetisch gefragt: Welch inneres Beben wurde ausgelöst, dass sie plötzlich so sehr über die Leere im Zusammensein mit ihrem Mann erschüttert ist? Warum interessiert sich der Miyake keinen Deut für seine Angehörigen im Erdbebengebiet? Warum trifft sich die Studentin Junko aber gerne mit dem wesentlich älteren Sonderling in unregelmäßigen Abständen am Meeresstrand, wenn dieser wieder einmal ein großes Feuer aus Treibholz entfacht? Hilft der Umgang mit den magischen Elementen Holz, Feuer und Wasser die "Leere", von der auch in dieser Erzählung die Rede ist, zu überwinden, selbst wenn die Welt um uns herum in Trümmer fällt?

Das Erdbeben hat zwar eine zerstörerische Kraft, die Wirkung ist aber keineswegs eindeutig: Dem Kind erscheint im Alptraum der Erdbebenmann, den es fürchtet. Eine Frau sieht dagegen im Beben das hilfreiche Element der Rache - so wie man in unseren Kreisen jemandem im übertragenen Sinn die Pest an den Hals wünscht, so wünscht sie, ganz direkt allerdings, dem einst Geliebten den Tod im einstürzenden Haus.

Mythisch-rätselhafte Grundierung
Murakamis Erzählungen bevorzugen eine offene Form. Mal lassen sie den Leser zurück mit einer Geschichte, von der man meint, sie könnte den Impuls für einen weiterführenden Roman geben, mal wirken sie aufgrund der Skizzenhaftigkeit von Personen und Situationen zu wenig stringent, als dass man mehr wissen möchte.

Gemeinsam ist ihnen, mal verhalten, mal bestimmend, das Merkwürdig-Geisterhafte, das Mythische, das Rätselhafte - wie so oft bei Murakami - fast im Sinne einer novellenhaften "merkwürdigen Begebenheit". Was jedoch in einem längeren Roman entwickelt werden und somit atmosphärisch zum Tragen kommen kann, wirkt in den kurzen Erzählungen dann manchmal etwas verloren, weil aufgrund der Kürze der Texte nicht immer die nötige Tiefenschärfe erreicht wird. Ursächlich für diesen Eindruck können aber auch einfach nur kulturelle Differenzen, also das Unwissen über die genauen Hintergründe der Anspielungen, sein.

Faszinierend ist aber in jedem Fall, wie Murakami Urkräfte, kulturelle Riten und moderne Lebensweisen miteinander verbindet, wie der moderne, Dosenbier trinkende, Popmusik hörende und fast immer um die 30 Jahre alte Erdenbewohner auf der Suche nach Liebe den Erschütterungen des Lebens zu trotzen vermag.

Textauszug:

"Fünf Tage lang verbrachte sie ihre gesamte Zeit vor dem Fernseher, starrte stumm auf die Bilder von zerstörten Banken und Krankenhäusern, niedergebrannten Einkaufszentren und eingestürzten Schienen und Hochstraßen. Tief ins Sofa geschmiegt, die Lippen fest zusammengepresst, saß sie da und gab auch keine Antwort, wenn Komura sie ansprach. Sie reagierte nicht einmal mit einem Kopfschütteln oder Nicken, und er wusste nicht, ob seine Worte überhaupt bis zu ihr durchgedrungen waren."


Olaf Selg



Haruki Murakami: Nach dem Beben. Erzählungen. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont 2003. Gebunden. 187 Seiten. 19,90 Euro. ISBN 3-8321-7806-6

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

Zwischen Karikatur und Avantgarde

Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter