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Andreas Maier: Onkel J. Heimatkunde

31.05.2010

Heimatdichter mit und ohne Bart

Onkel J. Heimatkunde versammelt 23 Zeitschriftenkolumnen von Andreas Maier aus den letzten fünf Jahren. Ursprünglich in Volltext, der Zeitung für Literatur (Wien) erschienen, hat man in ihnen eine Art regelmäßiger Flaschenpost aus der hessischen Provinz vor sich. Der in Bad Nauheim geborene Maier vergewissert sich darin der eigenen Vergangenheit, will das schmale Bändchen aber auch als Brückenbuch von seinen ersten vier Romanen hin zu seinem nächsten und – wie er mehrmals betont – auch letzten großen Projekt verstanden wissen. Von DIETMAR JACOBSEN

 

Normalerweise kennt der Nichthesse die Wetterau nur von der gleichnamigen Raststätte an der Autobahn 5. Und weil ich, vom Gambacher Kreuz her kommend, schon zweimal auf Höhe Butzbach von der emsigen hessischen Polizei geblitzt worden bin, ist mein Verhältnis zu der Gegend zusätzlich gespannt. Aber das feine Licher Bier und die Romane des in Bad Nauheim geborenen Wetterauers Andreas Maier bringen die Gefühlslage dann doch wieder in ein ungefähres Gleichgewicht. Und dass Elvis einstmals in des Autors Geburtsort stationiert war und Chris de Burgh neulich dort erfolgreich konzertiert hat, wirft weitere positive Lichter auf diese provinzielle Welt.

 

Einstmals – neulich: ein Begriffspaar, das ganz wichtig ist, vertieft man sich in Maiers aktuelles Büchlein. Zwischen diesen beiden Wörtern sind sozusagen sämtliche 23 Texte angesiedelt, aus denen es besteht. Keinesfalls darf man dabei ein Gleichheitszeichen zwischen das eine und das andere setzen. Dann würde man Maiers Heimatbegriff nämlich nicht mehr verstehen. Und auch nicht seine Funktion als „Heimatdichter mit Bart“, als der er sich gern zu sehen scheint, auch wenn er inzwischen auf die altväterliche Gesichtszierde wieder verzichtet. Doch mit dem Wörtchen „neulich“ fangen alle im Onkel J. versammelten Kolumnen an. Und in ein Einstmals blicken sie zurück.      

 

Poetische Provinz zwischen ´neulich´ und ´einstmals´

Dabei spielt der im Buchtitel auftauchende Friedberger Onkel eine wichtige Rolle. Er ist der „Dorfschluri“. Einer, „der an Baustellen herumsteht und schaut“. Ein Teil der Landschaft also, mit einem bestimmten Geruch versehen – keinem unbedingt guten, wie der Leser gleich eingangs erfährt. Geburtsbehindert, waldfanatisch und hemmungslos dem Henninger-Bier ergeben. Ein Original und Außenseiter, dem Neffen einerseits zeitlebens verhasst und dennoch innerlich-geheimes Vorbild. Dem er immer ähnlicher wird, weil sich in ihm für Andreas Maier das Unverbogene verkörpert, alles Echte einer Wetterau, die bald nur noch eine einzige große Umgehungsstraße sein wird, wie der Nachfahre fürchtet.

 

Von der Figur des Onkels aus jedenfalls wird erzählt. Er ist der geheime Bezugspunkt aller versammelten Texte. Ihn im Rücken kann Andreas Maier ausschweifen. Erst in die Nähe, etwa zur Frankfurter Eintracht, Maiers Fußballklub, auf den Friedberger Friedhof ans Familiengrab, ins Forsthaus Winterstein – bitte nicht verwechseln mit dem Jagdhaus Ossenheim! – oder in die Justizvollzugsanstalt Butzbach, wo der Autor länger liest als je zuvor und Gestalten begegnet, die seinem letzten großen Roman entsprungen sein könnten. Aber auch bis nach Berlin treibt es den mit allen Fasern an der Heimat Hängenden und sich schon in der nahen Mainmetropole als Migrant Fühlenden. Und aus dem Wendland bringt er die feste Überzeugung mit, dass dort, wo Landesgartenschauen und Ortsumgehungsstraßen zunehmend Raum einnehmen, Heimat tot ist und Widerstand gegen den „Verschönerungs- und Umgehungsirrsinn“ zwecklos.

 

Wer Maiers Weg als Schriftsteller im letzten Jahrzehnt lesend verfolgt hat, wird auf Erhellendes zu den bisher vorliegenden vier Romanen in den kleinen Prosaskizzen stoßen. An vielen Stellen wird er sich erinnert fühlen an das wunderbare, gemeinsam mit Christine Büchner geschriebene Bullau (2006), das den bedrohten Details von Heimat ein Denkmal setzt mittels (be-)sinnlicher Gänge durch die Natur. Skandälchen wie das um die Potsdamer Stadtschreiberschaft blitzen noch einmal auf und Menschen, denen sich der Autor verbunden fühlt und die in seinem Werk und seinem Weltverständnis Spuren hinterlassen haben, werden liebevoll porträtiert.

 

´Dorfschlur` als Vorbildfigur

Nach dem nicht ganz so leicht zugänglichen Roman Sanssouci (2009) sind die Texte von Onkel J. über Gott und die Welt und die Wetterau aber auch kleine Kabinettstückchen für Maier-Novizen. Schnell erschließen sie sich dem Verständnis und reizen ihre Leser zum Sich-gegenseitig-Vorlesen. Der Autor selbst hat diese Erfahrung bereits gemacht, wenn er bekennt, dass er bei öffentlichen Auftritten immer häufiger statt in die Roman- in die Kolumnenkiste greift. Bei allem Witz, bei aller Hintersinnigkeit – bei aller Melancholie zumal – hat man mit Onkel J. aber auch ein Buch des Übergangs vor sich. Das nächste soll nach Andreas Maiers eigenem Bekunden ein „Heimatroman“ werden. Und weil Heimat, so wie der Autor sie verstanden wissen will, in uns ohne Ende ist, erscheint es nur folgerichtig, dass er darin auch sein letztes Projekt erblickt.

 

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