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    Montag, 29. Mai 2017 | 22:53

    Michael Greenberg: Betteln, borgen, stehlen

    17.05.2010

    Von der Hand in den Mund

    Michael Greenberg, der Sohn eines Schrotthändlers aus Brooklyn, wollte nie etwas anderes sein als Schriftsteller. In seinen gesammelten Kolumnen erzählt er Kurioses und Alltägliches aus seinem Leben in New York. Von ANDREAS MARTIN WIDMANN

     

    Der gebürtige New Yorker Michael Greenberg, der seit einigen Jahren für das britische Times Literary Supplement als Kolumnist tätig ist und durch ein Buch über den manischen Zusammenbruch seiner Tochter bekannt geworden ist, hat jenen für Schriftsteller vielleicht idealen Zustand erreicht, in dem sich sein Schreiben nur noch aus dem eigenen Leben speisen kann und genau dafür von den Lesern geschätzt wird. Die lange, harte Straße, die ihn dahin brachte, ist nun sein Material und Kapital geworden, genauso wie die Stadt, aus der er kommt, und seine privaten Erlebnisse mit Freunden und Kindern. Je nach Bedarf kann er sich aus einem dieser Vorräte für seine Texte bedienen. Darin liegt so etwas wie eine poetische Gerechtigkeit, könnte man meinen. Der Held dieser Episoden wird dafür belohnt, dass er jahrzehntelang alles Mögliche tun musste, anstatt zu schreiben, indem er nun Geld damit verdient, über diese Erfahrung zu schreiben.

     

    Pittoreske Armut

    Greenberg, der Sohn eines jüdischen Schrotthändlers aus Brooklyn, war Parfümverkäufer unter Hochbahngleisen, Kellner auf allen Ebenen des gastronomischen Systems vom Nobelrestaurant bis zur Imbissbude, Dolmetscher bei Gerichtsverhandlungen, Drehbuchautor für zweifelhafte Produktionen und was sonst nicht noch alles, er lebte auch dann noch von der Hand in den Mund, als er bereits mehrfacher Familienvater war.

     

    „Das war 1978. Ich verdiente meinen Lebensunterhalt, indem ich mit einem bezahlten Helfer in einem gebrauchten Kleinlaster Möbel transportierte. Zwischen den Aufträgen kümmerte ich mich um meinen zweijährigen Sohn und arbeitete an meinem Roman“, so lautet die Erinnerung an eine typische Situation, in der Greenberg zu allem Überfluss noch sein Erspartes an der Börse verlor. Da er die harten Zeiten hinter sich gelassen hat, hat er die Möglichkeit, sie nachträglich zu verklären, indem er ihre komischen Momente beschreibt.

     

    Auf diese Weise entsteht so etwas wie die Woody-Allen-Version einer Schriftstellerexistenz, in der die heruntergekommenen Ateliers zwar von skurrilen Gestalten bevölkert sind, aber vom Schimmel befreit, in der die Kriminalität und die Ratten nicht wirklich bedrohlich sind und der Müll nicht mehr stinkt. Ein pittoreskes Bild der Armut wie das Foto auf dem Buchdeckel, mit dem sich das Publikum einverstanden erklären kann. Greenberg ist daraus kein Vorwurf zu machen, denn die Form, die er gewählt hat, beherrscht er, und eine Kolumne beansprucht nicht, sozialaufklärerisch und knallhart die Realität offenzulegen. Sie will auf intelligente Weise unterhalten, und genau das tun Greenbergs stilistisch angenehme Texte.

     

    Pittoreske Idyllen

    Was aber wären diese gesammelten Prosastücke ohne die entbehrungsreichen Jahre, mit denen der Titel des Bandes die Leser lockt? Die Beiträge, in denen New York im Mittelpunkt steht, wie der über den städtischen Armenfriedhof auf Hart Island, blieben lesenswert, auch die Erinnerungen an Begegnungen in der U-Bahn, nur die Familienszenen aus der Gegenwart stünden plötzlich voraussetzungslos da und ziehen eigentlich auch so nicht recht. Diesen kleinen Idyllen, wie die zwei Wochen, die Greenberg allein mit seinem vierjährigen Sohn verbringt, fehlt der existentielle Abgrund.

     

    „Ich erinnere mich an die Herablassung, die ich manchmal Eltern mittleren Alters gegenüber empfand. Die mussten innehalten und sich auf Parkbänken ausruhen, während ich mit meinem Sohn herumtollte, bis er zu erschöpft war, um weiterzumachen; dann trug ich ihn demonstrativ auf den Schultern nach Hause. Jetzt bin ich einer von diesen entkräfteten Vätern und ringe, die Hände auf den Knien, nach Atem.“

     

    Hier ähneln die Probleme, mit denen man fertig zu werden hat, eher denen in der Cosby-Show. In der Logik des Entwurfs von seinem Leben, den Greenberg vor dem Auge des Lesers aufgebaut hat, liegt es, dass man dieser Figur nur so lange zusehen möchte, wie sie kämpft, und sich abwendet, sobald sie es geschafft hat.

     

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