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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 11:55

    Orhan Pamuk: Der Koffer meines Vaters

    10.05.2010

    Ameise im Elfenbeinturm

    Was diesen Band vor allem lesenswert macht, ist das (Selbst-)Bild eines aufrichtigen Menschen, das bei der Lektüre entsteht. INGO AREND über Orhan Pamuks Aufsatzsammlung "Der Koffer meines Vaters".

     

    Wie interessant kann das Leben eines Autors sein, der nichts mehr liebt, als „in einem Zimmer allein zu sein und meine Phantasie spielen zu lassen“? Orhan Pamuk, der 1952 geborene Literaturnobelpreisträger aus Istanbul ist ein leidenschaftlicher Verteidiger des Elfenbeinturms. In seiner Rede zur Verleihung der höchsten literarischen Auszeichnung stellte er sich 2006 in Stockholm ausdrücklich in die Tradition Montaignes und der Autoren, die „sich von ihrer Gemeinschaft lösen und sich allein in ihre Kammer setzen“. Insofern fragt man sich, was seinen deutschen Verlag bewogen hat, sein neues Buch mit einem der abgegriffensten Stereotypen aus dem Arsenal des Homestory-Journalismus zu untertiteln: Aus dem Leben eines Schriftstellers. Denn was gäbe es über einen Stubenhocker schon aufregendes mitzuteilen?

     

    Wer auf intime Bekenntnisse hofft oder sich aus der Schlüssellochperspektive Aufschlüsse über das Phänomen Orhan Pamuk verspricht, den dürfte die Lektüre der Aufsatzsammlung Der Koffer meines Vaters enttäuschen. Denn Erfahrungen wie die, dass der kleine Orhan schwere Schuldgefühle hatte, weil er onanierte; dass er „fast verwachsen“ mit seiner Uhr ist, wie er einmal der Zeitung Cumhuriyet anvertraute und sich manchmal nach der Zeit als Raucher zurücksehnt, weil er sich da „unsterblich vorkam“, dürfte ihn von gewöhnlichen, nicht schreibenden Sterblichen kaum unterscheiden. Auch die von Pamuk selbst mit Zeichnungen illustrierten Miniaturen, in denen er über den Tod einer Möwe sinniert oder ihn die kindliche Naivität seiner Tochter Rüya am Strand oder zu Hause anrührt, sind liebenswerte poetische Miniaturen, mehr als Schreibübungen sind sie aber nicht.

     

    Den biografischen Antrieben des Orhan Pamuk kommt man noch am ehesten in dem titelgebenden Aufsatz auf die Spur. Denn der Koffer ist nicht bloß Metapher. Zwei Jahre vor seinem Tod übergab Pamuks Vater seinem Sohn dieses abgeschabte schwarze Behältnis. Darin befanden sich die Aufzeichnungen, die der verhinderte Dichter immer dann notierte, wenn er vor seiner Familie in Istanbul nach Paris floh und sich als Bohemien versuchte. Letztendlich konnte sich der lebenslustige Mann nicht durchringen, Schriftstellers zu werden. Doch das Bild des Vaters, der vor seiner Bücherwand gedankenverloren auf dem Sofa lag und von diesem anderen Leben als Künstler träumte, hat sich tief ins Gedächtnis des jungen Orhan eingeprägt, der dieses Ziel ungleich konsequenter verfolgte. Dass Pamuk seine Rede zur Verleihung des Literaturnobelpreises 2006 „Der Koffer meines Vaters“ nannte, ist der späte Dank an einen Mann, der diesen Tag nicht mehr erlebte.

     

    Ein Star wider Willen

    Ansonsten komplettiert diese Anthologie ein reiches Œuvre um das, was sonst verstreut geblieben wäre. Nichts, was man in diesem Band von Orhan Pamuk nachlesen kann, ist wirklich neu. Die meisten Texte, wie der über die Porträtkunst Gentile Bellinis, der einst Mehmet den Eroberer porträtierte, sind schon vor Jahren in deutschen und türkischen Zeitschriften erschienen. Wer sie nachliest, wird mehr als einmal daran erinnert, dass dieser Schriftsteller aus Kleinasien den Kanon der westlichen Literatur besser kennt als mancher „echte“ Europäer: Ob er über Tristam Shandys „Logik des Abschweifens“ sinniert oder in der Wut von Thomas Bernhards Protagonisten eine Möglichkeit erkennt, sich vor den Zumutungen des Lebens zu schützen. Und sie zeigen einen Mann, der im eigenen Land oft genug als Verräter an der nationalen Sache geschmäht wurde, im Zwiespalt zwischen West und Ost. Als Kind beeindruckte ihn das Erlebnis eines amerikanischen Paares in der Nachbarschaft, die „ihr Glück und ihre Intimität so freizügig zur Schau“ stellten. Als er als junger Mann in der New Yorker Columbia Universität seinen Roman Das Schwarze Buch schreibt, überfällt ihn die „Bewunderung für muslimische Kultur der Vergangenheit“. Kein Wunder, dass das Wort „Wehmut“ so häufig auftaucht in diesem Buch.

     

    Was den Band aber vor allem lesenswert macht, ist das (Selbst-)Bild eines aufrichtigen Menschen. Der in aller Welt gefeierte Pamuk verklärt sich nicht selbst: „Dass ich mit zunehmendem Alter immer einsamer und mit zunehmender Einsamkeit immer berühmter werde, lässt mich manchmal erschauern“, schreibt er ungewohnt offenherzig. Und Politik sieht der Bewunderer von Borges und Calvino als „traurigen Unfall“, von der er sich am liebsten fernhält. Doch wenn er sich dann einmal einen politischen Essay abringt, kommt er darin so exakt auf den Punkt, dass man ihn sofort in die Ahnenreihe der Intellektuellen seit Julien Benda einreihen würde. Wenn Orhan Pamuk so etwas wie ein intellektueller Held oder literarischer Star ist, dann sicher einer wider Willen.

     

    Zwischen Tradition und Moderne

    Mit derselben Aufrichtigkeit schildert er seine Arbeitsweise. Wo andere gern ihre Quellen und Methoden verschleiern, um den magischen Moment eines Werks zu wahren, stellt Pamuk auf fast provozierende Weise einen typischen Zwiespalt aus. Als er für seinen Roman Schnee viele Jahre in der nordtürkischen Stadt Kars recherchierte, ließ er die Leute in dem Glauben, eine Reportage für eine Istanbuler Zeitung zu schreiben. Bereitwillig erzählten sie ihm alles über ihre Probleme in der kleinen Provinzstadt. „Schreib das … schreib auch meinen Namen. Schreib!“, sagen ihm alle, mit denen er sich lange und geduldig unterhält. Auch wenn er sich hinterher „wie ein Verräter“ fühlt: Am Ende erzählte er die Geschichte dann doch nur so, „wie ich sie mir ausgedacht habe“. Schriftsteller sind eben auch nur Egoisten.

     

    Pamuks Zerrissenheit zwischen Tradition und Moderne spiegelt sich auch in seiner Arbeitsweise. Einerseits frönt er einem fast romantischen Literatur-Ideal: „Bei dem Wort Schreiben fallen mir nicht zuerst Romane, Gedichte und literarische Traditionen ein, sondern vielmehr der Mensch, der sich allein an einen Tisch setzt, in sich hineinhorcht und mit Worten eine neue Welt erschafft“, schreibt er in einem Aufsatz. Manchmal kommt es ihm sogar so vor, als hätte ihm „eine fremde Kraft“ seine Ideen und Bücher „großzügig zu Füßen gelegt“. Wenn er deren alltägliche Praxis beschreibt, klingt das wie das Bekenntnis zu einer denkbar unromantischen Produktionsästhetik. „Ein Romancier“, berichtet da ein Leidgeprüfter, „beeindruckt uns nicht durch seine dämonische und romantische Vision, sondern durch seine Geduld.“ So wie er diesen „Schreiber“, der „wie ein Angestellter“ arbeitet, mit einem klitzekleinen Insekt vergleicht, das „geduldig lange Strecken zurücklegt, ganz langsam“, hätte man dieses melancholische Mosaik eines Autorenlebens vielleicht besser „Aus dem Leben einer Ameise“ genannt.

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