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Klaus Modick: Krumme Touren

26.04.2010

Beatlesplatten und Rhabarber

Mit ehrfurchtgebietender Zuverlässigkeit legt Klaus Modick im betriebsüblichen Rhythmus von durchschnittlich zwei Jahren einen neuen Roman vor, zuletzt 2008, Die Schatten der Ideen, dazu kommen regelmäßig Übersetzungen englischsprachiger Bücher. Neben diesen Haupttätigkeitsbereichen entsteht das, was man Brot- oder Gelegenheitsarbeiten nennt, zu denen unter anderem Erzählungen zählen. THOMAS SCHAEFER hat den neuesten Geschichtenband gelesen.

 

Klaus Modick ist ein Romancier, das muss man im Hinterkopf haben, wenn man seine Sammlung zur Kenntnis nimmt, die, wie der Verlag mitteilt, „teilweise unveröffentlichte Erzählungen, die in über 20 Jahren Schriftstellerdasein entstanden sind“, enthält. Zudem hat man Modicks schriftstellerisches Selbstverständnis zu bedenken, das nicht im Anspruch sogenannter Kunstliteratur besteht, sondern darin, für ein Publikum zu schreiben, „das nicht gewillt ist, sich langweilen zu lassen“, wie Walter Hinck in der FAZ feststellte.

 

Beides hilft, Modick auf seinen „krummen Touren“ mit angemessenen Schritten folgen zu können. Denn einige der 19 Geschichten können nicht verhehlen, dass wir es mit Handwerksstücken zu tun haben, die für den Tag geschrieben wurden. Im Allgemeinen erweist sich der 1951 in Oldenburg geborene Autor als versierter Routinier, der es versteht, Spannung aufzubauen, Pointen zu setzen, mit ein paar Strichen Figuren, Milieus, Orte und Stimmungen zu zeichnen.

 

Etliche Texte sind autobiografisch grundiert, manche klingen „wie ein kleines Abenteuer aus den großen Sommern meiner Kindertage“. Da geht es um Kindheit und Jugend in Norddeutschland, die Leiden und Segnungen der Pubertät, an deren heroische Akte – etwa den Kauf des Weißen Albums der Beatles – sich der Erzähler wohlig erinnert. Akte der Revolte in den frühen 70ern in einem provinziellen Umfeld, das kaum revoltenferner zu denken ist – was auch auf die renitenten Jugendlichen am Jadebusen abfärbt, verspeist man doch beispielsweise nach dem Rockkonzert im Dangaster Kurhaus inklusive notorischen Drogenkonsums mit Hingabe ein Stück Rhabarberkuchen.

 

Es sind solche kleinen Bilder, in denen sich Modicks Kunstfertigkeit niederschlägt: die Präzision des sich erinnernden oder beobachtenden Blicks, die (selbst-)ironische Zuspitzung, die den Autor vor dem Abgleiten ins Klischee oder gar den Kitsch schützt. Nicht immer, denn gelegentlich neigt Modick dazu, es sich ein bisschen zu einfach zu machen, zum Beispiel, indem die Pointe jener Geschichte, in der ein deutscher Germanist in Japan in arge Bedrängnis gerät, durch die bekannten Problemen der Japaner mit der Artikulation der deutschen Sprache motiviert wird: „Herr Reimann?, fragte der Japaner und machte einen weiteren Bückling. Es hatte wie Hell Leimann geklungen.“ Oder wenn solch ungeschickte Sätze auf dem Papier stehen bleiben: „Mit vor Erschütterung bebender Stimme ging er davon aus, dass ich heute bereits den Kulturteil der Zeitung gelesen hätte.“

 

Ein schlauer Fuchs, der unterhält

In der Regel aber präsentiert sich Modick als schlauer Fuchs, der potenziellen Kritikern den Wind aus den Segeln nimmt, indem er ostentativ mit Formaten der Kolportageliteratur spielt. Dem verdanken wir auch einige seine schönsten Romane: In Der Mann im Mast war 1997 eine alte Schauerballade der Dreh- und Angelpunkt einer turbulenten Geschichte, in Der kretische Gast adaptierte Modick 2003 bewusst den Gestus der Romane Karl Mays. Daran erinnert die längste und gelungenste Geschichte der Krummen Touren: In „Die Toten vom Watt“ zieht Klaus Modick alle Register seiner Fähigkeiten. Ein sehr modernes Ehepaar entdeckt an der Küste ein hinter dornröschenhaft verwucherten Hecken verborgenes altes Haus, das ein ideales Wochenendheim abgäbe, ginge es dort nicht mit unrechten Dingen zu. Ein unangenehmer Salpetergeruch hängt in der Luft, nachts leuchtet es über dem Giebel phosporeszierend und zu allem Überfluss spukt ein unheimlicher Kerl über das Grundstück.

 

Wie in einer Storm-Novelle klärt sich die Geschichte des finsteren Anwesens in einer angemessenen Rahmenhandlung auf, indem in einem natürlich sturmumtosten Gasthaus hinter dem Deich ein alter Mann zu erzählen anhebt: „Er wolle uns gern erklären, was es mit dem Haus auf sich habe. Aber das sei eine lange und alte Geschichte, und er wisse nicht, ob ...“ Vielleicht weiß er nicht, ob der Märchenton alter Geschichten heute noch trägt, ob man all die tradierten Ingredienzien klassischer Gruselgeschichten heute in einen funktionierenden Text einbauen kann, ohne dass das Produkt auf peinliche Weise anachronistisch wirken würde. Denn der junge Mensch von heute, so meint zumindest der Alte, „kennt keine Geschichten mehr“. Klaus Modick aber kennt sie noch und zaubert hier einen stimmigen Text aufs Papier, in einer Weise, dass man als Leser nicht nur nicht gewillt ist, sich langweilen zu lassen, sondern dazu auch gar nicht in der Lage wäre.

 

Ein Text wie dieser entschädigt für andere, in denen die Erzählmaschine all zu flott vor sich hin schnurrt. Es ist eine aufrichtige Literatur, ihre Absicht zu unterhalten ist offensichtlich, und diesen Anspruch hält sie ein – ganz ohne krumme Touren.

 

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