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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 06:06

    Bernhard Strobel: Nichts, nichts

    19.04.2010

    Vieles, vieles

    Ein junger Österreicher erzählt von Alter, Tod und Außenseitertum. Ein schwärmender CHRISTOPH POLLMANN ließ sich von Bernhard Strobels Erzählungen „aus der vermeintlichen Echtheit in wahre Dichtung“ schleudern.

     

    Lang sind sie alle nicht, die neun Erzählungen des zweiten Erzählbandes von Bernhard Strobel. Und dicht sind sie oft erst auf den zweiten Blick. Denn Bernhard Strobel erzählt in Nichts, nichts – wie der Titel dies auch doppelt betont – vom Vorübergehen, erzählt von Zwischenmomenten der menschlichen Existenz, die sich oft erst später als zentral dramatisch erweisen. Seine Erzählweise ist eine Absage an den großen Knalleffekt, der alles verändert, eine Absage an die Überblendung mit dem Schock, der klaren Traumatisierung. Strobel interessiert eher das Schleichende des Unglücks oder der Angang einer seelischen Wende – Anbahnung nicht Vollstreckung ist seine Arbeitsweise.

     

    Fünf bis fünfzehn Seiten lang sind sie allesamt. Das ergibt am Ende kein wirklich dickes Buch – aber wozu auch? Strobel weiß einfach wirtschaftlich zu schreiben. Davon kann – und sollte! – sich auch jeder überzeugen. Und Strobel weiß auch, den Zoom auf sein Personeninventar richtig einzustellen, den genauen Abstand zu bemessen, mit dem er sie stilistisch behandelt und mit dem er sie auch scheitern lässt. Aber, was heißt schon „scheitern“? Seine Figuren sind immer auch sein Stoff – und der soll ja gelingen. Im Gespräch mit ihm zeichnete sich ein Lächeln ins Gesicht und sein Kopf begann zu nicken, als ich kurzerhand erklärte: Seine Tonlage sei letztendlich der Held von Nichts, nichts. Mir war dabei etwas mulmig zumute, doch er fühlte sich verstanden. Die thematische Bindung sei eben offensichtlich, lege ich nach, aber da gebe es eben noch diese andere Verfugungsmasse: der Stil.

     

    Erwachsen, nicht verwachsen

    Auf die Frage nach der Wahl seiner Personen reagierte er matt, obzwar dies für den aufmerksamen Rezensenten natürlich ein Aspekt ist, der sofort ins Auge sticht. Aber das Offensichtliche sei eben das Langweilige, sagte er, diese Wahl sei letztlich ein völlig unbewusster Prozess. Man könne in der Analyse ja sogar viel weitergehen und sich fragen, warum die Frauen, denen er in Nichts, nichts ein Ich verleihe, meist wesentlich jünger seien als die Mannsgestalten.

     

    Menschen im Abseits der Gesellschaft, im Abseits der Einsamkeit, Menschen, die nicht mehr zueinanderfinden – das sind die Themen des jungen Österreichers. Und seine Sprache ist auf der Suche nach dem passenden Näherungswinkel an Leid, Unglück, Alter und Tod. Vielleicht ist Bernhard Strobel auch nur ein sehr achtsamer Mensch, dem das Unscheinbare noch eine Erzählung wert ist und der sich in aller gebotenen Höflichkeit seinem Sujet nähert. Und er erzählt von diesen Sujets in einem Stil, der wirklich Staunen macht. Soll man ihn abgeklärt nennen? Oder eher souverän? Vielleicht aber auch distanziert? Abgekühlt? Nein, das Staunen rührt aus der meisterhaften Treffsicherheit, mit der Strobel sich an seine Sujets heranarbeitet, mit der er sich seinen Figuren nähert beziehungsweise sie uns erzählerisch nahebringt. Die Sprache passt sich den Begebenheiten an, wo kaum etwas passiert ist auch keine exaltierte Sprache notwendig. Dabei ist sein Ton immer „erwachsen“, ohne „verwachsen“ zu sein. Und er bringt als Surplus auch immer eine gehörige Portion Eleganz mit:

     

    Ich muss zugeben, dass mich ihre Verzweiflung berührte. Sie sagte, sie könne nicht begreifen, dass jemand Spaß daran fände, sich selbst öffentlich so darzustellen. Dann fragte sie, ob ich je von diesem bekannten Kriminologen gehört habe, der hin und wieder im Fernsehen auftrete, von ihm habe sie ein Zitat, nein, nicht direkt von ihm sondern er habe wiederholt einen berühmten Schriftsteller zitiert, dessen Name ihr entfallen sei, jedenfalls heiße es da, dass es Menschen gebe, die in Erfahrungswelten leben, die andere nicht betreten können. Und dass sie sich jetzt vorstellen könne, was damit gemeint sei. Ich war kurz davor, ihr meine Hand auf den Unterarm zu legen. Aber dann dachte ich: sie hätte nicht von diesem Kriminologen sprechen müssen, sie hätte den Schriftsteller auch direkt zitieren können, ohne ihrer Äußerung einen dunklen Beigeschmack zu geben. Und zog die Hand wieder zurück.

     

    Beckett eben

    Resignierte Restmoralisten, Verlierer und Verweigerer der Leistungsgesellschaft – Strobels Personal rekrutiert sich fast durchgehend aus den Reihen der Aus-der-Welt-Gefallenen, der Heimatlosen im gänzlich existenziellen Sinn – eben Weltverlorene. Trauer ist in allen, dazu Unglück, Wut und ein Nicht-recht-wissen-Wohin. Humor gibt es dabei wenig, und wird er von Strobel platziert, so hält er nicht lange, sondern zerfällt schleunig unter der alles, alles beherrschenden Melancholie.

     

    Nichts, nichts typisch österreichisch zu nennen, trägt nicht weit. Das Altkluge, Überlebte, dass sich manchmal Bahn bricht in diesen Texten, in die Aufladung will, der morbide Anhauch – schön und gut, meinetwegen auch austria-deklariert. Aber Strobel zeigt sich so verblüffend eigenständig, und das selbst wenn jeder Satz eine gewisse Abgelesenheit mit sich trägt. In der vermeintlichen Lapidarität oder Ereignislosigkeit seiner Geschichten ist er inhaltlich übervoll, und in seiner Knappheit eine große Bereicherung. Sein nie lauwarmer Blick in entscheidende Lebenssituationen, in stille Wendemarken ist lebensnah und -satt. Er habe eben sehr viel Beckett gelesen, meint er dazu, freundlich ermüdet.

     

    Und selten, doch umso heller, funkelt er dann in der vieles beherrschenden Sachlichkeit seines Sounds aber auf, der Formulierungsdiamant: „Bekömmliches Schweigen“ heißt es da plötzlich – und prompt ist eine ganz neue Dimension da, ein Moment fiktionaler Kraft, der fast schockierend wirkt in seiner Blendkraft, da er uns aus der vermeintlichen Echtheit in wahre Dichtung schleudert.

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