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Benjamin v. Stuckrad-Barre: Auch Deutsche unter den Opfern

19.04.2010

Der Fluch des Ich

In Auch Deutsche unter den Opfern kommt Benjamin v. Stuckrad-Barre endlich mit sich selbst als Protagonist klar. JAN FISCHER über einen überzeugenden Neuanfang.

 

Schau, schau, denkt man sich so, da hat er also wieder ein Buch gemacht.

 

Ein gutes noch dazu.

 

Wurde Zeit, irgendwo zwischen Deutsches Theater und Remix 2 war er ja ein wenig vom Weg abgekommen bzw. pflasterte sich seinen Weg mit eindeutig zu viel Koks.

 

Das ist jetzt nicht nur wegen der Sensationsgier wichtig. Wichtig ist es vor allem deshalb, weil Benjamin v. Stuckrad-Barre bzw. derjenige, der über ihn als Person schreibt, also Benjamin v. Stuckrad-Barre, aber der andere, der, den man in den Texten nicht sieht, einen alten journalistischen Fluch ganz wunderbar illustriert: Den Fluch des Ich.

 

Man sieht auch das sehr gut an Rezensionen, die zu Auch Deutsche unter den Opfern erschienen sind, die sämtlich, um das Buch irgendwie zu beschreiben, einen Eiertanz vollführen und sagen, ja, es sei schon irgendwie Journalismus, aber schon auch irgendwie Literatur, und gar nicht auf den Gedanken kommen, dass das gar nicht das Problem ist. Wie sollten sie auch? In der amerikanischen Reportage ist es ganz normal, den Reporter als Person in die Reportage einzubauen, die deutsche Tradition versteht den Reporter als eine objektive, seelenlose Kamera, die einfach nur aufzeichnet. Die deutsche Reportage kennt nur selten ein Ich.

 

Hier kommt dann Stuckrad-Barre ins Bild, der immer nur über sich selbst schreibt, und den man schon gar nicht mehr eindeutig als Schriftsteller oder Journalisten bezeichnen kann, sondern als seinen eigenen Chronisten: Stuckrad-Barre ist irgendwo und schreibt auf, was er da so sieht, und zufällig sind Günter Grass oder Angela Merkel auch anwesend. Das Problem dabei ist natürlich, dass man zu seinem eigenen Protagonisten wird, sich selbst also als Figur erfinden und an diesem Punkt auch beginnen muss, sich selbst von sich selbst als Figur zu trennen.

 

Stuckrad-Barre gibt es nicht mehr. Es lebe Stuckrad-Barre

Bei Stuckrad-Barre klappte das nicht ganz so gut, und hier kommt dann das Koks: Stuckrad-Barre wurde zu seinem eigenen Protagonisten, wurde zu einer der Figuren, über die er vorher immer geschrieben hatte, wurde es spätestens in Livealbum, in dem er sich selbst als Symptom im Literaturbetrieb porträtierte: Das Text-Ich und das Ich-Ich verwoben sich. Alles Nachfolgende im Stuckrad-Barre'schen Werk kann man dann, wenn man es möchte, wenn man davon absieht, dass es immer auch um etwas anderes geht, als Texte darüber lesen, wie Stuckrad-Barre sich selbst als Figur feinjustiert, aber gleichzeitig auch seinem Leben eine Stuckrad-Barre'sche Dramaturgie auferlegt, die in nichts anderes als einen Absturz münden kann. Dass es dann Udo Lindenberg ist, der ihm da wieder raushilft, ist durchaus konsequent.

 

Auch Deutsche unter den Opfern ist, neben den üblichen, perfekt beobachteten, lakonisch geschriebenen Bestandsaufnahmetexten, dann endlich das Buch, in dem das Text-Ich und das Ich-Ich sich getrennt haben, in dem das Ich, das da beobachtet, ein absichtlich gebautes, ein konstruiertes ist, hinter dem das Ich-Ich verschwindet: Wer in der Redaktion der B.Z. anruft, bei der Stuckrad-Barre sein Büro hat, von dem aus er für Springer arbeitet, dem sagt die Sekretärin dort, so jemanden kenne sie nicht. Stuckrad-Barre gibt es nicht mehr. Es lebe Stuckrad-Barre.

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