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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 28. Mai 2017 | 10:38

    Susan Sontag: Wiedergeboren

    12.04.2010

    Aus dem Leben einer Wiedergeborenen

    Hätte Susan Sontag gewollt, dass ihre Tagebücher veröffentlicht werden? Diese Frage kann auch ihr Sohn David Rieff nicht beantworten und hat sie dennoch herausgegeben. Gerade vier Jahre nach dem Tod der weltberühmten Essayistin lesen sich ihre Journale wie eine Art Making of Susan Sontag, das das Bild der öffentlichen Person durch einen Blick hinter die Kulissen um Privates und Intimes erweitert. Von ANDREAS MARTIN WIDMANN

     

    Liest man die Tagebücher von Thomas Mann, so stößt man zwischen den Kommentierungen des Zeitgeschehens, der eigenen Arbeit und Begegnungen mit einigen der bekanntesten Künstler und Intellektuellen seiner Zeit auch auf viel Belangloses. Man erfährt immer, wie das Wetter war, von Müdigkeit oder schwachem Magen, und wenig aufregend wirkt auch eine Eintragung vom 29. Dezember 1949, die lautet: „Nachmittags Interview mit 3 Chicagoer Studenten über den ›Magic Mountain‹.“ Über den gleichen Nachmittag schreibt die damals sechzehnjährige Susan Sontag: „Heute um sechs haben E, F und ich Gott befragt.“ Nachzulesen ist die Stelle und ein Protokoll der Begegnung zwischen der später weltberühmten Essayistin und dem von ihr verehrten deutschen Schriftsteller im ersten von drei Bänden mit Tagebüchern, der gerade auf Deutsch erschienen ist.

     

    Listen

    Susan Sontag hat mit Ende zwanzig Essays von weitreichender Wirkung geschrieben, nun kann man feststellen, dass sie bereits im Alter von fünfzehn sich selbst vor allem im Hinblick auf Hervorbringungen der Geistesgeschichte sah und sich vom Beginn an ihrer Tagebucheintragungen aus der Distanz betrachtete. Die Lektüre eines Romans von Jack London, hält sie 1950 fest, „fiel genau in die Zeit, als ich das Leben bewusst wahrzunehmen begann, was daran zu erkennen ist, dass ich gegen Ende meines zwölften Lebensjahres mit diesen Notizbüchern angefangen habe“. Vier Monate vor ihrem siebzehnten Geburtstag wirft sie einen Blick zurück auf ihre sechzehn Jahre: „Ein guter Anfang. Könnte besser sein: mehr Gelehrsamkeit, keine Frage, aber es wäre unsinnig mehr emotionale Reife zu erwarten, als ich sie im Moment besitze …“

     

    Ihre Kindheit sei ein Warten auf das Erwachsenwerden gewesen, resümiert sie an anderer Stelle, und in ihrer Jugend beginnt sie das Projekt der Selbstverfertigung, sie bildet sich, um mitreden zu können, um zu beeindrucken, aus intellektuellem Hunger, aber auch von einem Geltungsbedürfnis getrieben. Daran ändert sich auch nichts, als sie mit siebzehn einen ihrer Professoren, Philip Rieff, heiratet, im „beklemmenden Bewusstsein meines Drangs zur Selbstzerstörung“. Über andere Beweggründe findet sich nichts, auch keine Spur von der Geburt des gemeinsamen Sohnes. Stattdessen legt sie Listen an von Büchern, die zu kaufen oder zu lesen sind, von Wörtern, Redewendungen, Slangausdrücken und von Verhaltensmaßregeln ihr Benehmen in Gesellschaft und ihre Hygiene betreffend und füllt Seiten und lose, undatierte Zettel mit disparaten Namen, Wörtern, Zitaten und Gedankenfetzen.

     

    Körper und Geist

    Die Ehe wird erst zum Thema, als sie bereits in Trümmern liegt und für Susan Sontag zur Qual geworden ist, für die sie ein Ventil sucht. „Wer immer die Ehe erfunden hat, war ein genialer Folterer. Die Ehe ist eine Institution, deren Ziel und Zweck die Abstumpfung der Gefühle ist. Es geht ihr nur um Wiederholung. Bestenfalls schafft sie starke wechselseitige Abhängigkeiten“ ist eine Eintragung unter vielen, aus denen der Wunsch spricht, auszubrechen. 1957 macht sie diesen Schritt und geht, mit einem Stipendium ausgestattet, nach Europa. In Paris lebt sie mit Harriet Sohmers Zwerling zusammen, mit ihr unternimmt sie Reisen nach Spanien, Deutschland, Italien und Griechenland, die aber nur punktuell erwähnt werden. Mehr Platz nehmen die inneren Qualen ein, die sie, als die scheinbar Unterlegene in dieser Beziehung, erleidet und die auch daraus entstehen, dass Susan Sontag den eigenen Körper wie einen Fremdkörper in ihrem Leben empfunden haben muss.

     

    Diese Jahre sind bestimmt von der Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität, der Erfahrung der Homo- oder Bisexualität und deren gesellschaftlicher Bewertung. Auch in ihrer Liebesbeziehung mit der Dramatikerin Maria Irene Fornes bleibt das Misstrauen und Mutter zu sein entspricht sichtlich auch nicht ihrem Lebensentwurf, obwohl sie gerichtlich das Sorgerecht für ihren Sohn erwirkt hat. „Ich muss mein Leben so verändern, dass ich es leben kann, statt auf es zu warten. Vielleicht sollte ich David weggeben“, überlegt Susan Sontag 1962, als sie Redakteurin der Zeitschrift Commentary in New York geworden ist und ihren ersten Roman geschrieben hat. Sie steht an der Schwelle zum Ruhm, hier endet der erste Band.

     

    Bildungsroman

    Thomas Mann nutzte sein Tagebuch auch zum Selbstgespräch über seine homoerotische Veranlagung, doch ist das Auge des Lesers darin miteinkalkuliert. Er hat nicht zufällig Verfügungen getroffen und das, was wirklich keiner sehen sollte, bei Zeiten verbrannt. Rieff hingegen berichtet, seine Mutter habe nie darüber gesprochen, was mit den Tagebüchern geschehen solle. Hier liegt das Problem, das vielleicht weniger einem Einzelnen anzulasten ist als einer juristischen Konstellation. Die Tagebücher gehören nämlich inzwischen der Bibliothek der University of California in Los Angeles, an die Sontag ihre Schriften noch zu Lebzeiten verkaufte, und da es offenbar keinerlei Zugangsbeschränkungen gibt, spürt man beim Lesen förmlich den heißen Atem einer Horde von Manuskriptjägern im Nacken.

     

    Wäre es nach ihm gegangen, er hätte noch Jahre gewartet oder die Tagebücher gar nicht freigegeben, schreibt Rieff. Es sei aber nicht nach ihm, sondern vor allem darum gegangen, schneller zu sein, nicht aus einem Profilierungsdrang, sondern um die Arbeit nicht anderen zu überlassen, die sie vermutlich rücksichtsloser erledigt hätten. Faszinierend sind diese ungeschliffenen Notizen ohne Zweifel, aber die Frage bleibt, ob man sich als Leser nicht in den begehbaren Wandschrank geschlichen hat, in dem Susan Sontag die über hundert Hefte aufbewahrte, wissend, dass man nicht erwischt werden kann, weil die Schreiberin gerade sehr weit weg ist. Vorher aber hat Rieff eigenhändig selektiert und dadurch auch komponiert. Was fehlt und warum, kann der Leser nicht wissen.

     

    Als postmoderner Bildungsroman im doppelten Sinn wäre dieses Buch deshalb ein kühn komponierter Wurf, in den sich das Vorwort des Herausgebers mit seinem zweimaligen caveat lector programmatisch fügen würde und in dem sich auch die lückenhafte, willkürliche, um nicht zu sagen schludrige Kommentierung noch als ästhetische Absicht rechtfertigen ließe. In seinem Spagat zwischen dem angeblichen Bestreben um den Schutz des Andenkens einer Frau, die nicht mehr mitreden kann, und der Offenlegung des Privaten ist gerade die Authentizität des Materials problematisch. „Ich schreibe, um mich selbst zu definieren – ein Akt der Selbsterschaffung“, notiert Susan Sontag einmal, und womöglich behält sie in einem ungeahnten Sinn auch recht mit der Einschätzung, ihr Tagebuch halte „nicht mein tatsächliches Leben fest, sondern bietet – in vielen Fällen – eine Alternative dazu“.

     

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