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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. Juli 2017 | 14:46

    Truman Capote, auf Reisen

    29.03.2010

    Ich bin dann mal unten im Café

    Die Capote-Zusammenstellung Truman Capote, auf Reisen ist ein Mixtape, das eigenartige Sachen mit einem anstellt. Von JAN FISCHER

     

    „Alle Truman-Capote-Bücher müssten in silberblaues Leinen gebunden sein“, schreibe ich in mein Notizbuch, aber das ist nur einer dieser Sätze, egal. Wichtig ist, dass ich ihn an einem dieser neuen Tage schreibe, an denen jetzt der elendige Winter von uns abfällt, und denke: Zum Glück gehen kaum Deutsche auf die Straße, um das zu feiern. Die türkische Bedienung im Café lächelt mir zu, als ich „Espresso und ein Glas Leitungswasser“ bestelle, der pakistanische Harfist mit Turban auf dem Kopf baut sein Instrument auf, die Nationalität der Menschen, die auf dem Platz, auf den Bänken in der Sonne herumlungern, kenne ich nicht, aber es sind eine Menge Hauttöne zwischen hellbraun und schwarz dabei, wie eine Parade Kaffees mit verschieden hohen Milchanteilen, und die Sprachen, die sie sprechen, kann ich kaum identifizieren.

     

    Truman Capote, auf Reisen liegt aufgeschlagen auf dem Cafétisch in der Sonne, und die Silberfäden in dem babyblauen Umschlag glitzern im Frühling. „Kaltblütig“, notiere ich, „müsste ein kompromissloses Dunkelblau sein, Yves-Klein-Blau, vielleicht, Frühstück bei Tiffany's einen Ton heller und schmutziger, wie wenn der Himmel an einem regnerischen Tag blau wäre und nicht grau, Andere Stimmen, andere Räume am besten wie der endlos stumpfe Stone-washed-Himmel an einem heißen Sommer im Mittleren Westen.“ Dann setze ich kurz den Stift ab, der pakistanische Harfist hat angefangen, sich warm zu spielen, kristallene Kadenzen schwirren über den Platz. „Solche Sachen macht Capote mit einem“, notiere ich unter meine Ausführungen zur Farbe Blau.

     

    Ein bisschen wie eine Droge

    Und damit wäre eigentlich alles gesagt: Solche Sachen macht Capote mit einem: Ein bisschen wie eine Droge, die ganz sanft die Aufmerksamkeit verwischt und weglenkt, bis die Capote-Welt und die eigene vollkommen deckungsgleich sind. Was natürlich im Fall von Truman Capote, auf Reisen umso schwerer wiegt, weil es Reisereportagen sind, Reportagen im besten Sinn des lateinischen Wortstamms „reportare“ übrigens: Es heißt "zurücktragen", und genau das tun Capotes Reisereportagen in Truman Capote, auf Reisen, sie tragen Capotes längst vergangene Welt – von New York über Tanger über Spanien und Venedig – zurück zum Leser. Manchmal wirken sie dabei roh, unbehauen, wie flüchtig dahingeworfene Notizen. An den besten Stellen ist es, als hätte niemand die Texte geschrieben, sondern als wären sie einfach schon immer da gewesen. In so viel Beiläufigkeit und Leichtfüßigkeit steckt eine Menge Arbeit. Es sieht zwar aus wie Notizen, aber jeder Satz sitzt, jedes Wort evoziert diese Stimmung, in der ich Harfentöne als kristallen bezeichne und beginne über die Farbtöne von Capotes gesammelten Werken zu meditieren.

     

    Truman Capote, auf Reisen, das wäre vielleicht noch zu erwähnen, ist eine Zusammenstellung, ein Mixtape eigentlich, mit Tracks, die verschiedenen seiner Werke entnommen sind, sich aber auch in dieser Zusammenstellung gut machen, zum Beispiel als Reiselektüre im doppelten Sinn: Als Daheimgebliebener pimpt man den Park um die Ecke mit ein bisschen Capote-Feeling, für Reisende ist es eine Blaupause für den Blick, den man entwickeln kann, um wirklich unvergessliche Erinnerungen anzusammeln.

     

    Als ich aufstehe und zahle, hat dann der Harfist sich auf Für Elise eingeschossen, und der Himmel über der Stadt hat dasselbe Blau wie der Umschlag des Buches.

     

     

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    Kommentar:
    Dieser Text ist wirklich eine sehr schöne Capote-Meditation, die sehr viele Gedankenräume öffnet - danke dafür.
    | von Grabow, 02.04.2010

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