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Donnerstag, 30. März 2017 | 06:55

Kathrin Röggla: die alarmbereiten

22.03.2010

Die nächste Katastrophe kommt bestimmt

„mal sehen, wo die riesenameisen, die killertomaten, der tödliche staub bleiben ...“ – Kathrin Röggla entlarvt uns als „die alarmbereiten“. Von VERENA MEIS

 

Mal sehen, ob die Erde bald wieder bebt. Mal sehen, was die Finanzkrise macht. Mal sehen, ob die Russen nun wirklich in Georgien einmarschiert sind. Mal sehen, was Kathrin Röggla uns in die alarmbereiten in altbekannter Kleinschreibung zu sagen hat.

 

„mal sehen“, eine explosive Mischung aus Sensationsgeilheit, Voyeurismus und Langeweile lässt jeden von uns zu Katastrophenexperten und -expertinnen werden. Der nächste Ausnahmezustand ist omnipräsent, unsere Wirklichkeit strotzt nur so vor Katastrophenerzählungen, die immer an einzelne Individuen gekoppelt sind. Damit auch ganz bestimmt das Gefühl der Nähe, des Dabeiseins nicht an mir vorübergeht. 

 

Hinter jeder noch so kleinen Handlung vermuten Kathrin Rögglas „alarmbereite“ in den sieben Episoden, vom „zuseher“ über „die ansprechbare“ bis hin zum „recherchegespenst“, den Ausnahmezustand, den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

 

„es sind die kleinen dinge, die die großen auslösen, die kleinen kräfteverschiebungen, die die großen nach sich ziehen, eine chemische irritation, ein kurzschluss, eine falsche anweisung, ein umgekippter schalter“, warnt uns das Krisen-Ich im ersten Kapitel „die zuseher“

.

Es sind nicht die schon eingetroffenen Katastrophen, die sie ruhelos bis in ihre Sprache hinein werden lassen, es sind die noch auf sie zukommenden Ausnahmezustände: das Schmelzen der Polarkappen, die nächste große Überschwemmung, die noch spürbar werdenden Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, der nächste Amoklauf an einer Schule. Rögglas Krisensubjekte befinden sich auf der Schwelle zur Krise, sind Experten, egal was für eine Katastrophe auf sie zurollt, sie sind sprachlich gewappnet, so scheint es. Neue Begrifflichkeiten wie „toxische kreditflut“ oder „permafrostbild“ gehen wie selbstverständlich über ihre Lippen, sind zur Normalität geworden.


„man müsse in kürze durch einen ganzen haufen von normalität hindurch, insofern dürfe man nicht schon bei der normalität der waldbrände steckenbleiben. man müsse diese normalität schlucken, sie schnellstmöglich verdauen, um zu den nächstmöglichen normalitäten zu kommen, die da noch zu verdauen sein dürften.“

 

Für „die ansprechbare“ wird der Ausnahmezustand durch den physischen Vorgang der Verdauung zum Normalzustand: Die Katastrophe geht bekanntlich durch den Magen.

 

Das Setting ist meist medial: eine Teamsitzung, ein Telefongespräch, ein Brief, ein Elternabend, eine Radiosendung. Die sieben Kapitel der alarmbereiten sind Sprechsituationen, erlebte Rede im Konjunktiv.

 

„aber vielleicht sei ich ja auch so eine art telefongespenst, ein phantom, das nur in den reaktionen der anderen lebt, in den paniken, die ich auslöste. eine art sprachrückkoppelung, ein akustischer rest?“

 

Nicht nur, dass das Ich der sieben Episoden nicht wirklich ausfindig gemacht werden kann, es „vertschüsst“ sich auch noch gerne. Schon allein deshalb, weil Kathrin Rögglas Figuren gelernt haben für andere zu sprechen, ihnen das Wort im Munde zu verdrehen oder es ihnen direkt aus dem Halse zu klauen. Das Ich scheint sich nur im Gegenüber Gehör verschaffen zu können. Latent aggressive Spannungen sind die Regel. Atemlosigkeit wird dem Gegenüber bescheinigt, doch das einzig Atemlose ist die Sprache selbst.

 

Am Ende sind es nur noch Radiostimmen, die übrig bleiben. Die Riesenameisen sind eingetroffen, aber wo ist das Ich? Es bleibt nur die Stauschau. Doch wir seien gewarnt, die nächste Katastrophe ist schon längst im Anmarsch.

 

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