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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 22. Juli 2017 | 00:37

     

    Theodor W. Adorno / Thomas Mann: Briefwechsel 1943-1955

    11.03.2004




    Doktor Faustus & sein hilfreicher Mephistopheles im Gespräch




     

    Den Anteil Adornos an den fiktiven Kompositionen Adrian Leverkühns hat Thomas Mann in seinem "Roman eines Romans", in dem er über "Die Entstehung des Doktor Faustus" schreibt, öffentlich bekannt gemacht. Die musikalische Fachwelt noch mehr als die nur literarisch gebildeten Leser hatte bereits über die Präzision gestaunt, mit der im "Doktor Faustus" nicht nur über Beethovens op.111, sondern auch über Leverkühns Violinkonzert, sein Streichquartett, die "Apocalypsis con figuris" oder "Dr. Fausti Weheklag" beschreibend verhandelt wurde, als gehe es dabei um existente Werke. Dabei waren es ja Erfindungen.

    Jetzt erst, mit dem Erscheinen des vollständigen Briefwechsels zwischen Theodor W. Adorno und Thomas Mann, wird erkennbar, wie sehr Thomas Mann aus dem Vollen der Adornoschen Mitarbeit geschöpft hat. Denn im Anhang des Briefwechsels sind die erhaltenen Vorgaben Adornos publiziert, die der Schriftsteller, wie er schon im ersten Brief von 1943 bemerkt, in sein im Entstehen begriffenes Haupt- & Spätwerk einmontiert hat: "Ich scheue in diesem Falle vor keiner Montage zurück, habe das übrigens nie getan. Was in mein Buch gehört, muß hinein und wird von ihm auch resorbiert werden". Das ist ihm mit Adornos schriftlichen Fixierungen so bruchlos gelungen - wie dann später die stilistisch perfekte Fortsetzung des "Felix Krull"-Fragments, dem er sich nach Jahrzehnten zuletzt wieder zuwandte und dessen Erzählton er traf, als hätte es keine Unterbrechung gegeben.

    Auch ist Adornos "Philosophie der neuen Musik", die Thomas Mann im Typoskript las (wie der dialektische Meisterdenker das Entstehen des "Doktor Faustus" lesend begleitete) in den Roman eingegangen. Damit auch Adornos Kritik an Schönbergs Zwölfton-Musik, deren Erfindung Leverkühn zugesprochen wurde, was dem gleich den beiden anderen im kalifornischen Exil lebenden Schönberg nach Erscheinen des Romans zuerst schmeichelte, aber dann aufs Höchste empörte. Nicht aber, weil sie im Roman als "Teufelswerk" inkriminiert wird, sondern weil sein 12Ton-Kind einem fiktiven Komponisten zugeschrieben wurde statt ihm.
    In absurden Ausfällen hat der späte Schönberg mehrfach gegen Thomas Mann deshalb polemisiert, bis ihm Mann schließlich ankündigte, er werde einen ersten zustimmend-freundlichen Brief Schönbergs publizieren, worauf so etwas wie Versöhnung einkehrte, die durch Schönbergs Tod nicht mehr öffentlich gemacht werden konnte.
    Adorno erwähnt aber auch einmal gegenüber Mann, dass ihn "christliche Kritiker (...) offiziell zu Ihrem Teufel ernannten", was Thomas Mann "ja wohl nicht unbekannt geblieben sei". Der Philosoph spielt dabei darauf an, dass einigen Lesern, die Adorno kannten, nicht verborgen geblieben war, dass der sich im Gespräch mit Leverkühn materialisierende Teufel unverkennbar Adornos Physiognomie besitzt. "Hoffentlich", schreibt der so auch noch als physische Erscheinung in dem "Faustus" Zitierte etwas schief und kryptisch, "dünkt Ihnen das Klima dieser Hölle nicht weniger anheimelnd als mir". Thomas Mann schweigt zu seiner literarischen "Montage", die man wohl nicht nur als private joke ansehen kann, sondern zumindest als zweideutige Hommage an seinen musikalisch-intellektuellen Einflüsterer. Und dass ihm der denkbrillante TWA durchaus unheimlich und als Geist, der stets verneint, auch mephistophelisch vorkam, belegt ein späterer Brief, in dem der Ironiker von dem negativen Dialektiker um eine Positives nachsuchte, was ihm Adorno in einem langen Brief ebenso höflich wie nachsichtig als unstatthaft abschlug.

    Aber diese in der deutschen Literaturgeschichte einmalige & fruchtbare Zusammenarbeit, aus der der "Doktor Faustus" hervorging, hatte als tertium comparationis eine gemeinsame intime musikalische Kenntnis und Kennerschaft, ohne die eine solche symbiotische literarisch-intellektuelle Verschmelzung nicht möglich gewesen wäre. Für Adorno, der zur Zeit der Publikation des "Romans eines Romans" (1949) und der Offenbarung seiner Kooperation mit dem größten lebenden deutschen Schriftsteller, seinen herausragenden Namen noch nicht hatte, den er sich erst danach erschrieb, war es wohl der größte persönliche Glücksfall seines Lebens: "Mit größter Spannung blicke ich auf die Hintertür zur Unsterblichkeit, die mir Ihr `Roman eines Romans´ eröffnen wird. Was es für mich heißt, daß Sie die Wahrheit an meinen exzentrischen Unternehmungen erkannt haben und nun gar ins öffentliche Licht rücken wollen, brauche ich Ihnen nicht zu sagen".

    Aber auch Thomas Mann hat in dem Philosophen dessen Rang als Analytiker und Theoretiker erkannt, und obwohl man längst weiß, dass "der Zauberer" in seinen mannigfachen Briefschaften ohne die wohlformulierte Flatterie und die Zwecklüge nicht auskam, wenn ihm Bücher anderer zugeschickt worden waren, darf man doch annehmen, dass er Adornos Bücher und Aufsätze mit der Neugier und offensichtlichen Bewunderung gelesen hat, die er dem Autor mehrfach übermittelt. Vor allem bei Adornos Wagner-Buch wird ja von Eigenstem gesprochen, nämlich in einer Mischung aus immer erneuter Verfallenheit und kritischer Distanz. Da erlaubt sich der Schriftsteller sogar einmal korrigierenden Einspruch. Die Worte aber, die Thomas Mann für die "Minima Moralia" findet - dem Buch unter Adornos Werken, das dem literarischen Artistentum im Sinne Nietzsches (und damit dem Schriftsteller Thomas Mann) am nächsten kommt - dürften demnächst die Banderole der Suhrkamp-Ausgabe zieren: "Was für eine glückliche Form, der long aphorism oder short essay Ihrer Minima Moralia! Ich habe Tage lang an dem Buch magnetisch festgehangen, es ist, jeden Tag wieder, eine faszinierende Lektüre, konzentrierteste Kost, (...) ein ungeheuer starkes Gravitationszentrum".

    Es gehört zur innersten Tragikomik dieses Briefwechsels, dass sich die Adornos und die Manns, nachdem beide das kalifornische Exil zu immer häufigeren europäischen Besuchen verlassen hatten (und am Ende beide in Zürich und Frankfurt a.M. wieder sesshaft geworden waren), sich persönlich nicht mehr trafen, so oft sie es auch versuchten. Diese lokalen und zeitlichen Verfehlungen in Los Angeles, Frankfurt a.M., Paris oder im Engadin haben etwas ausgesprochen Absurdes, hinter dem Metaphysiker ein Böses walten sehen und Psychoanalytiker wechselseitige Verdrängungen mutmaßen könnten: als sollten sich die beiden damit begnügen, "einmal (wie Götter) gelebt zu haben / und mehr bedarf´s nicht" (Hölderlin). Wir verdanken aber dieser Absurdität den Briefwechsel, der sich bis in die unmittelbare Nähe von Thomas Manns Tod 1955 erstreckt.
    Über den primären Anlass des "Doktor Faustus" hinaus ist der Briefwechsel, neben Adornos respektvollen Adnoten zu Thomas Manns Roman "Der Erwählte" und der weitreichend verrissenen Erzählung "Die Betrogene" auch in politischer Hinsicht von hohem Interesse. Der späte Thomas Mann, tief beunruhigt wegen des auch auf ihn zielenden McCarthyismus, behielt seine tiefe Skepsis gegenüber Deutschland bis zuletzt bei. Es bleibt ihm "unheimlich" und dessen "Lebensfreude und unglaubliche Urständ (bringen) mich immer wieder zum Lachen": - zu einem bitteren Lachen über "dieses fabelhafte Volk", dessen "efficiency" es dahin gebracht hat, daß "(heute schon) der `Faustus´ wie veraltet, überholt, widerlegt erscheint, wenn man ihn als Allegorie für `Deutschland´ nimmt".
    Adorno rät Thomas Mann anfänglich ab, nach Europa zu gehen, und relativiert Thomas Manns Kulturpessimismus. Auf dessen "Was ich kommen, unaufhaltsam heraufziehen und sich ausbreiten sehe, ist einfach die Barbarei", antwortet der Philosoph historisch relativierend: "Das Gefühl des Wir sind die letzten (...) hat selber schon seine lange Geschichte", und er fügt 1952, als er für 1 Jahr noch einmal in Los Angeles war, noch etwas hinzu, was dem Briefpartner gar nicht gefallen mochte, uns aber den als "rigide" bekannten Adorno von einer erstaunlich optimistischen Seite zeigt: "Wenn ich etwas Beglückendes von den Jahren in Deutschland mitgenommen habe" - wohl gemerkt: er spricht von seinen Nachkriegserfahrungen in Frankfurt am Main! -, "dann war es die (...) Erfahrung, daß es mit dem Rückfall in die Barbarei doch nicht ganz so sich verhält, wie wir zu unterstellen immer wieder verführt werden; selbst die These vom Absterben der Bildung hat sich mir im Umgang mit jener Gruppe von jungen Menschen, mit denen wir arbeiten konnten, aufgelöst". Deshalb rät er nun auch Thomas Mann zur Rückkehr nach Europa, damit es ihm " auch dieses Tröstliche gebe". Weniger des Trostes wegen als aus Abscheu vor dem "faschistischen Amerika" kehrt Thomas Mann zurück. Als ihn die Adornos im Sils-Marianischen "Waldhaus" im Spätsommer 1955 erwarten, schreibt er ihnen vom Krankenbett im Zürcher Kantonsspital aus: " Sie werden die Hesses finden, aber nicht mich". Am Tag nach Thomas Manns Tod, schreibt noch im "Waldhaus" am 13.8. "Ganz Ihr Teddie Adorno" seinen einzigen Brief an die Witwe Katia Mann, und der endet mit dem Satz: "Ich habe ihn sehr, sehr geliebt".


    Von Wolfram Schütte



    Theodor W. Adorno / Thomas Mann: Briefwechsel 1943-1955.
    Herausgegeben von Christoph Gödde und Thomas Sprecher,
    Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a.M. 2002, 179 Seiten, 24.90 Euro
    ISBN 3518583166

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