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Cornelia Travnicek: Fütter mich

01.03.2010

Die fetten Jahre sind vorbei

Vordergründig versammelt dieser schmale Band Geschichten vom Essen. Doch hintergründig lauern Mord und Totschlag hinter der Fassade des Alltäglichen. INGEBORG JAISER hat diese Neuerscheinung mit Genuss und Erstaunen verschlungen.

 

Lindgrün, kakaobraun und himbeerrosa lockt die Lakritz- und Fruchtgummimischung in verführerischer Makroaufnahme auf dem Buchumschlag. Fast könnte einem der Speichel im Mund zusammenlaufen, wenn sich nicht jenseits des Covers unerwartete Abgründe auftäten – in Geschichten vom Essen und Trinken, vom Leben und Sterben. Geschichten, die oft belanglos beginnen, scheinbar harmlos enden und doch einen leisen Schrecken, eine beunruhigende Irritation in sich bergen.

 

Heimat ist da, wo man sich aufhängt

Lose zieht sich die Thematik der Nahrungsaufnahme durch alle elf Storys: Da ist der autistische Junge, der wahllos bunte Papierschnipsel und Reißzwecke schluckt; die Urgroßmutter, der die Panade des Wiener Schnitzels unterm Gebiss scheuert; die Frau, die in einer verirrten Amour fou von ihrem Liebhaber zu Tode gemästet wird; der jugendliche Amokläufer, der auf einer Party nacheinander fünf Bierflaschen leert und mit der letzten einer Mitschülerin den Kopf einschlägt. Kurz darauf richtet er mit der entwendeten Waffe seines Vaters ein verheerendes Blutbad an. Spätestens hier hat uns die Realität erreicht. „Da war den Leuten, als würden die beiden Türme ein zweites Mal einstürzen, aber irgendwie viel näher.“

 

Mit ihren gerade mal 116 Seiten ist diese Sammlung von Erzählungen ein Leichtgewicht – und dennoch schwer verdaulicher Stoff, in einer Mogelpackung getarnt. Cornelia Travnicek versteht es, den Leser mit einfachen Worten und ungekünstelten Sätzen einzufangen, ihm ein bekanntes, heimatliches Gefühl unterzujubeln. Doch der Schreck, die Überraschung, das Unfassbare kommen unterschwellig daher. Skurril und abgedreht, realistisch und expressionistisch, geheimnisvoll und alltäglich sind diese Storys, die allesamt um den Hunger kreisen, auch wenn es nur der Hunger nach Anerkennung und Aufmerksamkeit ist.

 

Neues österreichisches Fräuleinwunder

Wer hinter diesen Geschichten eine alterserfahrene Autorin vermutet, täuscht sich. Cornelia Travnicek ist eben 23 geworden und studiert in Wien Sinologie und Informatik. Fütter mich ist bereits ihr viertes Buch, nach Prosastücken über verkorkste Familienverhältnisse und bizarre Jugendverwirrungen. Schon wird die aus St. Pölten stammende Nachwuchsschriftstellerin als neues österreichisches Fräuleinwunder gehandelt und mit Auszeichnungen überschüttet. Dabei ist sie nur krankhaft süchtig nach dem geschriebenen Wort. Ganz Kind ihrer Zeit agiert sie souverän auf Blogs, Facebook und Twitter. Breitet ihr Leben wie ihr Schreiben öffentlich aus und wundert sich manchmal über den ganzen Hype. Stellt man ihr die Frage „Warum schreiben Sie?“, kommt als erstaunte Gegenfrage zurück: „Und warum schreiben Sie nicht?“

Ja, warum eigentlich nicht?

 

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